Trockenheit heizt Bewässerungs-Kontroverse an
Die Schweiz sitzt seit Wochen auf dem Trockenen. Der grosse Regen, den die Natur so dringend bräuchte, ist nicht in Sicht.
Zur Verhinderung von späteren Ernteausfällen und zur Erhaltung der Bodenqualität bewässern die Bauern ihre Felder schon jetzt – nicht zur Freude der Umweltschützer.
Die seit Wochen andauernden hohen Temperaturen und die Trockenheit bescheren der Schweiz nicht nur grosse Wald- und Flurbrandgefahr. Auch die Gewässerpegel leiden darunter.
Es wird befürchtet, dass sich die Situation in der Landwirtschaft ähnlich entwickelt wie im Hitzesommer 2003. Damals erlitten die Bauern Verluste von rund 400 Millionen Franken.
Wasser- und Nährstoffmangel
Bleiben die Niederschläge auch in den nächsten zwei Wochen aus, so könnte es laut der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon (ART) kritisch werden.
In Böden mit geringer Wasserrückhaltung für Pflanzen würden bereits kritische Werte im Unterboden erreicht. Dann dürften die meisten Ackerkulturen unter Wasser- und Nährstoffmangel leiden.
Erweiterte Hilfe vom Bund
Die ART rät den Bauern, jetzt schon mit der Bewässerung ihrer Felder zu beginnen. Damit könnten nicht nur spätere Ernteverluste verhindert, sondern auch wichtige Bodeneigenschaften erhalten werden.
Nachdem der Bund jahrelang ausschliesslich Bewässerungsprojekte in den inneralpinen Trockentälern des Wallis und Südbündens unterstützt hatte, finanziert er seit 2002 auch Beregnungsanlagen in der übrigen Schweiz.
Von dieser neuen Subventionspraxis in Millionenhöhe profitieren vor allem Gemüse- und Obstbauern.
Falscher Anreiz
Seit dem Hitzesommer 2003 zeigen die Bauern ein wachsendes Interesse an der Bewässerungs-Entwicklung. Was die Bauern freut, stört die Umweltverbände. Für sie droht eine weitere Übernutzung der jetzt schon wenig Wasser führenden Flüsse und Bäche.
Für Pro Natura ist die Politik, in der ganzen Schweiz Bewässerungsanlagen zu subventionieren, ein falscher Anreiz zur Lösung des Problems. «In Zukunft, wenn Trockenperioden häufiger werden, müssen langfristige Lösungen gesucht werden», sagt der Sprecher des Umweltverbandes, Roland Schuler, gegenüber swissinfo.
Wasserknappheit einberechnen
Die Schweizer Landwirtschaft stehe vor einer grossen Herausforderung, mit diesen neuen Unsicherheiten umgehen zu können. «Bewässerungsanlagen im grossen Stil von Genf bis St. Gallen sind nur eine kurzfristige Lösung und können das Problem der Trockenheit nicht am Schopf packen.»
Langfristige Lösungen seien allerdings schwierig, räumt Schuler ein. «In Zukunft muss aber in der Fruchtfolgen-Planung eines landwirtschaftlichen Betriebes vermehrt die Knappheit des Elementes Wasser einberechnet werden. Man muss allenfalls Fruchtfolgen anpassen», so Schuler.
Nur bedingte Bewässerungs-Subventionen
Dem kann Jürg Fuhrer von Agroscope zustimmen. Subventionen für Bewässerungsanlagen seien nur «bei hochwertigen Kulturen, zum Beispiel beim Gemüse», angebracht.
«Wir müssen alle Alternativen in Betracht ziehen, um den Wasserbedarf der Landwirtschaft zu senken. Hier denke ich vor allem auch an technische Möglichkeiten», sagt Fuhrer gegenüber swissinfo.
Gefahren für Lebewesen in Gewässern
Die Empfehlung von Agroscope an die Landwirte, jetzt schon zu bewässern, mag für Pro Natura-Sprecher Schuler «als kurzfristige Notfallstrategie» sinnvoll sein. «Was aber nicht geht, ist, dass man aus kurzfristigen Aktionen langfristige Ertragssteigerungen zu realisieren versucht.»
Wenn man kleinen Gewässern bei Trockenzeiten Wasser entnehme, so erwärme sich das Restwasser. «Das hat unmittelbare negative Auswirkungen auf die Fische und andere Lebewesen», so Schuler.
Vertrauen in Gewässerschutz-Gesetz?
Andreas Schild vom Bundesamt für Landwirtschaft weist gegenüber swissinfo darauf hin, dass die Bauern ihre Beregnungsanlagen nicht einfach mit Wasserentnahmen aus kleinen Gewässern fütterten. «Zudem gibt es ja das Gewässerschutz-Gesetz von 1991.» Die Kantone seien dafür besorgt, Übertretungen zu vermeiden.
Die Umweltverbände sind skeptisch. Eine totale Kontrolle ist für sie nicht möglich. Tatsächlich käme es vor, dass Landwirte für ihre Beregnungsanlagen kleine Gewässer anzapften.
swissinfo, Jean-Michel Berthoud
Wegen der grossen Trockenheit haben bisher 20 Schweizer Kantone das Entfachen von Feuern im Freien oder im Wald und an Waldrändern verboten.
Kein Feuerverbot gibt es bisher in den Kantonen Bern, Genf, Solothurn, Schaffhausen, Thurgau und Zürich.
In den letzten Tagen ist es zu mehreren Waldbränden gekommen. Oberhalb von Ascona wurde eine Fläche von rund 200 Hektaren Schutzwald zerstört.
Die Meteorologen erwarten auch für die nächste Woche keine intensiven Regenfälle.
Mit fünf Grad über der Durchschnittstemperatur ist der April 2007 der Wärmste seit Beginn der Messungen 1864.
Trockenheit in der Landwirtschaft wird mit der Klimaerwärmung immer mehr zum Thema.
Untersuchungen der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon (ART) belegen für die nächsten 30 bis 50 Jahre eine zunehmende Häufigkeit von Trockenperioden. Was bisher nur einmal in fünf Jahren auftrat, dürfte bis 2050 in jedem 2. bis 3. Jahr eintreffen.
Laut ART werden die Bauern gezwungen sein, sich an neue klimatische Bedingungen mit einer unsicher werdenden Wasserversorgung anzupassen.
Der Po-Ebene in Oberitalien droht erneut eine katastrophale Dürre. Bereits jetzt liegt der Pegel des längsten Flusses Italiens sechs Meter unter dem Normalstand.
Fachleute befürchten eine schlimmere Dürre als im Sommer 2003. Sollte es in nächster Zeit nicht regnen, ist mit Ernteausfällen zu rechnen. Aus der Po-Ebene stammt ein Drittel der italienischen Agrar-Produktion.
Die Pegel der Nebenflüsse des Po sind ebenfalls gesunken. Lebensräume von Fischen, Fröschen und Vögeln sind in Gefahr, da Bauern das Wasser auf ihre Felder pumpen. Der Po droht zu einer Kloake zu werden.
Österreich steuert auf eine Rekordtrockenheit zu, sollte weiterhin kein Regen fallen. In manchen Gegenden hat es seit Wochen nicht geregnet. Dasselbe gilt für Deutschland.
Fest steht nach Angaben der Meteorologen bereits jetzt, dass der April der achte zu warme Monat in Folge wird.
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