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Was der Sudan von der Schweiz lernen kann

Prof. Thomas Fleiner mit Omer Awadalla Ali in der Bibliothek des Föderalismus-Instituts. swissinfo.ch

Der sudanesische Jurist Omer Awadalla Ali forschte am Institut für Föderalismus in Freiburg. Er stellt sich die Zukunft seines Landes nach Schweizer Beispiel vor.

Exportieren lässt sich Föderalismus nicht, nur anpassen. In einem kleinen und reichen Land im Norden wird er anders praktiziert als im grossen kriegsversehrten Sudan.

Drei Wochen in Freiburg haben gereicht, um «das wunderbare Virus» einzufangen. Im August 2000 besucht der Sudanese Omer Awadalla Ali die Sommeruniversität des Instituts für Föderalismus (IF).

Der Jurist aus dem Justizministerium in Khartum kam in die Schweiz, um die friedliche Koexistenz in einem multikulturellen Land zu studieren.

Sein Interesse am IF wird von diesem erwidert, und im folgenden Jahr kommt er als wissenschaftlicher Gast-Mitarbeiter zurück. Er bleibt vier Jahre, findet hier «eine zweite Heimat» für sich, seine Frau und seine Kinder. In dieser Zeit schreibt er seine Doktorarbeit.

Die Arbeit mit dem Titel «Der Föderalismus als Mechanismus

zur Konfliktlösung in einer multiethnischen und multikulturellen Gesellschaft, der Fall des Sudan, eine Vergleichsstudie» umfasst 320 Seiten, erhält eine akademische Anerkennung und grosses Lob von Omers Mentor Thomas Fleiner, Direktor des IF.

Gleich- oder verschiedenartig

Um zu verstehen, wie es Völker, die im Verlauf der Geschichte miteinander rivalisierten, fertig bringen, unter einer gemeinsamen Fahne zusammenzuleben, begnügt sich Omer nicht mit dem Vergleich Schweiz – Sudan.

Er untersucht auch zwei ziemlich zentralisierte Länder (Frankreich und die Türkei) sowie zwei andere föderalistische Staaten,

Deutschland und die USA. Bei den beiden letzten kommt er zum Schluss, dass die nationale Zugehörigkeit wichtiger ist als die ethnischen und kulturellen Unterschiede. Das ist der «Melting pot», der oft eine homogene Nation hervorbringt.

Dagegen scheint ihm, dass im Schweizer System die Verschiedenartigkeiten am besten berücksichtigt werden. Deshalb ist dieses für den Sudan, ein praktisch seit dem Eintritt in die Unabhängigkeit von Bürgerkriegen zerrissenes Land, am interessantesten.

«Das heisst aber nicht, dass es unverändert exportiert werden kann. Die Unterschiede zwischen den beiden Ländern sind viel

zu gross», erklärt Omer gleich, womit er der Philosophie des IF treu bleibt.

Übergangs-Regierung

Seit dem Abschluss des Friedensabkommens im Januar 2005, das zu einer Waffenruhe zwischen dem arabischen und islamischen Norden und dem afrikanischen, christlichen und animistischen (und ölreichen) Süden führte, wurde die Krise in Darfur (im Westen des Landes) zur schlimmsten humanitären Katastrophe seit Anfang des Jahrhunderts.

Zur Zeit hat das grösste Land Afrikas eine Übergangsverfassung, die den Staaten im Süden grosse Autonomie und 50% der Erdöl-Einkommen garantiert.

Und 2011 soll eine Volksabstimmung diesen ermöglichen, sich vom Norden zu trennen, wenn die Bevölkerung dies wünscht.

Aber Omer ist skeptisch, was das angeht. Der Nordsudanese glaubt, dass sein Land vereint bleiben kann und soll. «Die Menschen im Süden sind nicht unsere Feinde, und es leben bereits Millionen von ihnen unter uns.»

Aber dafür braucht das Land ein wirklich föderalistisches System. Zunächst muss das Existenzrecht aller Kulturen eines Landes garantiert werden, ohne dass eine die anderen beherrscht.

Weiter darf sich die Demokratie nicht darauf beschränken, der Minderheit die Meinung der

Mehrheit aufzuzwingen. Beide müssen im Gegenteil genau gleich mit den Instanzen der Macht und den Behörden verbunden sein. Omer zeigt sich sehr beeindruckt von der Präsenz der Französischsprachigen in den Schweizer Bundesbehörden.

Reichtum gerecht verteilen

Und schliesslich ist es entscheidend, dass der Reichtum des Landes gerecht verteilt wird. Der Staat muss dafür sorgen, dass regionale Ungleichheiten korrigiert werden. «In diesem Bereich haben wir im Sudan noch eine riesige Arbeit vor uns», weiss Omer.

Abschliessend glaubt er, dass rund 40% seiner Vorschläge für die Zukunft des Sudans direkt dem Einfluss des Schweizer

Systems zuzuschreiben sind. Omer bewundert zum Beispiel den Mechanismus, dank dem drei jurassische Bezirke sich friedlich vom Kanton Bern ablösen konnten und gleichzeitig, mit dem dreifachen lokalen, regionalen und nationalen Segen, Landesbezirke bleiben konnten.

Inzwischen ist der junge Doktor der Rechte nach Khartum zurückgekehrt, um dort weiterzugeben, was er gelernt hat. Und von dort aus pflegt er nun seine Beziehungen zu seinem «zweiten Daheim».

swissinfo, Marc-André Miserez (Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)

Die Sommeruniversitäten und die regelmässigen Einladungen an ausländische Forscher und Forscherinnen gehören zu den Aufgaben des Internationalen Zentrums des Instituts für Föderalismus (IF).

Ein Teil der Kosten wird von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) getragen.

Im Sudan hatte der Verfassungsrechts-Experte Julian Hottinger, damals Mitarbeiter des IF, an den Verhandlungen des Abkommens zwischen dem Süden und dem Norden teilgenommen, bevor er einer der Mediatoren im Darfur-Konflikt wurde.

2004 setzte die Schweiz 16,7 Mio. Franken für den Sudan ein, vor allem für humanitäre Hilfe. Im Jahr darauf sagte Bern Khartum 97 Millionen zu, verteilt über drei Jahre.

Seit seinem Eintritt in die Unabhängigkeit 1956 bis heute lebte der Sudan lediglich elf Jahre in Frieden.
Die Bürgerkriege, vor allem zwischen dem Norden und dem Süden des Landes, forderten über zwei Millionen Todesopfer, vier Millionen Menschen wurden vertrieben.
Zur Zeit leidet der Sudan – eines der ärmsten Länder der Welt – unter der Darfur-Krise, welche die Vereinten Nationen als die schlimmste humanitäre Katastrophe seit Beginn des Jahrtausends bezeichnen.

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