Als die Schweiz mit Raketen auf Wolken schoss, um den Hagel zu bekämpfen
Die Schweiz hat schon früh versucht, Wolken zu manipulieren, um Hagel abzuwenden – mit einer Methode, die heute in verschiedenen Ländern angewendet wird. Doch die Ergebnisse sind durchzogen.
Etwa zehn Kanonen sind mit Raketen geladen und auf eine dunkle Wolke am Horizont gerichtet. Wir schreiben Herbst 1900 und befinden uns im Tessiner Dorf Collina d’Oro in der Südschweiz, wo eine Gruppe von Wissenschaftlern versucht, die Kräfte der Natur zu kontrollieren. Sie feuern die Raketen auf die Gewitterwolken ab. Ihr Ziel ist es, zu verhindern, dass die auf das Dorf zudringenden Wolken grosse Hagelkörner abwerfen.
«Das zerstörerische Potenzial von Hagel ist seit jeher bekannt», erklärt Marco Gaia vom Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie (Meteo Schweiz). Ende des 19. Jahrhunderts waren Hagelabwehrsysteme in weiten Teilen der Schweiz verbreitet. Allein im Sommer 1901 feuerten die Hagelkanonen rund 6000 Mal.
Auch heute noch zählt Hagel zu den schädlichsten Wetterphänomenen in der Schweiz. Im Sommer verursacht er regelmässig Schäden in Millionenhöhe.
Schauen Sie sich das Video vom aussergewöhnlichen Hagelschlag im südlichen Tessin am 9. Juni 2026 (RSI) an:
Die Schweiz zählt zu den Pionierinnen im Kampf gegen Hagel durch Wolkenimpfung, auch «cloud seeding» genannt. Bei dieser Technik werden Partikel mit Raketen, die vom Boden aus oder aus Flugzeugen abgefeuert werden, in die Wolken eingebracht. Die verwendeten Substanzen – in der Regel Silberiodid – begünstigen die Bildung zahlreicher kleiner Hagelkörner, die weniger zerstörerisch sind als wenige grosse Körner.
Die in der Schweiz durchgeführten Tests, darunter Raketenstarts und gross angelegte Experimente in den 1950er- bis 1980er-Jahren, haben das wissenschaftliche Wissen diesbezüglich erweitert. Die Datenlage ist jedoch nach wie vor unvollständig. «Die Experimente konnten die Wirksamkeit der verschiedenen getesteten Methoden nie schlüssig nachweisen», erklärt Marco Gaia gegenüber Swissinfo.
Dutzende Länder nutzen «cloud seeding», um künstlichen Regen zu erzeugen – allerdings mit mässigem Erfolg:
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Schweizer Experimente zur Wolkenimpfung gegen Hagel
Im Rahmen ihrer Bemühungen zur Hagelbekämpfung richtete die Abteilung Landwirtschaft des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements eine Kommission ein. Diese war mit der Untersuchung der Hagelentstehung sowie der Finanzierung experimenteller Forschungen beauftragt.
Die Kommission organisierte vier gross angelegte Versuche, die sogenannten «Grossversuche», in der Schweiz. Der erste dieser Versuche fand zwischen 1948 und 1952 statt und diente der Überprüfung der Wirksamkeit der damals eingesetzten Raketen.
Das zweite Experiment begann im Jahr 1953, das dritte fand zwischen 1957 und 1963Externer Link statt. Bei beiden wurde die Wirkung von Bewölkung durch Gewitterwolken untersucht, indem mit Hilfe eines Netzes von Bodengeneratoren die Atmosphäre mit Silberjodid geimpft wurde. Die 23 Standorte waren über das gesamte Tessin und die benachbarte Lombardei in Italien verteilt.
Der vierte Test wurde zwischen 1977 und 1982Externer Link auf einer Fläche von 1300 Quadratkilometer auf der Schweizer Hochebene nördlich der Alpen durchgeführt. Auch Forschungsgruppen aus Italien und Frankreich nahmen daran teil. Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich) testete ein in der Sowjetunion entwickeltes System, das sensationelle Ergebnisse zu versprechen schien. Die sowjetischen Verantwortlichen berichteten von einer Schadensminderung um 70–90%, doch laut Gaia hatten diese Zahlen keine wissenschaftliche Grundlage.
Wolkenimpfung in der Schweiz – ein Vorbild für andere Länder?
Aus wissenschaftlicher Sicht waren die Ergebnisse der vier grossen Experimente eindeutig: Die Wolkenimpfung hat keinen nennenswerten Einfluss auf die Grösse der Hagelkörner. Vielmehr gab es, wie Gaia betont, Hinweise darauf, dass die angewandten Methoden die Hagelbildung sogar begünstigen könnten, anstatt sie einzudämmen.
Dennoch spielten die Studien in der Schweiz eine wichtige Rolle. Denn sie trugen dazu bei, die methodischen Grundlagen für die Durchführung solcher Experimente zu definieren, erklärt Ulrike Lohmann, Professorin für Atmosphärenphysik an der ETH Zürich. Ähnlich wie bei klinischen Studien sahen sie nämlich auch Kontrollgruppen vor, bei denen behandelte Wolken mit unbehandelten Referenzwolken verglichen wurden.
«Meiner Meinung nach stellt dieser Ansatz ein Vorbild dar. Er ist auch eine wichtige Lehre für andere Länder: Wenn man auf Wolkenimpfung zurückgreift, ist es unerlässlich, die Ergebnisse mit einer Situation vergleichen zu können, in der ein solcher Eingriff nicht vorgenommen wurde», sagt Lohmann. Die Forscherin führt seit Jahren Experimente zur Wolkenimpfung durch – jedoch nicht, um Hagel zu bekämpfen, sondern um die physikalischen Prozesse in Wolken, insbesondere die Bildung von Eiskristallen, zu untersuchenExterner Link.
Grössere Hagelkörner durch den Klimawandel
Trotz ausbleibender Fortschritte hoffen Forschungsgruppen und Versicherungsgesellschaften weiterhin, einen Weg zu finden, um die durch Hagel verursachten Schäden zu verringern. Ein Problem, das immer dringlicher wird.
Laut einer aktuellen StudieExterner Link wird der durch den Klimawandel bedingte Temperaturanstieg in der Schweiz und anderen gemässigten Regionen der Erde zu immer heftigeren Hagelschauern führen. Die durch grössere Hagelkörner verursachten Schäden dürften erheblich zunehmen.Externer Link
Wärmere Luft enthält mehr Feuchtigkeit, was zu intensiveren Gewittern mit stärkeren Aufwinden führt. Diese begünstigen wiederum die Bildung grösserer Hagelkörner. Wie Hagel entsteht, wird hier im Detail erklärtExterner Link.
Im Jahr 2021, das von zahlreichen Hagelereignissen geprägt war, gingen bei der Schweizerischen Hagelversicherungsgesellschaft mehr als 14’000 MeldungenExterner Link über Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen ein. Die Schadenersatzforderungen beliefen sich auf 115 Millionen Franken.
Laut einem Experten der Allianz-Versicherungsgruppe haben Hagelgewitter in den letzten Jahren weltweit mehr versicherte Schäden verursachtExterner Link als alle anderen Naturgefahren zusammen.
Endgültiges Aus für das Hagelabwehrflugzeug
Doch auch die jüngsten Versuche in der Schweiz haben keine ermutigenden Ergebnisse geliefert. In Zusammenarbeit mit der ETH Zürich hat die Versicherungsgesellschaft Baloise zwischen 2018 und 2023 in weiten Teilen der Deutschschweiz Versuche zur Wolkenimpfung durchgeführt. Das Ziel bestand darin, Hagelschäden an Autos zu reduzieren.
Während der Hagelsaison von Mai bis September startete ein speziell ausgerüstetes Flugzeug vom Flugplatz Birrfeld im Kanton Aargau, um Silberiodidpartikel in Gewitterwolken auszubringen. Pro Saison fanden etwa 30 bis 40 Flüge statt.
«Die Wirkung der Flüge auf die Bildung grosser Hagelkörner konnte nicht messbar nachgewiesen werden», erklärte Thomas Schöb, Leiter des Kundendienstes bei der Baloise, im Oktober 2024 gegenüber SRF und kündigte das Ende der Tests an.
So hoffte die Versicherungsgesellschaft Baloise, die Hagelschäden zu verringern:
Kein wissenschaftlicher Konsens über Wirksamkeit der Wolkenimpfung
Trotzdem setzen viele Länder und Regionen weiterhin auf die Impfung von Gewitterwolken, um besonders gefährdete landwirtschaftliche Gebiete zu schützen. Die Vereinigten Staaten, China, Russland und verschiedene europäische Länder – darunter Deutschland und Frankreich – haben Programme ins Leben gerufen, die Hagelschäden verringern sollen.
Einige dieser Programme, wie eines aus der kanadischen Provinz Alberta, behaupten, Hagelschäden um bis zu 50% reduzieren zu könnenExterner Link. Laut einer Studie aus North Dakota in den USAExterner Link soll die Wolkenimpfung die Grösse der Hagelkörner verringert haben.
Trotz dieser vielversprechenden Ergebnisse gibt es keinen wissenschaftlichen KonsensExterner Link über die tatsächlichen Auswirkungen dieser Technik auf Hagel und andere Niederschläge. Die verfügbaren Daten sind begrenzt und oft widersprüchlich. So kann die Wolkenimpfung zwar die Ausdehnung der vom Hagel betroffenen Flächen am Boden verringern – laut einer aktuellen Studie, an der Ulrike Lohmann mitgewirkt hat, könnte sie jedoch die Grösse der Hagelkörner erhöhen.
Marine de Guglielmo Weber, Forscherin am Institut für Strategieforschung der Militärakademie in Frankreich, erklärteExterner Link, dass sich Hagel und Regen durch eine sehr hohe Variabilität auszeichnen und somit natürliche Phänomene sind. «Es ist sehr schwierig, sie mit menschlichen Aktivitäten in Verbindung zu bringen und zu verstehen, was ohne ein Eingreifen geschehen wäre.»
Und Weber betont: «Auch die Auswirkungen von Silberiodid auf die Umwelt sind kaum dokumentiert.»
Ob nun der Mensch eines der zerstörerischsten meteorologischen Phänomene tatsächlich zähmen kann, bedarf es daher eines besseren Verständnisses des Hagels und der Wechselwirkungen zwischen den Partikeln in der Atmosphäre und den Wolken.
Editiert von Gabe Bullard/VdV; Übertragung aus dem Italienischen: Melanie Eichenberger
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