Was geschah mit den Waisenkindern, die aus der Ukraine in die Schweiz flohen?
Vor vier Jahren entkam eine Gruppe ukrainischer Waisenkinder dem Schrecken der russischen Angriffe auf ihre Heimatstadt Mariupol in die Sicherheit der Schweiz. Während der Krieg in der Ukraine sich ohne absehbares Ende hinzieht, stehen sie vor der Frage, ob oder wann sie zurückkehren sollen.
Nach vier Jahren im Exil kehrt Tara nach Hause zurück. Der Junge war erst acht Jahre alt, als Russland seine Heimatstadt Mariupol belagerte. Drei Tage vor der Umzingelung der Stadt wurde er zusammen mit seiner vierjährigen Schwester Vera und fast 100 weiteren Kindern evakuiert.
Für die nur 200 Kilometer lange Fahrt nach Saporischschja brauchte der Konvoi aus vier Bussen acht Stunden. Von dort reisten die Kinder weiter nach Lwiw und Polen, bevor sie schliesslich vorübergehend Zuflucht in der Schweiz fanden.
Die Belagerung von Mariupol dauerte drei qualvolle Monate, wobei über 20’000 Zivilist:innen getötet wurden, bevor die Stadt eingenommen wurde. Doch ein Jahr später, in Sicherheit im ländlichen Kanton Wallis in der Schweiz, wollte Tara nur wissen, wann er und seine Schwester nach Hause zurückkehren könnten.
«Wir haben nur ein Ziel», sagte Natalia Lashchevskaya, Leiterin des Kinderheims Wings of Hope damals: «Die Ukraine.»
Kein Ende des Krieges in Sicht
Nur wenige hätten erwartet, dass ihr Exil so lange dauern würde. Rund die Hälfte der Evakuierten lebt immer noch ausserhalb der Ukraine, und ein Ende des Krieges, der in sein fünftes Jahr geht, ist nicht in Sicht.
Selbst diejenigen, die zurückkehren, können die Orte, die sie einst kannten, nicht wieder besuchen. Mariupol ist immer noch von Russland besetzt und das Gebäude, das einst Wings of Hope beherbergte, ist zerstört.
In einer Umfrage unter ukrainischen Flüchtlingen, die im Januar dieses Jahres durchgeführt wurde, berichtete das UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, dass nur 3% planen, innerhalb der nächsten zwölf Monate zurückzukehren. 46% der Befragten hoffen, eines Tages zurückzukehren. Weitere 23% sehen keine Hoffnung auf Rückkehr und 28% waren unentschieden.
Die Rückkehrabsichten sind in den sechs Umfragen des UNHCR stetig zurückgegangen – von 83% im Jahr 2022 auf zuletzt 49%.
Tara und Vera gehören zu jenen aus der Gruppe, die bald in die Ukraine zurückkehren werden. Die Geschwister, die sich derzeit in einer Übergangsunterkunft in Deutschland befinden, werden voraussichtlich bis Ende des Jahres in die relativ friedliche Westukraine zurückkehren.
Mehr als 40 Kinder bleiben in der Schweiz, während weitere 14 bereits volljährig geworden sind. Die Kinder, die 2022 flohen, haben Westschweizer Schulen besucht, Französisch gelernt und Freunde gefunden. Manche sind erwachsen geworden.
Gleichzeitig haben sie die Verbindung zur Ukraine aufrechterhalten, sprechen ihre Muttersprache, feiern ukrainische Feiertage und setzen Teile ihrer ukrainischen Schulbildung fort.
«Die meisten von ihnen leben jetzt zwischen zwei Welten», sagt Lashchevskaya. «Sie sind der Schweiz dankbar für die Sicherheit, Unterstützung und Möglichkeiten, die sie ihnen gegeben hat, aber im Herzen bleiben sie Ukrainer:innen.»
Die Situation ist weitaus schlimmer für Kinder, die der Besatzung nicht entkommen konnten. Ein Mädchen, das unter Lashchevskyas Obhut gestanden hatte, verlor seine Mutter und Grossmutter bei der Bombardierung von Mariupol. Ihre jüngere Schwester, 2022 erst drei Jahre alt, wurde nach Russland gebracht und später bei einer russischen Familie untergebracht. «Werden diese Schwestern einander jemals wiedersehen?» fragt Lashchevskaya. «Ich weiss es nicht.»
Dieses Jahr ist die Schweiz offiziell einer internationalen Koalition beigetreten, die sich für die Rückkehr ukrainischer Kinder einsetzt, die gewaltsam nach Russland gebracht wurden. Das erfolgte nach Kritik an der Schweizer Regierung, die zwei Jahre lang nur als Beobachterin teilgenommen hatte.
Für Lashchevskaya kommt es darauf an, ob solche Bemühungen konkrete Ergebnisse hervorbringen. «Jedes Kind, das zurückkehrt, ist mehr als eine Statistik oder eine Zahl in einem Bericht», sagt sie. «Es ist ein gerettetes Leben, eine wiedergewonnene Verbindung zu Familie, Kultur und Land.»
Von einer Gruppe zu vielen Einzelpersonen
Selbst für diejenigen, die entkommen konnten, wird die Rückkehr durch die anhaltenden Kriegshandlungen erschwert, mit russischen Raketen- und Drohnenangriffen auf Wohnhäuser, Kraftwerke und Wasserversorgungen.
Aber die Kinder verstehen die Realität, sagt Lashchevskaya, auch wenn sie in eine Ukraine zurückkehren wollen, wo sie studieren, arbeiten, Familien gründen und eine Zukunft ohne Angst aufbauen können.
Die Kinder, die damals gemeinsam in vier Bussen ankamen, gehen inzwischen ihre eigenen Wege. Einige haben neue Familien, andere schliessen ihre Ausbildung ab oder beginnen ein unabhängiges Erwachsenenleben. Sie treffen zunehmend ihre eigenen Entscheidungen darüber, wo und wie sie leben wollen.
Im Jahr 2023 gab es bei Wings of Hope einen Witz. Die Kinder versuchten, Gosha, ihrem blauen Papagei «Slava Ukraini!» (Ruhm der Ukraine) beizubringen. Lashchevskaya sagte ihnen, dass sie nach Hause gehen könnten, sobald er die Worte gelernt habe. Drei Jahre später hat Gosha Gesellschaft von einem zweiten Papagei bekommen, aber er kämpft immer noch mit seinem Ukrainisch.
«Gosha sagt tatsächlich ‹Slava Ukraini›, aber so undeutlich, dass ich die Einzige bin, die es verstehen kann», sagt Lashchevskaya lachend. «Jetzt bringen wir es beiden bei. Wir üben noch, aber wir glauben wirklich, dass sie es schaffen werden.»
Editiert von Tony Barrett/vm/ts, Übertragung aus dem Englischen: Janine Gloor
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