Aufgehoben - nicht abgeschoben

Kurt Häusermann weiss, dass er mit seinem Pfleger auch Pferde stehlen kann. swissinfo.ch

Martin Woodtli reiste 2002 mit seiner alzheimerkranken Mutter nach Thailand - ferienhalber. Nun betreibt er dort ein Betreuungs-Projekt für Demenzkranke.

Dieser Inhalt wurde am 07. Januar 2006 - 10:11 publiziert

Dort, im Norden Thailands, fühlen sich Alzheimer-Patienten aus der Schweiz dank zärtlicher, fürsorglicher Betreuung zu Hause.

So ganz sicher ist sie nicht mehr auf ihren Beinen. Die 77-jährige, an Alzheimer erkrankte Margrit Woodtli wird deshalb von Som, ihrer Pflegerin, liebevoll zum Sofa geführt. Dort spielt Frau Woodtli ein für Dreijährige bestimmtes Puzzle. Sie ist sichtlich stolz, dass sie die einfachen Holzplättchen richtig platzieren konnte. Som freut sich mit, umarmt die 77-Jährige.

Auch Martin Woodtli, der Leiter von Baan Kamlangchay (auf deutsch: Begleitung des Herzens), einer von ihm gegründeten Institution für Demenzkranke in Chiang Mai in Nord-Thailand, freut sich über die Leistung und spricht ihr seine Anerkennung aus. Sie nickt freundlich und dankt dem netten Herrn. Schon seit einiger Zeit weiss sie nicht mehr, dass dieser ihr Sohn ist.

Frau Woodtli will nun etwas anderes tun. Sie hat einen starken Bewegungsdrang, was für Alzheimerkranke typisch ist. So faltet sie zum Beispiel mit grossem Eifer Tücher zusammen. Sie verlässt aber auch gern das Haus, hält sich im Garten auf, geht mit ihrer Pflegerin im Restaurant essen oder besucht die Tiere im Zoo. Bei ihr muss immer "etwas laufen".

"Man kann Menschen nicht gewaltsam zur Ruhe bringen." Martin Woodtli hat Verständnis für das Verhalten seiner Mutter. Dank der Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch drei extra für sie eingesetzte Pflegerinnen und Pfleger kann Woodtli auf die Abgabe von Beruhigungsmitteln verzichten. "In einem Pflegeheim in der Schweiz wäre ein solcher Aufwand fast nicht durchführbar", erklärt er gegenüber swissinfo.

Grössere Freiheit

Die individuelle Pflege geniesst auch der ehemalige Swissair-Angestellte Kurt Häusermann. Nach einem Schlaganfall haben ihm drei Wochen in einem Pflegeheim in der Schweiz gereicht. Dem Welterfahrenen und Weitgereisten war der starre Tagesablauf unerträglich.

Hier in Chiang Mai kann er sich mit seinem Pfleger ziemlich frei bewegen. Ab und zu fahren sie am Abend zusammen mit dem Taxi in die Stadt (Retourkosten: rund 6 Franken) und besuchen eine Sport- und Eventhalle. Dort verfolgt der Schweizer mit grossem Interesse die Kämpfe der Thai-Kickboxer und wirft auch nicht ungern einen Blick auf die Thai-Tänzerinnen. Dazu ein Glas Bier und eine Zigarette und Kurt Häusermann ist mehr als zufrieden.

Pflege ist grosse Motivation

Obwohl die Betreuer nur über rudimentärste Deutschkenntnisse verfügen, ist die Kommunikation kein Problem. Den Pflegenden gelingt es problemlos, auch nonverbal mit den Patienten zu kommunizieren. Eindrücklich und bewegend, mit wie viel Zärtlichkeit und Achtung sie ihre Schützlinge betreuen.

"Die Pflege älterer Menschen ist für die Thais eine grosse Motivation, da sie dem Alter grossen Respekt entgegenbringen", betont Martin Woodtli. Und weil es in Thailand praktisch keine Altersheime gibt, werden Eltern und Grosseltern im Familienkreis betreut und gepflegt. "Thais erwerben sich Grundpflege-Fertigkeiten bereits im Kindesalter. Auch deshalb gehen sie näher an die Patienten heran", so Woodtli.

Demenz-Patienten brauchen nicht nur individuelle Betreuung. Genauso wichtig ist das Kollektiv, die Teilnahme an gemeinsamen Mahlzeiten und Ausflügen. Positiv wirkt sich auch die Einbettung von Kaan Kamlangchay in ein Dorfquartier am Rande von Chiang Mai, der zweitgrössten Stadt Thailands, aus. Patientinnen und Patienten sind Bestandteil des Quartierlebens, auch die Kinder geben sich mit ihnen ab. So sind und fühlen sie sich integriert.

Beträchtliche Kosten-Unterschiede

8000 bis 10'000 Franken pro Monat kostet ein Platz in einem Pflegeheim in der Schweiz. Viele Menschen können dafür nicht voll aufkommen – die öffentliche Hand muss einspringen.

In Thailand kommt ein Pflegeplatz auf rund 3000 Franken zu stehen. So viel lässt sich auch von Menschen ohne Luxus-Altersversorgung bezahlen.

Wer sich jedoch allein aus Kostengründen in Thailand pflegen lassen will, ist für Martin Woodtli kein guter Kandidat. Er legt grossen Wert auf eine ausführliche Beratung am Telefon oder durch eine externe Fachperson für Altersfragen in der Schweiz.

Interessenten erhalten einen detaillierten Fragebogen. Damit möchte Woodtli die Menschen zum Nachdenken über ihre wahren Beweggründe anregen, aber auch herausfinden, ob Patienten von ihren Angehörigen einfach abgeschoben werden sollen.

Der Heimleiter spricht von einem "grossen" Interesse an seinem Angebot. Schlussendlich seien jedoch höchstens 20% der Bewerbungen für einen Aufenthalt in Baan Kamlangchay geeignet. Er strebt auch kein ungebremstes Wachstum an.

Zusätzlich zu seinen vier Dauer-Pensionären bietet er Ferien-Plätze für Demenzkranke und ihre Angehörigen an. Weiter wird ein neu integriertes Haus rollstuhlgängig gemacht.

swissinfo, Etienne Strebel, Chiang Mai, Thailand

Fakten

Unter dem Begriff Demenz versteht man den Verfall der geistigen Leistungsfähigkeit.
Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Form von Demenz. Sie tritt zuerst meist als anfängliche Gedächtnisschwäche auf. Diese nimmt im Verlauf zu und kann zum Totalverlust der Urteilsfähigkeit und der Persönlichkeit führen.
Alzheimer ist zur Zeit unheilbar. Dank neuer Behandlungsmöglichkeiten ist es heute möglich, den Krankheitsprozess zu verlangsamen.

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In Kürze

Martin Woodtli, 44, betreut seine an Alzheimer erkrankte Mutter seit 2002. Nach einem gemeinsamen Ferienaufenthalt in Nord-Thailand gründete er dort dank der positiven Erfahrungen mit dem thailändischen Pflegepersonal Baan Kamlangchay.

Diese Institution bietet Ferien für Demenzkrankranke und ihre Angehörigen, aber auch längere Aufenthalte an.

Dank einem früheren Einsatz für eine Hilfsorganisation in Thailand ist Martin Woodtli mit der thailändischen Kultur vertraut und spricht die Sprache fliessend.

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