Gewerkschaften: Trendwende in Sicht?
Die Demonstrationszüge zum Tag der Arbeit (01.05.) wurden im letzten Jahrzehnt immer kleiner. Erstmals nun seit 1990 verzeichnen die Gewerkschaften einen Mitglieder-Zuwachs. Ob die Krise der Gewerkschaften damit ein Ende gefunden hat, ist fraglich. Zu tief sitzen die strukturellen Probleme der traditionellen Arbeitnehmer-Organisationen.
Wie in den meisten OECD-Ländern haben in den vergangenen zehn Jahren auch die Gewerkschaften in der Schweiz einen schmerzlichen Aderlass hinnehmen müssen. Ende 2000 waren unter dem Dach des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) rund 16 Prozent weniger Mitglieder vereint als 1990. Damit verbunden ist auch ein Ausfall von Mitglieder-Beiträgen in Millionen-Höhe.
Als Ursache für den Mitglieder-Schwund der neunziger Jahre nennt SGB-Präsident Paul Rechsteiner gegenüber swissinfo den wirtschaftlichen Strukturwandel. Insbesondere in Bereichen mit traditionell starker Gewerkschafts-Präsenz, wie etwa dem Industriesektor oder dem öffentlichen Sektor, habe ein Schrumpfungs-Prozess eingesetzt. Den damit verbundenen Rückgang der Beschäftigten-Zahl hätten auch die Gewerkschaften zu spüren bekommen.
Trendwende in Sicht?
Seit Anfang 2001 boomen die Gewerkschaften wieder und die Zahl der Neueintritte ist so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Die Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI) sowie der Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) konnten im ersten Quartal je über 1’000 neue Mitglieder rekrutieren. «Es zeigt sich, dass die Überlegungen des Kollektivs nach einem Jahrzehnt der Vereinzelung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer endlich wieder an Boden gewinnen», kommentiert Rechsteiner die jüngste Entwicklung.
Ganz anders interpretiert Klaus Armingeon, Leiter des Instituts für Politikwissenschaften der Universität Bern und Autor des Buches «Gewerkschaften in der Schweiz» die jüngste Entwicklung. «Die Probleme der Gewerkschaften in der Schweiz sind ausserordentlich schwerwiegend», sagte Armingeon gegenüber swissinfo.
Die Gewerkschaften hätten sich noch zuwenig an die veränderte Beschäftigungs-Struktur angepasst, als dass von einer Trendwende gesprochen werden könne. Weder sei es ihnen gelungen im expandierenden Dienstleistungsbereich neue Mitglieder zu gewinnen noch hätten sie es geschafft, in den Kreis der höher qualifizierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einzudringen.
Schwieriger Dienstleistungs-Bereich
Ganz untätig blieben die Gewerkschaften indes nicht. Zumindest teilweise versuchen sie die bestehenden Defizite zu korrigieren: Die laufende Mindestlohn-Kampagne etwa hat die Tiefstlöhne im Gastgewerbe und im Detailhandel im Visier. Ziel der medienwirksamen Kampagne ist auch eine bessere Verankerung der Gewerkschaften im Dienstleistungs-Sektor. Denn laut Rechsteiner ist dessen tiefer Organisationsgrad mit ein Grund für dessen schlechten Arbeitsbedingungen.
Noch wenig läuft am anderen, gutbezahlten, Ende des Dienstleistungs-Sektors. Rechsteiner räumt ein, dass in den neuen Berufen wie z.B. Informatik der Gedanke des Kollektiven und der gewerkschaftlichen Absicherung erst noch an Boden gewinnen müsse. Er hofft jedoch auf einen Lernprozess, nachdem sich gezeigt habe, dass auch in diesen Bereichen die Beschäftigung nicht einfach gesichert sei.
Klaus Armingeon hingegen ist der Ansicht, dass ein Mentalitäts-Wandel der Beschäftigten allein nicht ausreicht. Die Gewerkschaften müssten ihre Organisations-Strukturen und Programme grundlegend verändern, um für die höher qualifizierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie für Beschäftigte in den neuen Berufen interessant zu werden. Denn diese, so Armingeon, würden sich nicht mehr von den alten Zielen angesprochen fühlen, die in den fünfziger und sechziger Jahren entwickelt worden seien. «Dazu gehört insbesondere die Individualisierung, der Anspruch auf Selbstbestimmung auch innerhalb der Gewerkschaft. Die Absage an einen zu paternalistischen Staat, den die Gewerkschaften bislang ja immer wieder gefordert haben.»
Die Zukunft der Gewerkschaften
Nicht nur die wirtschaftlichen Strukturen ändern sich, auch die Biographien der Arbeitnehmer sind im Wandel: Viele Menschen sind nicht mehr ein Leben lang im gleichen Beruf tätig, sondern wechseln während ihres Arbeitslebens mehrfach ihre beruflichen Tätigkeit. Diese Veräderungen verlangen von den Gewerkschaften zusätzliche Anpassungen. Rechsteiner ist deshalb überzeugt, dass die Gewerkschaft der Zukunft interprofessionell ausgerichtet sein muss.
In Deutschland ist durch die Fusion von fünf Gewerkschaften eben die interprofessionelles Gewerkschaft Ver.di entstanden. Diese vereint rund drei Millionen Mitglieder aus mehr als 1’000 Berufen. Auch in der Schweiz ist ein solches Projekt in Vorbereitung und wird über den Zusammenschluss von einzelnen Gewerkschaften diskutiert. Eine Fusion bringt den Gewerkschaften auch handfeste Vorteile, können sie doch so ihre Organisations-Kosten senken.
Für den Politologen Armingeon liegt die Zukunft der Gewerkschaften indes im genauen Gegenteil: In der Schweiz seien kleine Berufs- und Gruppen-Gewerkschaften seit Jahren auf Erfolgskurs. Ihr Problem seien nicht die sinkenden Mitglieder-Zahlen, sondern die hohen Organisations-Kosten. «Und das dürfte die Spannungen sein, mit denen die Gewerkschaften konfrontiert sind: Lebensfähige Organisationen zu finanzieren und dennoch attraktiv für Mitglieder zu sein, die sich nun nicht als Mitglieder der Arbeiterklasse definieren, sondern als Mitglieder einer eng definierten Berufsgruppe»
Hansjörg Bolliger
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