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Blanke Nerven in den Spitälern

Die Notaufnahmen sind regelmässig überlastet. Keystone Archive

Das Schweizer Gesundheitswesen kostet viel. Die öffentlichen Spitäler, Ärzte wie auch Pflegende, stehen unter enormem Druck und die Wartelisten für Behandlungen wachsen.

Dieser Inhalt wurde am 24. Juli 2003 - 17:53 publiziert

Der neuerliche Eklat um den Arzttarif Tarmed hat die Lage noch verschärft.

In den 364 Schweizer Spitälern wurden 2001 1,39 Mio. Patientinnen und Patienten behandelt. Gemäss Berechnungen des Bundesamts für Statistik kostete das insgesamt 14,6 Mrd. Franken.

Regelmässig kämpfen die Spitäler mit Überlastung und Überbelegung. "Es gibt immer wieder Patienten, die nicht in ein Akutspital gehören", sagt Sascha Pfaender, Assistenzarzt am Genfer Universitätsspital (HUG).

Besonders im Sommer werde es eng, wenn Familien während den Ferien ihre pflegebedürftigen Verwandten ins Spital abschieben.

Personal unter enormem Druck

"Wartende Patientinnen und Patienten in den Gängen hat es immer schon gegeben", erinnert sich Marco Bettoni. Der frühere Assistenzarzt am HUG arbeitet seit vier Jahren in einer eigenen Praxis. Der Kardiologe bestätigt aber, dass sich die Situation verschlimmert habe.

Er ortet – wie viele seiner Arztkollegen – das Hauptproblem beim Personalabbau. "Die Leute arbeiten ständig unter Druck, sie haben keine Reserven mehr."

Problem der Assistenzärzte erkannt

Die Assistenzärzte tragen die Hauptlast der medizinischen Betreuung in den Spitälern. Noch vor einigen Jahren wurde von ihnen noch 70 bis 80 Arbeitsstunden pro Woche gefordert.

Sogar die Landesregierung gab 2001 zu bedenken: "Solche Arbeitszeit-Verhältnisse beeinträchtigen die Qualität der Patientenbetreuung."

Im Frühling 2002 beschloss das Parlament, die Assistenzärzte dem Arbeitsgesetz zu unterstellen – sie waren bis dahin explizit davon ausgenommen. Das heisst: maximal 50 Wochenstunden bis 2005.

In verschiedenen Kantonen sind neue Gesamtarbeits-Verträge entstanden. Wie die Mehrkosten für die Arbeitszeit-Reduktion bezahlt werden sollen, ist aber noch bei weitem nicht überall geklärt.

Situation der Pflegenden unsicher

Problematisch ist auch die Situation der Pflegenden, wie das Beispiel Zürich zeigt. Unter dem Motto "Ohne uns geht nichts" demonstrierten vor drei Jahren im Kanton Zürich über 5000 Krankenschwestern und –pfleger für bessere Arbeitsbedingungen. Erreicht haben sie unterdessen Lohnerhöhungen.

Im weitreichenden "Sanierungsprogramm 04" will der Kanton Zürich aber wieder den Rotstift ansetzen: 160 Stellen sollen schrittweise gestrichen, die Effizienz in den Spitälern gesteigert werden.

Wird beim Spitalpersonal gespart, muss laut der Organisation des Zürcher Spitalpersonals damit gerechnet werden, dass die Zahl von Magenblutungen, Herzversagen, Lungenentzündungen und Harnwegsinfekten zunimmt.

Notfall statt Hausarzt

Wer einen Unfall hat oder dringend zum Arzt sollte, muss in der Schweiz nicht fürchten, von einem öffentlichen Spital abgewiesen zu werden. Gefragt ist aber Geduld: Die Notfallaufnahmen sind oft stark ausgelastet.

So verzeichnet beispielsweise die Notfallaufnahme des Universitätsspitals Zürich (USZ) in der ersten Jahreshälfte 2003 einen Anstieg von über 1100 Personen. Insgesamt wurden im letzten Jahr über 30'000 Notfälle behandelt.

Gründe für die Zunahme sieht Cornelia Erne, stellvertretende Leiterin Pflege Notfall, in den saisonal bedingten Sport- und Verkehrsunfällen, der Schliessung von Spitälern in der Umgebung und den kürzeren Spitalaufenthalten.

Hinzu kämen auch die veränderten gesellschaftlichen Strukturen. "Immer mehr Menschen haben keinen Hausarzt mehr und kommen dann bei gesundheitlichen Problemen zu uns in den Notfall", erklärt sie. In der Stadt Zürich gebe es zudem immer mehr alte Menschen und über die Hälfte der Bewohner lebe alleine.

Berner "Insel" macht sich fit

Auch beim Berner Inselspital gab es mehr Notfälle: In den letzten zwei Jahren plus ca. 3%. Seit Anfang dieses Jahres habe sich dieser Trend noch verstärkt, sagt Stefan Schneider, Projektleiter im Stab Spitalleitung.

"Dass sich Leute je länger je mehr im Notfall behandeln lassen, lässt sich nicht belegen. Wir untersuchen aber diese Entwicklungen." Notwendige Massnahmen seien in Vorbereitung, für den Fall, dass der Anstieg über mehrere Jahre weitergehen sollte, so Schneider weiter.

Steigende Prämien wecken Ansprüche

Dass die Spitäler an Kapazitäts-Engpässe gelangen, hängt auch mit gestiegenen Ansprüchen der Bevölkerung zusammen.

"Oft weigern sich die Patienten heim zu gehen, wenn sie nicht mit Hightech-Mitteln behandelt wurden, auch wenn es nicht nötig ist", erzählt Assistenzarzt Pfaender. Die Patienten seien zwar besser über Krankheiten informiert, wüssten aber auch, welche Diagnose-Methoden sie fordern könnten.

Wenn sich mehr Patienten in den grossen Spitälern behandeln lassen – und dort stehen die teuren Maschinen wie Computertomografen - hat das einen direkten Einfluss auf die Kosten: Laut dem Bundesamt für Statistik kostet ein Tag in einem kleineren Spital 895 Franken, in einem Universitätsspital mit 1357 Franken anderthalb mal soviel.

Kommt die Zweiklassen-Medizin?

Sollte wie vorgesehen 2004 der Arzt-Tarif Tarmed eingeführt werden, könnte der Druck auf die öffentlichen Spitäler wie HUG oder USZ noch zunehmen.

Tarmed soll die Abgeltung medizinischer Leistungen durch die Krankversicherer regeln. Nicht subvententionierte Privatspitäler erhalten pro Taxpunkt mehr Geld als öffentliche Spitäler.

Das öffentliche Spital kommt also der obligatorischen Krankenkasse günstiger zu stehen. Ärzte an Privatspitälern monieren deshalb eine Plafonierung der Preise durch den Versicherer-Verband Santésuisse. Laut dem Verband der invasiv, operativ, und radiologisch tätigen Spezialärzte (FMS) müssten sie Operationen "als Hobby" betreiben.

Auch Kardiologe Bettoni gibt zu bedenken: "Das öffnet der Zweiklassen-Medizin Tür und Tor. Natürlich werden wir als Privat-Ärzte keine unrentablen Eingriffe vornehmen."

Wer also als Patient keine Zusatz-, sondern nur eine Grundversicherung hat, wird sich in einem öffentlichen Spital operieren lassen müssen, wo die Wartelisten zwangsläufig wachsen werden.

Tarmed in der Schwebe

Und seit Mittte Juli ist sogar nicht einmal sicher, dass ab Januar 2004 überhaupt eine Versicherung die Spital-Rechnung bezahlen wird: Der Krankenkassen-Verband Santésuisse hat die Tarmed-Verhandlungen scheitern lassen.

Der Druck auf die öffentlichen Spitäler werde jetzt sogar noch zunehmen, warnte daraufhin der Spitalverband.

Privatspitäler erbrächten einen Viertel aller ambulanten Leistungen, decke man deren Kosten nicht, sei die medizinische Versorgung der Schweiz akut gefährdet, hiess es in einem Communiqué.

Und weiter: "Die bereits bestehenden Engpässe bei den öffentlichen Spitälern werden stark zunehmen, zusätzliche Überlastungen und jahrelange Wartezeiten werden die direkten Folgen sein."

swissinfo, Anne Rubin und Philippe Kropf

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