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Baubranche Drängen neue Zuwanderer die alten in die Arbeitslosigkeit?

Bauarbeiter auf einer Bohrmaschine

Harte Arbeit, manchmal auch nachts und am Wochenende.  In der Schweiz verrichten vor allem Ausländer diese Arbeit. 

(Keystone)

Hohe Zuwanderung trotz hoher Arbeitslosigkeit. Das Baugewerbe ist eine von wenigen Branchen in der Schweiz, auf die dies zutrifft, allerdings nur bei niedrig qualifizierten Arbeitskräften. Ob die Einführung der Stellenmeldepflicht ab Juli dieses Jahres Abhilfe schafft oder nur bürokratischen Aufwand, ist in der Branche umstritten.

Nach der Einführung der Personenfreizügigkeit im Jahr 2002 wurden in der Baubranche besonders viele Leute aus dem Ausland angestellt, obwohl überdurchschnittlich viele Arbeitskräfte stellenlos waren. 2016 waren unter dem Begriff "sonstige Berufe im Bauhauptgewerbeexterner Link" rund 3200 Arbeitskräfte oder 18% arbeitslos gemeldet, während im gleichen Jahr mehr als 6000 Ausländer in diesem Berufszweig eine Stelle erhielten. Deshalb stellt sich die Frage, ob neue Zuwanderer die alten in die Arbeitslosigkeit drängen.

Ob dieser Trend immer noch anhält, lässt sich nicht mit Zahlen dokumentieren. Bis März 2018 sank die Arbeitslosenquote in diesen Berufen auf 15,4%. Wie viele Personen seit 2016 in diesen Berufszweig einwanderten, hat das Staatssekretariat für Migration (SEM) (noch) nicht berechnet.

"Ausländische Bewerber sind nicht günstiger"

Thomas Foery, Leiter Human Resources (HR) beim grössten Schweizer Bauunternehmen Impleniaexterner Link, das Arbeitskräfte aus über 60 Nationen beschäftigt, bezweifelt die These, dass neue Zuwanderer die alten in die Arbeitslosigkeit drängen – jedenfalls in Bezug auf das Bauhauptgewerbe. "Ausländische Bewerber sind für den Arbeitgeber nicht generell günstiger, weil für sie erstens die gleichen Mindestlöhne gelten, sie zweitens meistens mit viel Aufwand angelernt werden müssen und sie drittens wegen mangelnder Kenntnisse der Landessprache viel Unterstützung bei Behördengängen und Wohnungssuche brauchen."

In der Schweiz hat sich das Wachstum in der Bauindustrie etwas abgeflacht, sagt der HR-Chef. "Das führt teilweise dazu, dass Betriebe ihre Kapazitäten anpassen." Auch Implenia baute im letzten Jahr in einzelnen Regionen Stellen ab. Um wie viele es sich handelte, gibt der Bauriese nicht bekannt. Von der Arbeitslosigkeit betroffen seien eher niedrig qualifizierte Arbeitskräfte. "Mit Ausnahme von hochspezialisierten Personen, die auf dem Schweizer Arbeitsmarkt fehlen, stellen wir schon jetzt praktisch niemand direkt aus dem Ausland an."

Dass gemäss der erwähnten Statistik 2016 landesweit in der gesamten Baubranche trotz hoher Arbeitslosigkeit Tausende Arbeitskräfte aus dem Ausland rekrutiert wurden, sieht Implenia in den eigenen Mitarbeiterstatistiken nicht bestätigt. 

Ab Juli haben Arbeitslose einen Vorsprung

Die Initiative gegen "Masseneinwanderung" (MEI), zu der das Stimmvolk 2014 knapp Ja gesagt hatte, kann noch keinen Einfluss auf die Zuwanderung gehabt haben. Sie wird erst ab Juli dieses Jahres in einer stark abgeschwächten Form umgesetzt werden. Aus dieser Initiative, welche die Zuwanderung mit Höchstzahlen und Kontingenten bremsen wollte, wollte das Parlament anfänglich ein "Zuerst Arbeit für Inländer" machen. Übrig geblieben ist nach einem parlamentarischen Hickhack schliesslich ein "Arbeitslosen-Vorsprung" mit einer Stellenmeldepflichtexterner Link für Berufszweige, in denen die Arbeitslosigkeit schweizweit überdurchschnittlich hoch ist.

Empfangshalle des regionalen Arbeitsvermittlungszentrum Zürich

Ab 1. Juli haben Arbeitslose, die bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (im Bild das RAV Zürich) gemeldet sind, einen Vorsprung auf andere Bewerber.

(Keystone)

Betroffene Arbeitgeber müssen deshalb ab 1. Juli freie Stellen zuerst exklusiv den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) melden. Erst fünf Tage später dürfen sie auf eigene Faust Kandidaten suchen. Die RAV schicken dann den Arbeitgebern geeignete Dossiers von arbeitslos gemeldeten Inländern zu, wodurch diese einen Vorsprung gegenüber anderen Bewerbern erhalten.

Für die ersten anderthalb Jahre hat die Regierung die ausschlaggebende Arbeitslosenquote allerdings von 5% auf 8% erhöht, angeblich weil sonst die RAV anfänglich überfordert wären. Bei diesem Schwellenwert sind 18 Berufsarten (mit rund 270 Berufsbezeichnungen) betroffen. In der Schweiz werden jährlich rund 700'000 Stellen besetzt (abgesehen von firmeninternen Stellenbesetzungen). In den Berufsarten, die über dem Schwellenwert von 8% liegen, arbeiten derzeit rund 8% aller Erwerbstätigen. Laut Schätzungen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) werden deshalb rund 56'000 Stellen zu melden sein.

Implenia suchte bisher neue Leute so gut wie nie bei den RAV. "Bei der Rekrutierung spielen sie eine untergeordnete Rolle", sagt Foery. Die Bau-Mannschaften seien eine stark vernetzte Community. "Wenn wir jemanden suchen, können wir uns auf ein gut funktionierendes Netzwerk stützen. Unsere Mitarbeitenden schlagen oft jemanden vor, der schon Berufserfahrung mitbringt und die Arbeit auf der Baustelle kennt."

"Portugiesen sind flexibler"

Der Gipser Fernando Rodrigues aus Portugal wäre möglicherweise nicht angestellt worden, wenn die Stellenmeldepflicht 2014 schon existiert hätte. Er war damals nicht über eine Arbeitsvermittlung eingestellt worden.

Fernando kam 2013 bei einem Verwandten in der Schweiz unter und bot seine Arbeitskraft persönlich bei den Direktoren der Baufirmen an. Seine Bemühungen zahlten sich aus. Einer der Schweizer Firmenchefs stellte ihn an. Heute ist er als Baustellenleiter für die Firma Laner SA in Rossens, Kanton Freiburg, tätig. Das Unternehmen beschäftigt rund 40 feste Mitarbeiter, davon 80% Portugiesen.

Nur ein Bürokratiemonster?

Der Schweizerische Baumeisterverband (SBVexterner Link) hatte zwar begrüsst, dass das Parlament für die Umsetzung der MEI eine Lösung fand, die mit dem Personenfreizügigkeits-Abkommen zwischen der EU und der Schweiz vereinbar ist. Aber begeistert von der Stellenmeldepflicht sind die Arbeitgeber der Baubranche nicht, weil diese viel administrativen Aufwand verursacht. Der Schwellenwert von 5% schweizweit sei untauglich. Damit werde ausgeblendet, dass die Arbeitsmarktsituation einerseits je nach Region und Jahreszeit, andererseits je nach Qualifikation der Stellensuchenden sehr unterschiedlich sei. Noch schlimmer sei, dass das Seco keine brauchbare Definition der Berufsarten im Bauhauptgewerbe einsetze. Die Berufsliste des Seco, die ab 1. Juli als Basis für die Ermittlung der Stellenmeldepflicht diene, widerspiegle die Realitäten auf dem Arbeitsmarkt in keiner Weise und sorge entsprechend für Verwirrung.

"Wenn ab 2020 der Schwellenwert von 5% gilt, müssen wir für fast jede Stellensuche – auch für saisonal Beschäftigte, Kurzaufenthalter und temporär Angestellte – zuerst über die RAV gehen", sagt SBV-Sprecher Matthias Engel. Dies obwohl in verschiedenen aufgelisteten Berufen faktisch ein Fachkräftemangel herrsche. Die Baumeister verlangen von der Regierung nebst einem höheren Schwellenwert von 8% – auch nach 2019 – vor allem eine praxistaugliche Berufsliste. Wichtig sei in erster Linie, dass qualifizierte Mitarbeiter mit Berufsabschluss und weniger qualifizierte nicht in den gleichen Topf geworfen würden. Heute werden zum Beispiel in den Kategorien "Maurer" oder "Zimmerleute" ungelernte Arbeitskräfte und Fachleute mit Berufsabschluss zusammengefasst. Bei Fachleuten mit Berufsabschluss herrsche meist ein Mangel, weshalb eine Meldepflicht hier keinen Sinn mache. 

Werden alte Arbeitskräfte ausgemustert?

Die Arbeitnehmerseite hegt wenigstens die Hoffnung, dass durch den "Arbeitslosen-Vorsprung" gewisse Anreize geschaffen würden, damit auch ältere inländische Arbeitnehmende weiter- oder wiederbeschäftigt werden könnten. Diese Leute stünden in der Baubranche zunehmend unter Druck. 

Die Gewerkschaft Uniaexterner Link beobachte nämlich in letzter Zeit eine starke Zunahme der Temporär-Arbeit auf dem Bau, zuletzt um rund 14% pro Jahr, sagt Unia-Sprecher Philipp Zimmermann. "Gewisse Baufirmen mustern ältere Angestellte zunehmend aus." Entweder könnten diese Arbeitnehmer dann nur noch als Temporäre weiterarbeiten oder würden durch jüngere Festangestellte mit niedrigeren Löhnen ersetzt, die häufig im Ausland rekrutiert würden, sagt Zimmermann.

"Temporäre Angestellte sind in einer ziemlich prekären Lage. Bei Auftragsspitzen heuern Arbeitgeber Temporäre an, die sie innerhalb von wenigen Wochen wieder los sind. Festangestellte hingegen haben längere Kündigungsfristen", sagt der Unia-Sprecher. Es sei eine Frage des Respekts, dass auch ältere Arbeitnehmer, die teilweise jahrzehntelange Berufserfahrung hätten, zu fairen Bedingungen weiterbeschäftigt würden.

Implenia Personalchef Foery bestätigt diese Entwicklung nur zum Teil. Im Unterschied zu Industrien, die stabile Auslastungen hätten, sei der Bau ein Projektgeschäft. "Wenn ein Projekt beendet ist, braucht man ein Folgeprojekt, sonst gibt es keine Arbeit." Im Bau-Hauptgewerbe, wo die Löhne durch Gesamtarbeitsverträge geschützt seien, hätten alle in der Schweiz ansässigen Firmen gleich lange Spiesse.

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