The Swiss voice in the world since 1935

Nutzt China die Schweiz als Feigenblatt?

Giannis Mavris

Liebe Leserin, lieber Leser

China und die Schweiz haben kürzlich ihr bestehendes Freihandelsabkommen aktualisiert. Tritt die neue Version in Kraft, werden über 99% der Handelsgüter in beide Richtungen vollständig von Zöllen befreit.

Manche sagen, wichtiger als der wirtschaftliche Nutzen sei die politische Symbolik: Dass mit der Schweiz eine reiche, europäische Demokratie ihre Beziehungen zum Land vertiefen will, sei ein willkommenes Symbol für die chinesische KP. Das autoritäre China benutzt die demokratische Schweiz als Feigenblatt, befinden also gewisse kritische Stimmen.

Weltweit wächst die Kritik, dass China seine Exporte strategisch einsetzt, um Länder zu schwächen oder sie von sich abhängig zu machen. Die EU und Staaten wie die USA, Kanada und Indien ergreifen Schutzmassnahmen dagegen.

Die Erneuerung des Freihandelsabkommens mit China hat aber eine weitere Dimension: Der Schweizer Industriestandort steht wegen Protektionismus (vor allem vonseiten der EU) und Zöllen (der USA) unter Druck. Dazu kommt der starke Franken. Die Regierung will Absatzmärkte erschliessen, und China ist nach der EU und den USA der grösste Handelspartner der Schweiz.

Trachtenfrauen aus der Schweiz und China
Die Schweiz nahm bereits 1950 diplomatische Beziehungen mit der Volksrepublik China auf, als eines der ersten europäischen Länder. Foto einer Szene an der Messe Comptoir Suisse von 1958, wo China Gastland war. Keystone / Joe Widmer

Es ist auf jeden Fall augenfällig, wie sehr sich die Schweiz stets um ein enges wirtschaftliches Verhältnis mit China bemühte.

So schloss der Schweizer Lifthersteller Schindler als erstes ausländisches Unternehmen 1980 ein Joint Venture mit einem chinesischen Staatsbetrieb ab. Der federführende Schindler-Manager Uli Sigg wurde später Schweizer Botschafter in Peking und legte die grösste Sammlung zeitgenössischer chinesischer Kunst an.

2001 trat China der Welthandelsorganisation an, wofür sich die Schweiz hinter den Kulissen stark engagierte – der Beitritt hatte massive Auswirkungen auf den Welthandel. Die Schweiz war 2007 auch das erste westliche Land, das China den Status einer Marktwirtschaft verlieh, und 2014 ging sie als erstes europäisches Land (zeitgleich mit Island) ein Freihandelsabkommen mit China ein. Und sicherte sich damit Zugang zu einem riesigen, dynamischen Markt.

Wer benutzt also wen? Diese Beziehung findet zwar unter Ungleichen statt, aber beide scheinen zu profitieren.

Kennen Sie interessante Geschichten zu Handelsbeziehungen? Sie können mir wie immer schreiben auf giannis.mavris@swissinfo.ch

Mit freundlichen Grüssen,

Giannis Mavris

P.S. Wenn Sie den Newsletter nützlich finden, können Sie ihn gerne an Interessierte weiterleiten – hier kann man ihn abonnieren.

Die neuesten Beiträge zu geopolitischen Themen

Die Heimat von Herzallahs Freunden: Gaza

Mehr

Humanitäre Hilfe

Unter den Trümmern im Gazastreifen liegen die Vermissten – und mögliche Beweise

Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht Drei Jahre nach dem Hamas-geführten Angriff auf Israel und dem darauffolgenden Krieg liegen weite Teile des Gazastreifens noch immer in Trümmern – und viele Familien haben die verschütteten Leichen ihrer Angehörigen noch immer nicht gefunden.

Mehr Unter den Trümmern im Gazastreifen liegen die Vermissten – und mögliche Beweise
Viele Männer in Stammeskleidung posieren mit Autos, Fahnen und Waffen

Mehr

Aussenpolitik

Recherche zeigt, wie die Schweiz mit den Taliban verhandelte

Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht Dokumente, die unter Berufung auf das Transparenzgesetz eingesehen wurden, werfen ein neues Licht auf den Besuch einer Taliban-Delegation in der Schweiz im Sommer 2025.

Mehr Recherche zeigt, wie die Schweiz mit den Taliban verhandelte
Frau in Gaza mit Baby.

Mehr

Aussenpolitik

Krieg in Gaza: Die Opfer, über die niemand spricht

Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht Nach Angaben der Vereinten Nationen ist die medizinische Versorgung von Müttern und Neugeborenen im Gazastreifen weitgehend zerstört. Schwangere Frauen sind besonders stark von den Folgen des Krieges betroffen.

Mehr Krieg in Gaza: Die Opfer, über die niemand spricht

Mehr

Debatte
Gastgeber/Gastgeberin Geraldine Wong Sak Hoi

Wie sollte ein neutrales Land wie die Schweiz mit Waffenexporten in Konfliktgebiete umgehen?

Die Schweiz könnte bald die Wiederausfuhr von Waffen Schweizer Hersteller in Konfliktländer zulassen. Was halten Sie davon?

40 Likes
33 Kommentare
Diskussion anzeigen

Hier geht es zu unserer Übersichtsseite zur Geopolitik.

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft