Wenn ein DNA-Test unerwartete Schweizer Vorfahren enthüllt
Mit 53 Jahren stellte Robert Thayer fest, dass seine Gene nicht zu seinem vermeintlichen Stammbaum passten. Plötzlich mit der Familie Liechti verbunden, reiste er in die Schweiz, um die Orte zu besuchen, an denen seine Vorfahren gelebt hatten, bevor sie in die Vereinigten Staaten auswanderten.
An einem bewölkten Maitag biegt ein kleines weisses Auto in Erlenbach im Simmental, einem Dorf im Berner Oberland, auf eine Seitenstrasse ab. Es findet seinen Weg den Hügel hinauf, dicht gefolgt von einem zweiten Auto.
Die Landschaft ist malerisch: Idyllische, steil abfallende grüne Wiesen säumen die Strasse, der Blick geht über das Tal. Es gibt kaum Verkehr, der sonst präzises Manövrieren erfordern würde.
Im weissen Auto erkundigt sich Albert Liechti bei seiner Frau, ob dies der Weg sei, den sie beim letzten Mal genommen hatten. Sie bestätigt es. Liechti ist 82 Jahre alt und ein leidenschaftlicher Genealoge. Heute führt er zum zweiten Mal einige seiner entfernten Verwandten aus den USA auf einer Ahnenreise im Kanton Bern.
Im zweiten Auto sind Robert Thayer, seine Frau, seine Schwester Gloria und deren Sohn von den vielen Kurven und Kehren den Hügel hinauf leicht überwältigt. Dies ist eine Strasse, die nur von Einheimischen benutzt wird, die wissen, wohin sie fahren.
Das Rätsel der Geschichte
Eine Wendung des Schicksals war es, welche die Besuchenden aus den USA überhaupt erst hierherbrachte. Im Jahr 2018 erfuhr Robert, dass er nicht von den Thayers abstammte.
Als seine Schwester zwei ihrer Brüder einen DNA-Test schenkte, verknüpften die Ergebnisse sie überraschenderweise mit der Familie Leichty (eine US-Schreibweise des Schweizer Nachnamens Liechti).
«Es scheint, dass es eine Begegnung zwischen meiner Grossmutter und dem Bauern auf der anderen Strassenseite gegeben hatte. Wir wuchsen auf, ohne zu wissen, dass unser Vater das uneheliche Kind dieser Beziehung war. Wir glauben nicht einmal, dass er es wusste», sagt Robert.
«Die Leichtys und die Thayers lebten auf benachbarten Bauernhöfen. Sie lebten sehr nah beieinander», fügt er hinzu – so nah, dass Robert und seine Geschwister nicht wussten, dass sie gemeinsam mit ihren Cousins und Cousinen zur Schule gingen. «Gut, dass wir sie nicht gedatet haben», lachen Robert und Gloria.
Die unerwartete Enthüllung und die durch seinen DNA-Test ermittelten Übereinstimmungen brachten Robert schliesslich zur Ahnenforschung. «Sowohl Elizabeth als auch Jacob Leichty Sr. waren die gemeinsamen Vorfahren von mir und meinen engsten DNA-Übereinstimmungen sowie meinen väterlichen Urgrosseltern», sagt Robert.
«Was nicht sicher ist und vielleicht nie sicher sein wird, ist, welcher ihrer Söhne, die zur Zeit der Zeugung meines Vaters im Jahr 1926 lebten, unser biologischer Grossvater war: Jacob Robert Jr. oder sein Bruder Frederick Ernest.»
Heute ist Thayer Mitglied der Collin County Genealogical Society und leitet dort die Interessengruppe «All things technology». Dort diskutiert er, wie KI dabei helfen kann, handgeschriebene Dokumente zu entschlüsseln, und erörtert die damit verbundenen ethischen Bedenken in der Ahnenforschung.
Bei der Recherche zur Linie seines biologischen Grossvaters in der Schweiz lernte Robert Albert Liechti kennen, der heute sein Reiseführer ist. «Vor etwa fünf Jahren stiess ich auf einen Artikel von AlbertExterner Link, der im Newsletter der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Bern vom Dezember 2018 veröffentlicht wurde», sagt er.
«In diesem Beitrag dokumentierte er mehrere Generationen meiner Vorfahren, darunter meine bisher unbekannten Urururgrosseltern, Christen Liechti und Katharina, geborene Augsburger.»
Durch den Artikel fand Thayer Albert Liechtis E-Mail-Adresse, nahm Kontakt mit ihm auf und es entstand ein reger Austausch genealogischer Informationen. Einige Jahre später beschlossen die beiden, einen Y-DNA-Test durchzuführen, und stellten fest, dass sie einen gemeinsamen Vorfahren haben, der um 1530 in Landiswil im Kanton Bern lebte.
Bei einem Y-DNA-Test wird das Y-Chromosom analysiert, das nahezu unverändert vom Vater an den Sohn über die direkte väterliche Linie weitergegeben wird. Da nur biologische Männer ein Y-Chromosom tragen, können Frauen diesen Test nicht durchführen.
Um die mütterliche Linie zurückzuverfolgen, können hingegen sowohl Männer als auch Frauen einen mtDNA-Test durchführen. Dieser analysiert die mitochondriale DNA, die durch die Eizelle nahezu unverändert weitergegeben wird.
Fast alle gängigen kommerziellen Heimtest-Kits verwenden Tests mit autosomaler DNA. Diese analysiert genetisches Material, das von beiden Elternteilen, Grosseltern usw. geerbt wurde.
Das macht sie zur besten und erschwinglichsten Methode, um Verwandte zu finden – von der engsten Familie bis hin zu Cousins und Cousinen fünften oder sechsten Grades.
Eine Reise durch die Geschichte
Anlässlich ihres 40. Hochzeitstags beschlossen Robert und seine Frau, zum ersten Mal in die Schweiz zu reisen, um das Land zu sehen, in dem Jakob und Elisabeth Liechti gelebt hatten, bevor sie im Jahr 1883 ein Schiff nach New York bestiegen.
Albert bot von sich aus an, die beiden auf einen kleinen Ausflug durch das Berner Ober- und Mittelland mitzunehmen, um ihnen die Häuser zu zeigen, in denen ihre Vorfahren gelebt hatten, und die Kirchen, in denen sie getauft und getraut worden waren.
Albert hatte Roberts Cousine Siena bereits im Jahr zuvor auf dieselbe Tour mitgenommen. Er recherchierte sorgfältig die Wohnorte einiger ihrer Vorfahren, sprach mit den heutigen Eigentümern über die Möglichkeit eines kurzen Besuchs und bereitete ein genaues Reiseprogramm vor.
Die Route führte die Gruppe durch die Berner Hügel – begann in Spiez, wo Roberts Urgrosseltern 1849 geheiratet hatten, und endete in Ätzlischwand im Emmental, wo vier Liechti-Familien zwischen 1612 und 1715 gelebt hatten.
Die Gruppe folgte Albert pflichtbewusst. Er warf einen genauen Blick auf seine Uhr, um rechtzeitig zum Auto zurückzukehren und zur nächsten Station zu fahren.
Roberts Schwester Gloria war von den alten Gebäuden fasziniert, während ihr Sohn die Reise mit seiner Kamera dokumentierte. Alle bestaunten die Postkarten-Idylle rund um die kleinen, stillen Weiler.
«Ich empfinde das als einen grossen Segen», sagt Robert bewegt. «Ich schulde Albert so viel für das, was er getan hat, und ich weiss nicht, wie ich es ihm vergelten soll. Er sagt: ‹Ich will keine Vergütung›, aber ich habe das Gefühl, ich schulde ihm Tausende von US-Dollar dafür. Die meisten Menschen zahlen gutes Geld dafür, dass sie jemand auf einer Tour durch seine Heimat herumführt. Ich denke, das ist das Schöne an dieser Leidenschaft für die Genealogie.»
Es ist erst der Anfang
Bei ihrem letzten Halt in Ätzlischwand bewirten Elisabeth und Alfred Jegerlehner, die heutigen Besitzer des Hauses und des Bauernhofs, den Albert der Gruppe gezeigt hat, alle mit einem kleinen Zvieri, einem traditionellen schweizerdeutschen Nachmittagsimbiss.
Es gibt Aufschnitt, Schweizer Käse und Biscuits, während Gäste und Gastgebende dank Alberts Übersetzung vom Englischen ins Schweizerdeutsche und umgekehrt einige Anekdoten austauschen.
Bei der Abreise umarmen sich alle herzlich, als hätten sie sich seit Jahren gekannt, und laden sich gegenseitig zu künftigen Besuchen ein. Robert freut sich bereits darauf, alle Sprachmemos zu transkribieren, die er im Lauf des Tages aufgenommen hat, während Albert mit den Menschen Schweizerdeutsch gesprochen hat.
Die beiden entfernten Verwandten verabschieden sich voneinander in dem Wissen, dass sie in Kontakt bleiben werden, um ihre genealogischen Forschungen voranzutreiben.
Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub
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