Forschung und Industrie setzen grosse Hoffnungen auf Genom-Entschlüsselung
Die fast vollständige Entschlüsselung des Genoms wird nach Einschätzung von Schweizer Wissenschaftern Biologie und Medizin des 21. Jahrhunderts nachhaltig verändern. Sie erhoffen sich von dem Durchbruch neue Therapie-Methoden.
Von einem grossen Erfolg sprach Adrian Rüegsegger vom Schweizerischen Wissenschaftsrat gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Allerdings nütze die reine Entschlüsselung wenig. Die Informationen müssten ausgewertet, die Funktionsweise der Mechanismen müsse erkannt werden. Dies sei aber noch ein grosses Stück Arbeit.
Für Professor Stylianos Antonarakis, Chef der Abteilung für medizinische Genetik an der Genfer Universität, ist die Genom- Entschlüsselung die wichtigste medizinische Entdeckung des Jahrhunderts. Er verglich den Forschungserfolg mit den Erkenntnissen der Medizin über die menschliche Anatomie im 16. Jahrhundert.
Medikamente und Therapien in zehn Jahren
Antonarakis leitet das einzige Laboratorium in der Schweiz, das am Human Genetic Project (HGP) beteiligt ist. Dieses Projekt läuft schon seit zehn Jahren. Was der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, sei das Resultat jahrelanger Arbeiten. Praktisch jeden Tag legten die Forscher dieses Projekts Ergebnisse ihrer Arbeiten aufs Internet.
Schnelle greifbare Resultate – etwa in Form von Medikamenten – seien nicht zu erwarten, warnte der Wissenschafter. Er rechnet mit einem Zeitraum von etwa zehn Jahren, in dem neue Medikamente und Therapien zur Behandlung bisher unbehandelbarer Krankheiten entwickelt werden könnten.
Grosses Interesse der Pharma-Industrie
Die Pharmaindustrie investiert massiv in diesen jungen Forschungsbereich. Roche beispielsweise hat sein Institut für Immunologie geschlossen und durch ein Genom-Forschungs-Insititut ersetzt.
Für Roche geht es nun darum, jene Gene zu identifiziren, die im Krankheitsgeschehen eine Rolle spielen, um so die molekularen Krankheitsbilder des Menschen aufzuklären. Die angewandte medizinische Genomforschung sei daher für das Unternehmen von zentraler Bedeutung, teilte Roche am Montag mit.
Mit einer verstärkten Ausrichtung auf die medizinische Genomforschung werde Roche die neuen Erkenntnisse aus dem HGP zur Erforschung und Entwicklung massgeschneiderter Diagnose- und Thearpievervfarhen nutzen.
Félix Räber von Novartis betonte, sein Unternehmen habe schon Zugang zu den einschlägigen Informationen. Ob 99 oder 100 Prozent des Genoms entschlüsselt sei, spiele keine so grosse Rolle. Die Genomforschung im Gesamten sei wichtig für die Entwicklung neuer Therapien.
Patentfrage von grosser Bedeutung
Novartis investiere grosse Summen in diese Arbeiten. In ihr 1998 gegründetes Institute for Functional Genomics in Kalifornien wird sie in den kommenden zehn Jahren 250 Mio. Dollar stecken. Für die Pharmaindustrie wird nach den Worten Räbers die Patent- Frage auf diesem Gebiet wichtig werden. Darin stimmt ihm Gérard Escher von der Gruppe für Wissenschaft und Forschung im Departement des Inneren zu. Bei der Patentierung gehe es nicht um die Forschungsergebnisse, sondern vor allem die Produkte, die auf Grundlage dieser Ergebnisse entwickelt werden.
swissinfo und Agenturen
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