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Zweite Welle setzt Moral in der Schweiz auf Halbmast

Das Homeoffice ist wieder Pflicht – und drei Viertel der Bevölkerung stehen dahinter Keystone / Gaetan Bally

Die Corona-Pandemie nagt zunehmend an der Moral der Menschen in der Schweiz. Mehr und mehr fürchten Isolation und Freiheitsverlust. Die neue Sotomo-Umfrage im Auftrag der SRG SSR zeigt aber auch, dass viele die Impfungen als Licht am Ende des Tunnels sehen.

Dieser Inhalt wurde am 15. Januar 2021 - 17:00 publiziert

Der sechste sogenannte Pandemie-Monitor wurde zwischen dem 8. und 11. Januar durchgeführt. Es ist wichtig, dies am Anfang zu erwähnen, da diese Periode einen Wendepunkt markiert. Und das dürfte die Antworten der Teilnehmenden beeinflusst haben. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte die Regierung signalisiert, dass sie die Massnahmen verschärfen könnte – was am 13. Januar dann auch tatsächlich geschah.

Auch für die Gesundheit war dies eine Wende: In der Schweiz wie auch anderswo gibt der Beginn der Impfkampagnen Anlass zu grosser Hoffnung. Aber gleichzeitig ist das Auftauchen neuer Virus-Varianten beängstigend, sind diese doch um 50 bis 70% ansteckender.

Angst vor Isolation

Die Bestandesaufnahme zeigt, dass die Situation wirklich beginnt, ihren Tribut zu fordern. Die meistgenannten Ängste betreffen die Einschränkung der Freiheit (bei 61% der Befragten) sowie Einsamkeit und soziale Isolation (51%). Noch nie wurden diese Bedenken so häufig geäussert.

Der Corona-Monitor Nr. 6

Die Umfrage wurde vom Sotomo-Institut im Auftrag der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG SSR) durchgeführt, zu der auch SWI swissinfo.ch gehört.

Es ist der sechste Monitor, der seit letztem März durchgeführt wurde.

An der Online-Umfrage haben sich zwischen dem 8. und 11. Januar 43'797 Personen aus allen Sprachregionen beteiligt.

Die Fehlerquote beträgt +/- 1,1 %.

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Ängste vor viel konkreteren Gefahren hingegen stagnieren oder nehmen ab. So ist zum Beispiel die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes von 21% im Oktober letzten Jahres auf heute 19% gesunken. Was die Ansteckungsgefahr betrifft, so haben nur noch 40% der Befragten Angst, sich anzustecken, verglichen mit 45% im Oktober 2020. Die Meinungsforscher erklären den Rückgang mit der Verfügbarkeit der lang ersehnten Impfstoffe.

Ältere fürchten sich besonders vor Infektion

Aber es gibt Nuancen: Die Ängste unterscheiden sich je nach Bevölkerungsgruppen. So machen sich die Unter-65-Jährigen vor allem Sorgen über die Auswirkungen der Pandemie auf ihren Arbeitsplatz oder ihre Finanzen. Die Über-65-Jährigen dagegen haben mehr Angst vor einer Infektion und deren Folgen.

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Dies sind die persönlichen Ängste. Wenn wir von Ängsten für die Gesellschaft als Ganzes sprechen, dominieren Ängste im Zusammenhang mit der allgemeinen wirtschaftlichen Situation (30%).

Riesige Hoffnung

Die Umfrage zeigt, dass der Start der Impfkampagnen viele mit Hoffnung erfüllt. Mehr als die Hälfte der Befragten (58%) glaubt, dass die Gefahr dank eines wirksamen Impfstoffs verschwinden wird. Dieser Enthusiasmus muss jedoch mit Bedacht eingeschätzt werden, denn ebenso viele Befragte glauben, dass wir lernen müssten, mit dem Virus zu leben.

Ganz klar ist aber: Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, gewinnt markant an Boden. 41% der Befragten sind bereit, sich sofort impfen zu lassen, im Oktober waren es ganze 16% gewesen. Der Anteil der strikten Impfgegner sank von damals 28% im Oktober auf jetzt 24%.

Ein Drittel der Befragten (35%) zieht es vor, abzuwarten. Ihr häufigster Grund ist Vorsicht: 60% wollen sicher sein, dass der Impfstoff keine signifikanten Nebenwirkungen hat.

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Grosse Differenzen

Bis die Impfstoffe aber ihre volle und breite Wirkung erreicht haben, müssen Schutzmassnahmen aufrechterhalten werden. Nur werden diese nicht mehr einfach so akzeptiert.

Einige der kürzlich von der Regierung verordneten Massnahmen stossen auf breite Akzeptanz. So wird beispielsweise die Pflicht zum Homeoffice mit 74% Zustimmung breit unterstützt. Auch das Verbot, dass sich mehr als fünf Personen im öffentlichen Raum treffen dürfen, findet grossen Rückhalt (64%).

Masken gehören jetzt zum Alltagsbild

Das Tragen von Masken, das vor einigen Monaten noch verpönt war, ist zur Selbstverständlichkeit geworden: 82% der Befragten befürworten das Tragen von Masken bei öffentlichen Veranstaltungen, 81% in Geschäften, 71% in Büros und 67% im Freien, wenn physische Distanzen nicht eingehalten werden können.

Andere Massnahmen finden jedoch weniger Anklang. So ist mehr als die Hälfte der Befragten (56%) gegen die Schliessung von Geschäften, die nicht lebensnotwendige Artikel verkaufen. Und die Idee, die Bewegungsfreiheit in Gebieten mit hohen Fallzahlen einzuschränken, lehnen 63% der Befragten ab.

Ein Land von Skifahrenden

Ein Thema hat nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa für Kontroversen gesorgt: die Öffnung der Skigebiete in unseren Alpen. Die Umfrage zeigt, dass die Schweizerinnen und Schweizer damit keine grossen Probleme haben: 46% sind dafür, die Skipisten in der ganzen Schweiz mit entsprechenden Schutzmassnahmen geöffnet zu halten. 18% sind dafür, sie nur in jenen Kantonen zu schliessen, wo es die gesundheitliche Situation respektive die ausgelasteten Kapazitäten der Spitäler erfordert. 37%, also gut ein Drittel, sind dafür, die Skigebiete ganz zu schliessen.

Erhöhtes Misstrauen gegenüber dem Bundesrat

Das Vertrauen in die Regierung, das zu Beginn der Pandemie hoch war, erodiert weiter. Der Anteil der Befragten, die ein grosses oder sehr grosses Vertrauen in den Bundesrat haben, ist von 38% im Oktober auf heute 32% geschrumpft. Zur Erinnerung: Im März lag dieser Anteil noch bei 61% – ein Erdrutsch.

Auf die Frage, wie gut es der Schweiz in der Pandemie im Vergleich zu ihren Nachbarn geht, sagen 28%, dass es ihr besser geht. 34% sind der Meinung, die Schweiz stehe schlechter da.

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