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Es gibt Präsidenten und Präsidenten

Adolf Ogi, festgehalten im Bahnhof Genf. swissinfo.ch

Adolf Ogi war zweimal Bundespräsident. Doch wenn es um Macht geht, hat ein schweizerischer Präsident nicht viel Gemeinsamkeiten mit einem französischen Präsidenten.

Der heute als «Mister Sport» für die Vereinten Nationen tätige Ogi erzählt swissinfo, wie er sich in der Haut eines Staatschefs fühlte, obschon er nur die Solostimme eines siebenköpfigen Chors war.

1993 musste Adolf Ogi als schweizerischer Bundespräsident den Nachbarländern erklären, warum die Schweiz sich gegen den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) entschieden hatte.

Und im Jahr 2000 fiel seine zweite Mandatszeit mit dem Ende der Krise mit den Vereinigten Staaten zusammen, die durch die namenlosen jüdischen Vermögen auf Schweizer Banken ausgelöst worden war.

Doch es hätte mehr gebraucht, um den bodenständigen Bergler mit der schier unerschöpflichen Energie und dem begeisternden Talent zur Kommunikation aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Auch wenn dieser Mensch, der rund um die Welt den Sport als Mittel zur Entwicklung und für den Frieden propagiert, sich im Kostüm eines temporären Präsidenten beengt gefühlt hätte, würde er es nicht erwähnen.

swissinfo: Sie haben den damaligen französischen Präsidenten François Mitterrand gut gekannt. Mussten Sie ihm bei Ihrer ersten Begegnung erklären, dass Sie im folgenden Jahr nicht mehr Präsident sein würden?

Adolf Ogi: Für unser erstes Treffen hatte man mir gerade mal zehn Minuten für ein Gespräch eingeräumt. Dieses dauerte dann über eine Stunde.

Am Schluss sagte Mitterrand zu mir: «Ich möchte Sie in der Schweiz besuchen, ich möchte sehen, wo Sie geboren sind, ich möchte Ihren Vater kennen lernen.»

Im Dezember ist er dann wirklich gekommen und hat einen ganzen Tag im Berner Oberland verbracht.

An der Beerdigung von König Baudouin von Belgien hat er mich allen Staatspräsidenten vorgestellt und gesagt: «Ich stelle Ihnen den Präsidenten der Eidgenossenschaft vor. Sie haben ihn heute das erste Mal ausreisen lassen…» Damals war es nicht üblich, dass der Bundespräsident das Land verliess. Ich habe vielleicht etwas mitgeholfen, dieses Tabu zu brechen.

François Mitterrand hat mich immer als Freund behandelt, mit viel Respekt, obwohl wir nicht aus dem gleichen politischen Lager stammten. Doch er wusste, dass ich Ende 1993 nicht mehr Bundespräsident sein würde, so wie es unsere Verfassung vorsieht.

swissinfo: Muss man den Präsidenten anderer Länder unser System erklären?

A.O.: Im Allgemeinen kennen die Europäer die Schweiz und auch ein wenig ihr System. Doch Nichteuropäern muss man schon erklären, dass wir in unserer Regierung sieben Leute sind, und dass jedes Jahr jemand von diesen sieben Präsident ist.

Es kann schon vorkommen, dass dies bei gewissen Amtskollegen ein Lächeln provoziert, besonders bei den Afrikanern und Asiaten.

Wenn man Präsident ist, baut man ein Beziehungsnetz auf, es entstehen Vertrauensverhältnisse und Freundschaften. Und plötzlich, nach einem Jahr, muss man die Präsidentschaft abgeben und einem Nachfolger Platz machen. Da hat unser System ein Handicap.

swissinfo: Daher die Idee eines Präsidialdepartements?

A.O.: Im Interesse des Landes wäre es gut, wenn der Präsident oder die Präsidentin zwei Jahre oder noch besser vier Jahre im Amt bleiben würde. Man sollte unbedingt darüber diskutieren. Ich habe den Eindruck, die aktuelle Regierung teilt diese Meinung, die auch vom Schweizer Volk akzeptiert würde.

Doch wenn ein scheidender Präsident eine solche Meinung kundtut, würden wohl alle meinen, er hätte Lust, noch länger zu bleiben…

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Bundespräsident

Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht Der Bundespräsident (oder die Bundespräsidentin) wird jedes Jahr aus der Mitte der Schweizer Landesregierung (Bundesrat, Exekutive) gewählt, die sieben Mitglieder zählt. Er gilt in dieser Zeit als Primus inter pares, das heisst Erster unter Gleichgestellten, und leitet die Bundesratssitzungen. Das Amt ist repräsentativ und nicht mit zusätzlicher Macht verbunden.

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swissinfo: Hatten Sie bei Ihren Begegnungen nicht manchmal den Eindruck, dass die Schweiz von oben herab betrachtet wurde?

A.O.: Es kommt darauf an. In Afrika, Asien und Lateinamerika versteht man uns gut und begegnet uns mit Respekt. In Europa und in Nordamerika ist dies vielleicht nicht immer der Fall.

Die Schweiz war in den Vereinigten Staaten immer sehr respektiert, doch das Problem der namenlosen jüdischen Vermögen auf Schweizer Banken Ende der 1990er-Jahre war eine schwierige Zeit. Man musste immer und immer wieder die Position der Schweiz erklären.

Manchmal vermittelt die Tatsache, dass wir nicht Mitglied der Europäischen Union sind, in Europa den Eindruck, wir seien Profiteure; dies ist jedoch völlig falsch.

Den Europäern muss man immer wieder erklären, dass das Schweizer Volk das letzte Wort hat und ein Beitritt der Schweiz an einer Volksabstimmung scheitern würde.

swissinfo: A propos Referendum: Die Idee der direkten Demokratie war während der Kampagne um die französischen Präsidentschaft ein Thema.

A.O: Ich kann Ihnen dazu eine Anekdote erzählen: Im Dezember 2000 war ich am Gipfel von Nizza.

Jacques Chirac, der das Treffen präsidierte, liess alle Ländervertreter zu Wort kommen, einschliesslich die Nichtmitglieder der EU. Ich hatte also einen ausgefeilten, gut vorbereiteten Text bei mir, den meine Kollegen in der Regierung abgesegnet hatten.

Bevor ich das Wort ergreifen konnte, hörte ich Romano Prodi, den Präsidenten der Kommission, der neben mir war, sagen: «Ah, die Schweizer, immer haben sie Sonderwünsche.»

Als ich dies hörte, entschloss ich mich, meinen Text beiseite zu lassen und sagte: «Da Herr Prodi denkt, dass die Schweizer immer Sonderwünsche haben, werde ich ihnen jetzt das schweizerische System, die direkte Demokratie, erklären, die vier Kulturen, die vier Sprachen, die 26 Kantone. Ich werde ihnen das System näher bringen, das seit 1848 funktioniert.»

Alle haben gut zugehört und am Schluss sagte jemand, ich erinnere mich nicht mehr, wer: «Gut, nun wissen wir’s, wir müssen der Schweiz beitreten!» Im Ernst, ich glaube, dass das schweizerische System auch ein System für Europa sein könnte. Ich habe dies meinen Gästen immer wieder gesagt.

swissinfo: Doch dazu müsste man der EU beitreten?

A.O.: Seien wir realistisch. Ich weiss, wenn wir diese Frage heute dem Schweizer Volk stellen würden, wäre die Antwort negativ. Das ist eine Tatsache. Es nützt nichts, etwas zu forcieren.

Doch man muss auch die positive Seite der Union klar aufzeigen, abgesehen vom Krieg im ehemaligen Jugoslawien: Es ist die Stabilität, die sich merklich verbessert hat. Und zu Fragen der Umwelt hat Brüssel mutige Entscheide getroffen. Die Schweiz liegt heute weit zurück.

swissinfo-Interview: Marc-André Miserez
(Übertragung aus dem Französischen: Christine Fuhrer)

Der französische Präsident wird direkt durch eine Volksabstimmung für eine Amtsdauer von 5 Jahren gewählt. Er ist Staatschef, Chef der Diplomatie und Oberbefehlshaber der Streitkräfte.

Er ernennt den Premierminister und auf dessen Vorschlag die Regierung und kann die Nationalversammlung auflösen. Er verfügt über ein Begnadigungsrecht und kann ein Referendum anordnen.

Er ist zudem Ko-Fürst von Andorra und Ehren-Domherr der Lateranbasilika in Rom, was ihm das Privileg zugesteht, die Kirche zu Pferd zu betreten.

Die Schweizer Regierung wird vom Parlament für vier Jahre gewählt. Jeder der sieben Minister übernimmt in einem bestimmten Turnus jeweils für ein Jahr die Präsidentschaft und führt parallel dazu sein Ministerium (Departement).

Die Entscheidungen der Regierung werden nach dem Kollegialitätsprinzip getroffen, der Präsident ist lediglich der «Erste unter Gleichberechtigten» (Primus inter pares). Er übt eine repräsentative Rolle innerhalb und ausserhalb des Landes aus.

Adolf Ogi wurde 1942 in Kandersteg im Berner Oberland geboren, absolvierte die Handelschule am Bielersee und vertiefte seine Studien in London.

Er leitete das Tourismusbüro seiner Region, dann den Schweizerischen Skiverband und schliesslich die Schweizer Niederlassung der Firma Intersport.

1979 wird er in den Nationalrat gewählt und 1987 in die Regierung. Während seiner Amtszeit wird er zweimal Bundespräsident, 1993 und 2000. Dies ist zugleich sein letztes Jahr in der Regierung.

Seit 2001 ist er Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen (UNO) für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden.

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