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Biel: Der Funke sprang nicht

Die Walliser Sängerin Sina mit der Kuh Io. Keystone

Das Eröffnungs-Spektakel wollte eine Metapher für die ganze Expo.02 sein. Doch die Verzauberung gelang trotz musikalischen Höhepunkten nicht.

Dieser Inhalt wurde am 24. September 2003 - 16:31 publiziert

Ein kühler Wind weht durch die Bieler Seebucht mit den drei grauen Expo-Türmen, und die rund 5000 Zuschauer frösteln. Doch sonst ist das Wetter perfekt - selbst der Mond zeigt sich in Form einer hauchdünnen Sichel über der Jurakette.

Das Fenster für die Simultanübertragung öffnet sich, eine Uhr wird sichtbar und eine Lautsprecherstimme fordert das Publikum auf, die Uhren um zwei Stunden zurückzustellen. Ein Kampfflugzeug donnert über die Bucht, zieht vor der Hügelkette steil nach oben und wirft Leuchtkugeln ab. Das Festpublikum applaudiert, die Inszenierung beginnt.

Turmbau mit Längen

Der Turmbau von Babel und sein Scheitern symbolisieren die Entstehung einer sprachlich und kulturell vielfältigen Schweiz. Doch während der musikalische Teil der Inszenierung überzeugt, zieht sich der Turmbau in die Länge.

Schauspieler und Statisten fügen auf einem Schiffsdeck Element um Element zusammen und erstellen die Stockwerke des babylonischen Turms. Die erste Szene mag nicht zu fesseln, die Handlung wirkt repetitiv und die Bühne ist viel zu weit weg, als dass Details der Darstellung erkennbar wären.

Dank der Fernseh-Übertragung auf Grossleinwand kommt die Einstiegsszene dennoch zu ihrer Dynamik: Grossaufnahmen der Darsteller und rhythmischer Bildschnitt ziehen die Zuschauer mehr in den Bann als das Live-Geschehen in unmittelbarer Nähe.

Pegasus begeistert

Das Festpublikum taut auf, als Pegasus als Symbol der geteilten Zeit am Strand entlang trabt. Das blaue geflügelte Pferd samt Reiter ist ein gelungenes Bild und wird spontan mit Applaus bedacht.

Leider bleibt Pegasus die Ausnahme. Die schönen Bilder wollen in Biel einfach nicht so recht klappen. Auch der Reiz der Seejungfrauen ist kurz nach ihrem Einstieg ins kalte Wasser schnell verflogen. Einmal im See werden ihre Köpfe zu einem winzigen Detail in einer riesigen Kulisse, die sich bis zu den Expo-Türmen erstreckt.

Höhepunkt Prometheus

Dann der Höhepunkt des Bieler Spektakels: Der bestrafte Wohltäter. Entsprechend zum Thema der Arteplage "Macht und Freiheit" wird die Bestrafung von Prometheus erzählt. Dieser wird von Zeus an einen Felsen gekettet, weil er den Menschen das Feuer brachte und damit den göttlichen Willen missachtete.

Die Inszenierung ist technisch imposant: Der Titanensohn wird mit einem Armeehelikopter eingeflogen, bevor ihn die Götterschergen an einen schwimmenden Felsen ketten. Sina singt als Schwarze Pantherin von einer separaten Bühne für seine Freiheit. Io, die junge in eine Kuh verwandelte Frau, schwimmt ins Seebecken und klagt Prometheus ihr Leid. Hermes kommt als Macho auf einem Motorboot hinzu und liefert sich ein Wortduell mit dem angeketteten Wohltäter der Menschen.

Überzeugende Sina

Die Geschichte ist wirr und wirkt trotz technischem Aufwand statisch, weil die ganze Inszenierung auf den angeketteten Protagonisten fixiert ist. Umso mehr kommt die Walliser Sängerin Sina zur Geltung, welche die Musik zusammen mit Markus Kühne als Rockoper komponierte. Ihre fantastische Stimme und ihr urchiger Dialekt verleihen der Darbietung Authentizität und Unmittelbarkeit, die dem antiken Drama trotz Helikopter- und Motorbooteinsatz fehlen.

Doch nicht nur musikalisch ist die Rockoper Höhepunkt des Bieler Spektakels: Die zweisprachige Inszenierung - schweizerdeutsch und französisch - erweist auch der besonderen Stellung der Stadt innerhalb der Schweizer Sprachenvielfalt Referenz.

Blaskappellen und Gedichte

Der dritte Akt, welcher der Eigenart der Ausstellungsorte gewidmet ist, verläuft in Biel unspektakulär: Blaskappellen, eine Big Band und einige Motorboote, die im Seebecken Runden drehen. Sieben Jugendliche in einem Ruderboot rezitieren Gedichte des 1878 in Biel geborenen Schriftstellers Robert Walser.

Der Pegasus erscheint und die Uhren dürfen wieder zurückgestellt werden. Die Mitwirkenden defilieren am Strand, das Publikum applaudiert. Erst jetzt werden die drei Türme und die geschwungene Brücke über dem Seebecken farbig beleuchtet und verzaubern die Szenerie.

Fragment statt Metapher

Das Eröffnungs-Spektakel war nicht spektakulär. Es fehlten die starken Bilder, die in der Erinnerung haften bleiben. Ob der Rückgriff auf die immer weniger bekannte griechische Mythologie bei einem breiten Publikum heute noch genügend Assoziationen und Emotionen auslösen kann, ist fraglich.

Wenn das Eröffnungs-Spektakel eine Metapher für die ganze Expo.02 sein wollte, so hat sie dieses Ziel verfehlt. Es fehlte die Sinnlichkeit, Heiterkeit und Verspieltheit, die so viele Ausstellungen der Expo auszeichnen. Das Eröffnungs-Spektakel ist - wie die Ausstellungen auch - ein Fragment und kein Gradmesser für den Erfolg der Expo.02.

Hansjörg Bolliger

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