Modegag Patriotismus
Die Schweiz hat ihre Nationalsymbole wieder entdeckt. Und der 1. August wandelt sich immer mehr vom hölzernen Anlass zum ausgelassenen Fest.
Seit fast einem Jahr feiert die Schweiz den permanenten 1. August. Die Schweizer Flagge ist auf den T-Shirts der Jugend zum Trendartikel geworden. Das Schweizerkreuz ist omnipräsent, nicht länger nur auf Sackmessern; auch auf Taschen, Mausmatten und Uhren sticht es hervor.
Es sind nicht wie erwartet rechtskonservative Kreise, sondern die trendbewussten, urbanen Jungen, die dem Schweizerkreuz zu seiner neuen Blüte verhelfen. Modekenner sehen denn auch eher einen Zusammenhang mit der «Logo-Welle», als eine Rückkehr zu traditionelleren Werten.
Junge ans Mikrofon
Die Jungen setzen jedoch nicht nur modische Zeichen. In über 200 Gemeinden durften sie am diesjährigen Netionalfeiertag ans Rednerpult. Dem Projekt liegt eine Idee der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV) zugrunde.
Verantwortlich dafür ist Pierre-Alain Perren, Leiter des Projekts «01-08-02.ch …und die Jugend hat das Wort». Der Walliser freut sich im Brückenbauer: «Das grosse Interesse der Gemeinden überrascht mich positiv. Sie nehmen die Jugend ernst.»
Patriotismus für alle
«Jeder darf stolz auf die Schweiz sein», sagt der Genfer Soziologieprofessor Ueli Windisch gegenüber swissinfo zur jugendlichen Begeisterung für die Schweiz. Das Thema Patriotismus sei heute nicht mehr nur der Schweizerischen Volkspartei SVP vorbehalten.
Und träumt: «Ein bahnbrechendes Projekt wie die Swissmetro wäre für die Schweiz genial. Damit könnten wir zeigen, dass wir keine Angst haben, unsere Zukunft anzupacken. Heute müssen wir alle ausserordentlichen Kräfte der Schweiz sammeln, um unsere Zukunftsvision zu definieren.»
Endlich 1. August
Obwohl der erste August der Schweizer Nationalfeiertag ist, wird vielerorts am 31. Juli gefeiert. Zum Beispiel schiesst Basel das erste von zwei Feuerwerken schon einen Tag vorher in den nächtlichen Himmel über dem Rhein. «Damit die Bevölkerung nach dem Fest ausschlafen kann», so die offizielle Begründung der Basler Staatskanzlei.
Die Expo.02 hingegen hielt sich an den Kalender, und liess am 1. August über 5000 Flugkörper von den Arteplages aus in den Nachthimmel steigen. Mit einem Verbot von privatem Feuerwerk sollten Brände verhindert werden.
Brunch zum Zehnten
Bereits zum zehnten Mal hatten Schweizer Bauernfamilien zum Brunch auf dem Bauernhof eingeladen. Auf 450 Höfen wurden rund 200’000 Besucherinnen und Besucher bewirtet.
Zum dritten Mal schon feierte sich die Schweiz auch in ihrer Botschaft in Berlin. Nachdem die Resonanz auf die beiden letzen Feste sehr positiv gewesen sei, wollte man auch dieses Jahr die Tradition fortsetzen, auch wenn nicht mehr das schillernde Ehepaar Borer-Fielding zum Feste lud.
711. Feier
Kaspar Villiger hielt als diesjähriger Bundespräsident die traditionelle Ansprache, die wie immer von Radio und Fernsehen übertragen wurde. In seiner Rede an die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer ging Villiger auch auf den Imageverlust ein, den das Land im letzten Jahr erlitten hat.
Der Zusammenbruch der Swissair, der Zuger Amoklauf, die Gotthard-Katastrophe und das Versagen einiger Spitzenmanager hätten am Bild der sauberen Schweiz gekratzt. Doch Villiger relativiert: «Wir sind wieder einmal in einer Phase, in welcher wir uns schlechter fühlen, als es uns wirklich geht.»
Christian Raaflaub
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