Töfflibuebe: Mit 30 km/h auf der Suche nach jugendlicher Freiheit
Auch in der Schweiz war das Mofa für viele Menschen der erste Vorgeschmack auf Unabhängigkeit und Freiheit. Nach einem langen Rückgang erlebt es seit einigen Jahren ein Comeback – vor allem auf den Strassen der Deutschschweiz. Ein Bericht über ein Töfflibuebe-Treffen im Schweizer Mittelland zwischen Nostalgie, Zweitaktmotoren und dem Geruch von Benzingemisch.
Für seine Mofaausfahrt hat Claudio Lang den Condor-Puch X30 NS gewählt. Auf den ersten Blick ist er unspektakulär: roter Rahmen, verchromter Tank und Schutzbleche, Speichenräder und hoher Lenker. Ein Klassiker der Siebzigerjahre.
Wer jedoch genauer hinschaut, entdeckt eine Besonderheit: Er hat ein Vierganggetriebe. «Ich habe ihn mit einem Freund umgebaut. Ich will doch nicht an Steigungen treten müssen», verrät er mir lächelnd vor seiner Garage, wenige Kilometer von Olten entfernt.
Lang ist ein stolzer Töfflibueb. So nennen sich Menschen, die leidenschaftlich gerne alte Mofas fahren. Manchmal begegnet man ihnen auf den Landstrassen des Schweizer Mittellands, wenn sie gemeinsame Ausfahrten unternehmen.
Claudios Garage ist ein Schlaraffenland für Fans von Mofas oder Töfflis, wie das Motorfahrrad in der Deutschschweiz genannt wird. Es gibt Modelle verschiedener Marken, von denen ich teilweise nicht einmal wusste, dass es sie je gab.
Mein eigenes Wissen reicht höchstens bis zum klassischen Sachs aus meiner Jugend: unzuverlässig, laut und einer, der mir – mit Benzingemisch befüllt – die letzten paar Rappen aus der Tasche zog.
Süchtig nach dem Zweitakter
«Die Leidenschaft fürs Mofa ist vor zwölf Jahren wieder erwacht und hat mich mit der Zeit immer mehr gepackt», erzählt der fast 60-jährige Lkw-Fahrer. «Heute würde ich es fast nicht mehr als Leidenschaft, sondern als Krankheit, als Sucht bezeichnen.»
Lang besitzt 32 Mofas der Marken Ciao, Piaggio, Boxer, Sachs, Hercules, DKW, Alpha Chopper, Puch Maxi und Puch Velox sowie die Modelle Maxi N und Maxi S.
«Das Schöne ist, sie wieder auf Vordermann zu bringen», erzählt er. «Manchmal kann die Suche nach Ersatzteilen sehr nervenaufreibend sein. Aber genau das macht dieses Hobby auch interessant.»
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Die Kuriositäten der Schweizer Strassengesetze
In den Achtzigerjahren war Lang ein Jugendlicher. Das war die goldene Ära des Mofas. Auch er besass eines, das irgendwann in einer Ecke verstaubte und schliesslich verkauft wurde, denn sein Traum war eine Harley-Davidson.
Diese hat er noch immer, doch beinahe hätte sie dasselbe Schicksal ereilt wie das erste Mofa. «Die Harley macht mir keinen Spass mehr. Mit dem Mofa ist es anders», erzählt Claudio.
«Man kann es nicht einfach fertig kaufen. Man muss es selbst instand setzen. Wenn man keine Teile findet, muss man Freunde um Hilfe bitten, die Teile fräsen und anpassen, die längst nicht mehr erhältlich sind. Das schweisst die Freundschaften noch mehr zusammen.»
Der Geist der Töfflibuebe
Anfang Juni traf sich die Töfflibuebe-Gemeinschaft in Trimbach im Kanton Solothurn zum «Isebähnli-Töffli-GP». Dieses Treffen, das inzwischen zum zehnten Mal stattfand, bringt für einige Stunden das Knattern und die bläulichen Rauchwolken der Zweitaktmotoren zurück auf die Strassen des Juras und des Schweizer Mittellands.
Über 300 Begeisterte absolvierten eine rund 90 Kilometer lange Runde, viele mit einem Reservekanister Benzingemisch auf dem Gepäckträger.
Auch Lang liess sich die Veranstaltung nicht entgehen: «Ich habe keine einzige Ausgabe verpasst», sagte er. Passend dazu trug er seine ärmellose Jeansjacke, die mit Aufnähern und Abzeichen übersät war – als Erinnerung an zahlreiche Treffen in der ganzen Schweiz und im Ausland.
Mit dabei hatte er Gaskabel und Bremszüge, Ketten und Reifendichtspray. «Wenn jemand ein Problem hat, halte ich an und helfe, erklärt er. Auch das ist der Geist, der uns verbindet.»
Für Martin Sulzer, den Präsidenten des Organisationskomitees, liegt der Erfolg der Veranstaltung genau in diesem Geist. Im Jahr 2017 mit rund 140 Teilnehmenden gestartet, ist der GP inzwischen auf Besucherinnen und Besucher aus allen Teilen des Landes angewachsen: aus der Zentralschweiz, Graubünden, dem Tessin und der Romandie.
«Das Mofa macht uns alle gleich: den Bankdirektor wie die Haushaltsangestellte, den Rentner wie den Jugendlichen», sagt Sulzer. «Für mich ist das Mofa heute vor allem eine Art Zeitmaschine, die mich zurückversetzt in die Zeit, als ich 14 war.»
Das Revival des Stahlrosses
Vor allem zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren war das Geräusch des Zweitaktmotors der Sound der Jugendkultur. In einigen Regionen der Schweiz hielt das Töffli-Fieber noch länger an.
Das Mofa bedeutete Wind in den Haaren, Espadrilles an den Füssen, eine offene Jeansjacke und Musik aus dem Walkman, die einem in die Ohren dröhnte. Das Mofa war der Schlüssel zu einer faszinierenden, unerforschten Welt voller Überraschungen.
Mit 14 Jahren konnten Jugendliche endlich die eintönigen Dorfstrassen hinter sich lassen und die nächste grosse Stadt, die Disco und die Welt der Erwachsenen erreichen.
«Mit dem Mofa konnten wir endlich nach Luzern fahren, wo es einen McDonald’s gab», erinnert sich Sulzer. «Dann begannen wir, es zu ‹frisieren›, damit wir unterwegs nicht stehenblieben. Von da an kam ein weiteres aufregendes Element hinzu: die Angst, von der Polizei erwischt zu werden.»
Frisieren: Wer ein Mofa besass, nahm oft illegale Veränderungen am Motor vor, um schneller als das erlaubte Limit von 30 Kilometern pro Stunde zu rasen.
In diesem Archivvideo von SRF aus dem Jahr 1974 kontrolliert die Polizei Mofas akribisch auf Unregelmässigkeiten:
Diese Ära ist längst vorbei. Der Katalysator, der das Mofa deutlich langsamer machte, die Helmpflicht, die das Easy-Rider-Gefühl zunichtemachte, und das wachsende Umweltbewusstsein besiegelten den langsamen und unaufhaltsamen Niedergang dieses GefährtsExterner Link.
Aber nicht das Ende! Laut Daten des Bundesamts für Statistik erlebt das Mofa ein Comeback – zumindest in einigen Deutschschweizer Kantonen. So waren im Kanton Zürich 2015 rund 12’100 Kleinmotorräder zugelassen, 2025 waren es 17’350 – ein Anstieg von über 43% in nur zehn Jahren. In Graubünden, Luzern und Solothurn liegt der Zuwachs bei rund 30%.
Beim «Isebähnli-Töffli-GP» fällt auf den ersten Blick auf: Viele der Töfflibuebe sind um die 60 und möchten mit ihrem Mofa vielleicht die Zeit zurückdrehen, um noch einmal Jugendliche zu sein und jene Zeit der Freiheit und des Fahrtwinds wieder zu erleben.
Die überflüssigen Kilos machen manchen bei den steileren Strassenabschnitten zu schaffen – sie müssen absteigen, um den Hügel zu bewältigen. In den Pausen bei Kaffee und Bratwurst verweben sich Erinnerungen an eine ferne und doch nahe Vergangenheit: der erste Kuss auf dem zweirädrigen Stahlross, der heimlich frisierte Motor oder der erfolgreiche Fund eines längst unauffindbar geglaubten Ersatzteils.
Claudio Lang hört zu, lacht und erzählt. Zu Hause warten noch einige Mofas, die repariert werden wollen. Der Platz in der Garage wird knapp, doch es wird ihm nicht leichtfallen, sich von diesen Stücken seines Lebens zu trennen.
Eines wird auf jeden Fall bleiben, wo es ist: das Mofa, das ihm sein Sohn und seine Freunde zum fünfzigsten Geburtstag geschenkt haben. «Zu dem habe ich natürlich eine besondere Beziehung», sagt er.
Dann schweifen seine Gedanken schon zur nächsten Ausfahrt. Jedes Jahr durchquert er mit Freunden eine andere Region der Schweiz. Jemand organisiert die Route, die Hotels und den Lieferwagen für das Gepäck. Dann geht es gemeinsam los, langsam, mit knatterndem Motor und einer bläulichen Wolke im Rückspiegel.
Neue Mofas sind in der Schweiz ein Nischenprodukt. Der letzte inländische Hersteller ist Amsler & Co. in Feuerthalen im Kanton Zürich.
Das Unternehmen produziert seit 1995 die Pony-Modelle, die Marke wurde 1961 lanciert.
Die aktuellen Modelle GTX und Cross folgen der alten Formel: Beta-Zweitaktmotor mit 49 cm3, automatisches Zweiganggetriebe, 30 km/h und Katalysator. Auf Wunsch sind ein elektrischer Anlasser, Blinker, Bremslichter und eine Hupe erhältlich.
Editiert von Zeno Zoccatelli, Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub
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