Auslandschweizer-Rat ringt um klare Ziele und mehr Respekt
Die Beziehungen zwischen den Mitgliedern und dem Vorstand, das Thema des Kongresses 2027 sowie der Beitrag der Diaspora für die Schweiz: An einer ausgedehnten Sitzung des Auslandschweizer-Rats der Auslandschweizer-Organisation (ASO) führten die Delegierten angeregte Diskussionen.
93 Delegierte aus aller Welt kamen in die Zentralschweiz, um an der zweiten Auslandschweizer-Ratssitzung dieses Jahres im Rahmen der «SwissCommunity Days» teilzunehmen – eine Sitzung, deren umfangreiche Tagesordnung zu langen Diskussionen und erheblichen Zeitüberschreitungen führte.
Schon zu Beginn der Sitzung am Freitag wurde deutlich, dass die Zusammenarbeit zwischen Vorstand beziehungsweise Geschäftsstelle und dem Auslandschweizer-Rat (ASR) derzeit nicht ganz spannungsfrei ist. Filippo Lombardi, Präsident der Auslandschweizer-Organisation (ASO), setzte zu Beginn der Sitzung zu einer Verteidigungsrede für die ASO und ihrem Personal an.
ASO-Vorstand: Das elfköpfige Gremium fungiert als eine Art Verwaltungsrat bzw. Stiftungsrat der Organisation, geleitet von ASO-Präsident Filippo Lombardi. Der Vorstand agiert im Auftrag des Auslandschweizer-Rats.
ASO-Geschäftsstelle: Betreut die operativen Geschäfte der ASO wie Marketing, Kommunikation und Beratung, geleitet von ASO-Direktor Daniel Hunziker. Sie agiert im Auftrag des ASO-Vorstands.
Auslandschweizer-Rat: 140-köpfiges Parlament aus delegierten und gewählten Vertreter:innen der verschiedenen Weltregionen, davon 20 Mitgliedern aus dem Inland.
Er erläuterte die gehäuften Personalwechsel und -ausfälle innerhalb der Geschäftsstelle der Auslandschweizer-Organisation (ASO). Dies habe zu verschiedenen Verzögerungen bei Arbeiten für den Rat geführt. Bei weniger als zehn Mitarbeitenden in der Geschäftsstelle sei die Organisation auf eine konstruktive Zusammenarbeit mit dem ASR angewiesen.
Gleichzeitig zeigte sich der Vorstand irritiert über kritische Schreiben, Mails und Stellungnahmen, die aus dem Rat kamen und die Runde machten. Lombardi nahm das Personal ausdrücklich in Schutz und appellierte an einen respektvollen Umgang: «Der Ton macht die Musik», so der ASO-Präsident. Man müsse lernen, sachlich miteinander zu diskutieren und auch das Personal zu respektieren. Sein Appell wurde vom Grossteil des Rats mit einer Standing Ovation aufgenommen.
Lombardi widersprach zudem dem geäusserten Eindruck, die Organisation befinde sich in einer existenziellen Krise. Die ASO, die dieses Jahr ihr 110-jähriges Jubiläum feiert, werde vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) kontrolliert und finanziert und erstatte diesem jährlich Bericht. Auch das Parlament habe Anfang Jahr mit der Ablehnung von vorgesehenen Budgetkürzungen Vertrauen in die Organisation gezeigt.
Zum Schluss erhielt der Vorstand Rückendeckung aus den Reihen des Rats, ihm wurde von drei Delegierten explizit das Vertrauen ausgesprochen.
Thema des nächsten Kongresses überzeugt nicht
Aufgrund sinkender Teilnehmer:innenzahlen und geringerer Sponsorengelder wurde 2024 entschieden, dass der Auslandschweizer-Kongress nur noch einmal pro Legislaturperiode stattfindet. 2027 wird es wieder so weit sein.
Die Geschäftsstelle informierte den Rat, dass der Kongress vom 20. bis 22. August 2027 in Lausanne an der Hotelfachschule stattfinden soll. Das geplante Thema Wasser stiess bei den Delegierten jedoch auf wenig Begeisterung.
In zahlreichen Voten wurde die Themenwahl hinterfragt. Mehrere Delegierte forderten den Vorstand auf, ein Thema zu wählen, das für Auslandschweizer:innen relevanter und näher an deren Lebensrealität ist – auch mit Blick auf die eidgenössischen Wahlen im Herbst 2027, die nur wenige Wochen nach dem Kongress stattfinden werden.
Ein Kompromiss zu den Zielen der ASO
In einem Antrag forderten mehrere Delegierte den Vorstand auf, die Ziele der Legislaturperiode genauer zu definieren. «Wir wollen klare, messbare Ziele mit einem Zeitplan», erklärte Daniel Heusser, Delegierter für China und Mitunterzeichner des Antrags.
Der Präsident der ASO zeigte zwar Verständnis für die Forderung, wies jedoch darauf hin, dass für jedes Ziel bereits ein Zeitplan festgelegt worden sei. Zudem äusserte er Zweifel an der Machbarkeit der formulierten Präzisierungen.
Das Thema wurde zu Beginn des Workshops am Donnerstag bereits angesprochen.
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In der Versammlung erhoben sich mehrere Stimmen zur Unterstützung des Antrags. «Ich bin Unternehmer und lege jeden Tag ‹KPIs› (Key Performance Indicators, auf Deutsch: Leistungskennzahlen) fest», erklärte Simon Michel, FDP-Nationalrat und Inlandmitglied des Auslandschweizer-Rats. «Keine Sorge, man wird Ihnen nicht den Kopf abschlagen, wenn Sie diese nicht erreichen», so Michel weiter.
Nach einer ausführlichen und lebhaften Diskussion brachte Carlo Sommaruga, SP-Ständerat und Mitglied des ASO-Vorstands, eine Lösung ein. Er schlug vor, dass der ASR «die Ziele der Legislaturperiode durch Indikatoren ergänzt, die auf unsere Zuständigkeiten zugeschnitten sind». Die Mitunterzeichnenden des Antrags akzeptierten diesen Vorschlag. Der ASR wird diese Indikatoren an seiner Sitzung im November verabschieden.
Den Beitrag der Fünften Schweiz aufzeigen
«Wir zahlen Steuern auf unsere Immobilien in der Schweiz, wir zahlen Quellensteuern auf unsere zweite Säule, wir profitieren nicht von den Gewinnen der Nationalbank und so weiter!» Ruth Perracini-Liechti, Delegierte des Auslandschweizer-Rats für Costa Rica, wünschte sich, dass der ASR anhand von Fakten und Zahlen aufzeigt, welchen Beitrag die Auslandschweizer:innen für die Schweiz leisten.
Lombardi erinnerte an das von Carlo Sommaruga im Dezember 2025 im Ständerat eingereichte PostulatExterner Link, das einen Evaluationsbericht zum AuslandsschweizergesetzExterner Link fordert. Dieser wird im Moment von der Konsularabteilung des EDA verfasst.
Wir haben darüber in diesem Artikel berichtet:
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Die an der Sitzung anwesende Direktorin der Konsularabteilung, Marianne Jenni, erklärte, dass der Bericht so viele Statistiken und Zahlen wie möglich enthalten werde. Jedoch werde es nicht möglich sein, den finanziellen Beitrag der Fünften Schweiz darin zu beziffern.
Um diese Lücke zu schliessen, hat der ASR beschlossen, dem Vorschlag von Perracini-Liechti zu folgen – unter dem Vorbehalt, dass die Untersuchung dieser Frage einem Institut oder einer Universität übertragen werden kann. Der ASR verfüge nämlich nicht über die erforderlichen finanziellen Mittel.
Das Ansehen der Schweizer Diaspora im Heimatland leidet. Was sagen Auslandschweizer:innen dazu? Wir haben nachgefragt:
Informationen und Anträge
Im Laufe des Nachmittags standen die Behandlung der Anträge der Delegierten sowie Informationen verschiedener Institutionen auf dem Programm. Ein Vertreter der Bundeskanzlei informierte über den aktuellen Stand des E-Votings in der Schweiz und dämpfte die Hoffnung der Anwesenden, dass die elektronische Stimmabgabe in absehbarer Zeit schweizweit möglich sein wird.
Das EDA war durch die Konsularabteilung vertreten. Da die Auslandschweizer-Organisation zu einem grossen Teil durch Beiträge des EDA finanziert wird, informieren deren Vertreter:innen den Auslandschweizerrat regelmässig über Tätigkeiten und Projekte, die Auslandschweizer:innen betreffen. Die Direktorin der Konsularabteilung, Marianne Jenni, stellte unter anderem das Projekt «Young Swiss AbroadExterner Link» vor. Damit will die Schweiz junge Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer besser über ihre Rechte und Pflichten informieren und verhindern, dass junge Schweizer:innen im Ausland ihr Bürgerrecht verlieren.
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War die Sitzung zu Beginn noch von Spannung und hitzigen Diskussionen geprägt, kehrte gegen Ende des Tages Ruhe ein. Die Anträge, deren Zahl in der laufenden Legislatur merklich zugenommen hatte, wurden nacheinander behandelt und die Sitzung schliesslich ohne weitere Aufregung beendet.
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