The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter

«Keine Universität nur für Reiche»

Hunderte Studierende demonstrierten gegen höhere Gebühren. swissinfo.ch

Die Studierenden in der Schweiz haben genug: Mit einem Warnstreik und weiteren Aktionen protestieren Studierende der Universität Zürich gegen das geplante Universitätsgesetz.

Die im Gesetz vorgesehenen höheren Studiengebühren wollen sie nicht akzeptieren.

«Wir bewegen uns auf eine universitäre Zwei-Klassen-Gesellschaft zu», sagt Stephan Tschöpe, Co-Präsident des Verbands der Schweizer Studierendenschaften (VSS) gegenüber swissinfo. Der VSS befürchtet gesamtschweizerisch eine Verschlechterung der Studienbedingungen.

«Durch die höheren Studiengebühren werden Kinder aus Familien mit kleinen Einkommen diskriminiert.» Sie würden damit sozial schlechter gestellt, weil ihnen der Zugang zur Universität erschwert werde, so Tschöpe weiter.

Universitätsbetrieb boykottiert

Letzte Woche hatten Studierende die Eingänge am Hauptgebäude der Universität Zürich, der grössten Schweizer Hochschule, blockiert. Es galt, ankommende Studentinnen und Studenten vom Streik zu überzeugen. Das «Aktionskomitee gegen das neue Unigesetz» bilanzierte die Aktion als «vollen Erfolg».

Es habe keinen regulären Uni-Betrieb gegeben, die meisten Studierenden hätten auf Vorlesungen verzichtet, einzelne Professoren aus Solidarität ihre Vorlesungen ausfallen lassen. Beziffert wurde das Befolgen des Streiks nicht.

Mit dem Streik wehrten sich die Studentinnen und Studenten gegen das geplante neue Universitätsgesetz, insbesondere gegen höhere Studiengebühren.

Unterschiedliche Gebühren

Die Universität Zürich will ihre Gebühren im Alleingang festlegen können. Bisher war eine Erhöhung des Semestergeldes nur gemeinsam mit anderen Schweizer Universitäten möglich.

Die Studiengebühren sind in der Schweiz je nach Ort, Studienrichtung und -dauer unterschiedlich. Die Höhe der Gebühren kann ausserdem je nach Herkunft der Studierenden (Wohnsitz im Universitätskanton, in der übrigen Schweiz oder im Ausland) variieren.

Sie schwanken derzeit zwischen 500 Franken (Genf und Neuenburg) und 2000 Franken (Tessin) pro Semester. Für Ausländerinnen und Ausländer ist Genf die preiswerteste Uni, da sie dort keine zusätzliche Gebühren bezahlen.

An einigen Universitäten bezahlen sie allerdings bis doppelt so viel wie inländische Studierende (Maximal-Betrag: 4000 Franken pro Semester im Tessin).

Zu den Semestergebühren kommen noch die Prüfungsgebühren, Ausgaben für Lehrbücher, die oft obligatorischen Versicherungen und besonders die Kosten für den Lebensunterhalt.

Noch grössere Differenzen in Europa

Während die Studierenden in der Schweiz gegen die Verdoppelung der Gebühren Sturm laufen, werden in umliegenden Ländern wie Deutschland die Gebühren selber bekämpft.

Laut Informationen der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten entsprechen die Gebühren in den Nachbarländern in etwa den schweizerischen. In Italien und Österreich bezahlen einheimische Studierende im Schnitt 550 Franken pro Semester.

Deutschland verlangt viel weniger: Hier bezahlen inländische und ausländische Studierende zwischen 28 und 151 Franken pro Semester. Auch Frankreich kennt keinen Zuschlag für Ausländer. Ein Studium an staatlichen Universitäten kostet knapp 100 Franken pro Semester.

Teurer wird es an den meist privaten Wirtschaftshochschulen: Bis 4618 Franken müssen Studierende pro Semester in Frankreich berappen. Erst richtig ins Geld geht es im englischen Sprachraum. Semestergebühren von über 3000 für Inländer und über 17’000 für Ausländer sind keine Seltenheit.

«Für Postgraduate Studies sind die Gebühren teilweise noch höher», hält die Rektorenkonferenz fest.

Innerhalb der EU gilt ein Gleichbehandlungs-Gesetz, wonach Studierende aus EU-Ländern nicht mehr bezahlen müssen als Inländer. In einigen europäischen Ländern existieren jedoch überhaupt keine Semestergebühren, so in einem grossen Teil Nordeuropas.

Gegen marktorientierte Verschulung

Die Semestergebühren seien aber nur einer von mehreren Kritikpunkten, begründete das Zürcher Aktionskomitee den Streik.

Stefan Tschöpe vom VSS betont, dass an den Schweizer Universitäten immer mehr Effizienzkriterien aus der Wirtschaft angewandt würden. «Das ist nicht im Sinn des Bildungssystems.»

Denn die Gesetzesrevision ziele ab auf eine Verschulung der Universität, die sich am Markt orientiere und deren Entscheide zunehmend von Männern aus der Privatwirtschaft gefällt würden.

Ausserdem werde die Arbeit neben dem Studium zunehmend verunmöglicht, die Chancengleichheit damit unterhöhlt. In Zürich würden 80 Prozent der Eingeschriebenen auch einer Erwerbstätigkeit nachgehen.

Tschöpe befürchtet bei einer Annahme des Universitätsgesetzes eine neue Tendenz: Hin zu Wirtschaftsfreundlichkeit und weg von demokratischen Strukturen.

Schon im letzten Dezember hatten in Zürich knapp 3000 Studierende gegen das geplante Universitätsgesetz protestiert.

Konkret würde dieses erlauben, die Gebühr von heute 640 Franken auf maximal 1224 Franken pro Semester nahezu zu verdoppeln. Bereits in den Neunzigerjahren hatte sich in Zürich der Tarif verdoppelt.

swissinfo, Christian Raaflaub

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft