Gesundheit auf dem Mikrochip
Im Tessin wird die elektronische Gesundheitskarte in einem Pilotversuch eingeführt.
Damit sollen Leistungen besser abgestimmt und Kosten gesenkt werden. Die Speicherung von Gesundheitsdaten auf einer Chip-Karte ist ein tiefgreifender Kulturwandel.
Die italienische Schweiz zeigt einmal mehr, dass sie in ihrer Sozial- und Gesundheitspolitik eine nationale Spitzenposition einnimmt: Der Tessiner Grosse Rat hat vor kurzem einen Kredit von einer Million Franken verabschiedet, der die konkrete Testphase der elektronischen Gesundheitskarte in einem Pilotversuch ermöglicht.
Marzio Della Santa vom kantonalen Gesundheits- und Sozialdepartement ist Projektleiter für das Dossier Gesundheitskarte. «Zu Beginn des Jahres 2005 werden rund 4000 Patienten sowie 3-4000 Leistungserbringer wie Ärzte, Apotheken und Spitäler die Karte in der Region Lugano testen,»
sagt er gegenüber swissinfo.
Das Projekt ist vor zwei Jahren lanciert worden. Eingebunden wurden Vertreter des Kantons, der Patientenverbände, von Krankenkassen und Spitälern. Della Santa: «Wir haben gemeinsam nach Lösungen für das Problem der Datenerfassung von Gesundheitsdaten gesucht.»
Eine Karte kann Leben retten
Die Karte hat Kredit-Kartenformat und ist mit einem Mikrochip ausgerüstet. Nur ein spezielles Lesegerät erlaubt den Zugriff auf die abgespeicherten Patientendaten.
«Auf der Karte kann die gesamte Krankheitsgeschichte eines Patienten verzeichnet sein, aber auch spezielle Informationen wie Allergien, Impfungen oder eingenommene Medikamente», sagt Della Santa. Die Patienten bringen die Karte immer mit, wenn sie einen Arzt oder Apotheker aufsuchen.
«Die Patienten können aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes mittels eines Pin-Codes selber bestimmen, welche Daten registriert werden sollen und wer welche Daten abrufen kann», so Della Santa.
Viele Vorteile
Für Della Santa liegen die Vorteile auf der Hand. In Notfällen könne die Karte sogar helfen, Leben zu retten. Und ausserdem liessen sich die Gesundheitskosten verringern.
Bekanntlich sind die ständig steigenden Gesundheitskosten eines der grössten Sorgenkinder der Bevölkerung in der Schweiz. Die Gesundheitskarte stellt daher ein wichtiges Element für die künftige Gesundheits- und Sozialpolitik dar. Wie aktuell das Thema ist, zeigt auch die Abstimmung über die SP-Gesundheitsinitiative am kommenden 18. Mai.
Gesundheitskarte im Ausland…
Diverse Arten der Gesundheitskarte sind schon im Ausland, in Kanada, USA und Japan, sowie in vielen europäischen Ländern getestet worden. Besonders weit fortgeschritten sind Deutschland, Frankreich und Italien. Die Region Lombardi plant sogar, den Mikrochip für Gesundheit in eine herkömmliche Kreditkarte zu integrieren.
In vielen Nationen ist die Gesundheitskarte eingeführt worden, um Verwaltungsabläufe zu verbessern und zu beschleunigen. Allerdings handelt es sich in vielen Fällen noch um eine Versicherungskarte, auf der einzig Angaben zur Versicherungsart der Patienten verzeichnet sind. Einzelne Krankenkassen in der Schweiz haben diese Karten auch eingeführt.
…und in der Schweiz.
Auch die Schweiz hat sich im Rahmen der bilateralen Verhandlungen mit der EU dazu verpflichtet, eine Versicherungskarte mit eurokompatiblem Mikrochip einzuführen. «In der Schweiz steht momentan die landesweite Einführung einer Versicherungskarte zur Diskussion, um den Versicherungsstatus von Patienten schnell zu eruieren und Verwaltungskosten einzusparen», sagt Marzio Della Santa.
Allerdings unterliegt die Gesundheitspolitik den einzelnen Kantonen. Die Entwicklung einer Gesundheitskarte, die über die buchhalterischen Aspekte einer Versicherungskarte hinausreicht, kommt somit den Kantonen zu. Deshalb ist das Tessin aktiv geworden.
Von der Gesundheitskarte zum Netzwerk
«Das Tessin nimmt in der Schweiz eine Vorreiterrolle ein. Es wird viele Jahre dauern, bis sich das Prinzip einer Gesundheitskarte in der Schweiz durchsetzt und akzeptiert sein wird», meint Della Santa.
Die Ambitionen einer Gesundheitskarte gehen aber noch weiter: Sie soll zum verbindenden Element in einem Netzwerk werden, in dem alle Partner des Gesundheitssystems miteinander verbunden werden.
«Das gegenwärtige Gesundheitssystem ist sehr zersplittert; eine Hand weiss nicht, was die andere macht», sagt Della Santa. Es müsse eine bessere Koordination geben, um die Effizienz auf allen Ebenen zu steigern. Im Bereich der Kosten, der Verwaltung, der Vorsorge und der Behandlung.
Wie in anderen Bereichen – beispielsweise mit der Einführung der Geldautomaten – brauche es viel Zeit, bis sich Kunden an ein neues Instrument gewöhnen und dieses akzeptieren. Della Santa ist aber überzeugt, dass dies auch bei der Gesundheitskarte möglich sein wird – im Interesse des Gesamtwohls.
swissinfo, Maddalena Guareschi
Beginn des Pilotversuchs im Tessin: 2005
Teilnehmende: zirka 4000 Patienten, 3-4000 Leistungserbringer (Ärzte, Apotheken, Spitäler)
Ziel der Chipkarte ist eine Kostensenkung und eine bessere Abstimmung erbrachter Leistungen
In den nächsten Jahrzehnten könnte die Gesundheitskarte landesweit eingeführt werden
Viele europäische Länder erproben die Gesundheitskarte bereits
Der massive Anstieg der Gesundheitskosten und die Unübersichtlichkeit erbrachter Leistungen wird in der Schweiz zusehends zu einem unlösbaren Problem.
Eine elektronische Gesundheitskarte könnte helfen, die Kosten zu senken und die Leistungen besser abzustimmen. Das Tessin führt als erster Schweizer Kanton die Gesundheits- bzw. Patientenkarte in einem Pilotversuch ein.
Die Teilnehmenden müssen jedes Mal, wenn sie eine Leistung in Anspruch nehmen, ihre Karte mitbringen, beim Arzt, Apotheker oder auch im Spital. Die Chipkarte kann nur mittels eines speziellen Lesegeräts von autorisierten Personen gelesen werden.
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