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Als die Helvetier von fernen Ufern träumten

Reste römischer Säulen in Avenches
Eine Schwarz-Weiss-Ansicht der Ruinen von Avenches als Symbol für die Rückkehr zum Ausgangspunkt der migrierenden Helvetier 58 v. Chr. Site et Musée romain d’Avenches © Yves André

Frankreich beherbergt die grösste Gemeinschaft von Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern. Doch die Anziehungskraft dieser Region ist nicht erst seit gestern bekannt. Das Römermuseum in Avenches befasst sich mit einem Projekt zur Massenmigration von Helvetiern an die Atlantikküste.

Julius Cäsar ist allen ein Begriff. Weniger bekannt ist jedoch, dass seine Aufnahme in das Pantheon der grossen Eroberer eng mit der Geschichte der Schweiz verknüpft ist.

Cäsar nutzte die Völkerwanderung der Helvetier, um in Gallien zu intervenieren und damit seinen berühmtesten Feldzug zu beginnen.

Die Helvetier hatten sich im Schweizer Mittelland niedergelassen und wollten sich nun in der Saintonge an der Atlantikküste im Südwesten Frankreichs festsetzen, um dem Druck der Germanen zu entgehen.

Wie Cäsar im ersten Buch des «Gallischen Kriegs» beschreibt, machten sich 368’000 Helvetierinnen und Helvetier auf den Weg ins Exil. Sie hatten ihre Dörfer und Ernten abgefackelt, um sich jeden Gedanken an eine Rückkehr zu verbieten.

Bei Bibracte (Burgund) wurden sie jedoch von der römischen Armee vernichtend geschlagen, die Überlebenden wurden gezwungen, unter römischer Kontrolle in ihre Heimat zurückzukehren.

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Keine materiellen Spuren

Abgesehen von einer kurzen Erwähnung des Migrationsprojekts durch Cicero ist der «Gallische Krieg» die einzige historische Quelle, die über dieses Ereignis aus dem Jahr 58 v. Chr. berichtet.

Da diese Beschreibung vom Protagonisten selbst stammt, ist sie zwangsläufig parteiisch und lässt grosse Unklarheiten offen, besonders über die genaue Route dieser Massenmigration.

Auch die Archäologie kann diesem Mangel an schriftlichen Quellen nichts entgegensetzen. Archäologinnen und Archäologen haben keine materiellen Spuren dieser Wanderung gefunden. Und selbst die Lokalisierung der Schlacht von Bibracte ist unter Fachleuten umstritten.

Für seine Sonderausstellung hat das Römermuseum in AvenchesExterner Link jedoch einen Weg gefunden, dieses Problem zu umgehen: Das Thema wird mithilfe einer Fotoausstellung behandelt.

«Wir wurden von dem Neuenburger Fotografen Yves André angesprochen», erklärt Denis Genequand, Direktor des Site et Musée romains d’Avenches. «Es war ein äusserst interessanter Vorschlag, denn die Fotografie ist eine Möglichkeit, diese Migration, die praktisch keine Spuren hinterlassen hat, zu visualisieren.»

In drei Kapiteln

Auf der Grundlage von Cäsars Erzählung und nach Rücksprache mit Fachleuten ging der Fotograf der plausiblen Route nach, welche die Helvetier zwischen der Schweiz und dem Burgund genommen haben könnten.

Dabei liess er viel Raum für Interpretationen. «Wir haben nur wenige genaue Anhaltspunkte: einen Start im Schweizer Mittelland, eine Passage durch Genf und wahrscheinlich durch die Schlucht der Écluse, etwa 20 Kilometer unterhalb von Genf. Ansonsten werden in Cäsars Text keine konkreten Orte erwähnt, es handelt sich lediglich um Hypothesen», so Genequand.

«Wenn sie so zahlreich waren, wie Cäsar sagt, muss man sich ausserdem separate Konvois mit Gruppen auf verschiedenen Routen vorstellen. Die Helvetier müssen nicht zwingend alle am selben Ort gewesen sein, wenn sie in einem Konvoi über Dutzende von Kilometern zogen», fügt der Direktor hinzu.

Blick auf Neuville-sur-Ain
Beim Auszug der Helvetier sind die Fotos immer paarweise angeordnet, wobei die erste Ansicht eine unberührte Landschaft zeigt und die zweite Ansicht denselben Ort, aber mit einer stärkeren Ausprägung der menschlichen Präsenz. Site et Musée romain d’Avenches © Yves André

Die Fotoreise ist in drei Kapitel unterteilt. Eine erste Reihe von Bildern zeigt die Wanderung nach Gallien. Es handelt sich um kleine Farbfotos, die paarweise angeordnet sind.

Das erste Bild zeigt eine unberührte Landschaft, wie sie die Helvetier gesehen haben könnten. Oft ist ein Element zu sehen, das auf die Wanderung hinweist, beispielsweise ein Weg oder ein Wasserlauf. Das zweite Bild zeigt dieselbe Stelle, die jedoch von Menschenhand geprägt ist.

Die zweite Serie illustriert die Rückreise von Burgund über die Jurapässe ins Schweizer Mittelland. Diese Fotos sind grösser, schwarz-weiss und sollen den trostlosen Charakter der erzwungenen Rückkehr nach der Niederlage betonen.

In der Mitte der Ausstellung sind schliesslich acht sehr grosse Farbfotos der Saintonge zu sehen, die verdeutlichen, wie dieses «erträumte Helvetien» ausgesehen haben könnte.

Plakat der Ausstellung über die Migration der Helvetier
Das Ausstellungsplakat zeigt, wie das «Helvetien am Wasser» an den Ufern des Atlantiks hätte aussehen können. Site et Musée romain d’Avenches © Yves André

Unsere Vorfahren, die Bayern

Die Fotos werden von wissenschaftlichen Texten begleitet, die den historischen Kontext erläutern. Ergänzt werden diese durch Passagen aus einer fiktionalen Geschichte, die von diesen Ereignissen inspiriert wurde und von einer jungen Frau erzählt wird, die ihrer Gemeinschaft folgt und nach der Niederlage allein in den Westen weiterzieht.

Die Ausstellung stellt auch den Begriff der Identität infrage und erinnert daran, dass Migration die Geschichte schon immer geprägt hat.

«Ich ziehe eine Parallele zur Situation von Migrantinnen und Migranten, die versuchen, den schwierigen Lebensbedingungen in ihren Ländern zu entkommen», schreibt Fotograf Yves André im Katalog.

«Mit diesem Projekt möchte ich eine andere Sicht auf die Herkunft der Schweiz vermitteln, die zu einem besseren Verständnis des Phänomens der Migration führen soll.»

Museumsdirektor Genequand seinerseits sagt: «Es ist eine Art zu zeigen, dass die Bevölkerungen, die wir derzeit in Europa haben, nie endgültig an einem Ort festgelegt wurden. Diese Ausstellung ist eine Möglichkeit, diese Bevölkerungsbewegungen in die richtige Perspektive zu rücken.»

Er betont, dass neuere archäologische Forschungen zeigen würden, dass die Helvetier, die in der Geschichtserzählung des 19. Jahrhunderts zu den Vorfahren der Schweizerinnen und Schweizer erhoben wurden, aus Bayern ins Mittelland gezogen waren.

«Sie kamen wahrscheinlich zwischen 100 und 80 v. Chr. an. Und nur wenige Jahrzehnte später, als es ihnen im Schweizer Mittelland zu eng wurde und sie von den Germanen bedroht wurden, beschlossen sie, weiterzuziehen», sagt Genequand.

«Diese Vorfahren der Schweizer Eidgenossenschaft, von denen wir glauben, dass sie konstant hier angesiedelt sind, waren Gruppen, die sich bewegt haben. Und die Bevölkerungsbewegungen, die wir heute sehen, sind eine Fortsetzung jener Bewegungen.»

Falls es Ihnen nicht möglich ist, das Römermuseum in Avenches zu besuchen, finden Sie alle Fotos und Texte im Katalog zur Sonderausstellung: Landschaften der Helvetischen Wanderung 58 v. Chr., den Sie hier in einer französischsprachigen Fassung bestellen könnenExterner Link.

Editiert von Samuel Jaberg, Übertragung aus dem Französischen mithilfe von Deepl: Christian Raaflaub

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Debatte
Gastgeber/Gastgeberin Zeno Zoccatelli

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