«Die Schweiz kann die Sensation schaffen»
Ottmar Hitzfeld, der künftige Trainer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft und Nachfolger von Köbi Kuhn, traut der Schweiz an der Euro 2008 einiges zu, auch wenn sie nicht zu den Favoriten gehört.
Die letzte Saison des künftigen Schweizer Nationaltrainers mit Bayern München könnte erfolgreicher nicht sein. Den Ligacup hat Hitzfeld bereits zu Beginn der Saison gewonnen, den deutschen Cupfinal gegen Borussia Dortmund im April. In Kürze warten noch zwei weitere Titel auf ihn: Deutscher Meister und UEFA-Cup-Sieger. Es wäre die beste Saison des deutschen Rekordmeisters, und Hitzfeld hätte alles gewonnen, was man sich als Clubtrainer gewinnen kann.
Im Sommer schlagen Sie ein neues Kapitel in Ihrer Trainer-Karriere auf. Sie kehren in die Schweiz, ihre zweite Heimat, zurück. Sind die nächsten beiden Jahre als Schweizer Nationalcoach auch Ihre Abschiedstournee als Fussballtrainer?
Ottmar Hitzfeld: Nein, nein, das darf man nicht so sehen. Es ist für mich ein neuer Lebensabschnitt und eine neue Herausforderung. Ich freue mich auf den neuen Job, auf eine spannende Zeit, darauf, einmal eine Nationalmannschaft zu trainieren.
Ich werde neue Erfahrungen sammeln. Ich weiss noch nicht, wie alles funktioniert. Wie es ist, wenn man eine Mannschaft nur alle paar Wochen einmal zur Verfügung hat. Wie kann man so einer Mannschaft Impulse geben?
Und dann ist da natürlich das Ziel, sich für die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika zu qualifizieren, an einer WM dabei zu sein. Das ist auch für mich nochmals eine riesige Herausforderung. Wenn es gut läuft mit der Schweiz, dann kann ich mir durchaus auch eine längere Amtsdauer als Schweizer Nationalcoach vorstellen.
Sie hätten 2004 auch Trainer der deutschen Nationalmannschaft werden können. Warum sagten Sie damals ab und gaben nun der Schweiz das Ja-Wort?
O.H.: 2004 stimmte die Konstellation für mich nicht. Ich war ausgebrannt und brauchte eine Pause nach sechs Jahren bei den Bayern und elf Titeln. Es war einfach der falsche Zeitpunkt. Das Angebot aus der Schweiz kam diesbezüglich in einem besseren Moment und ist auch eine besondere Situation.
Es ist natürlich auch eine Herzens-Angelegenheit, weil ich 17 Jahre in diesem Land als Spieler und Trainer tätig war. Ich wäre jetzt niemals nach Österreich oder Frankreich oder Holland gegangen, um Nationaltrainer zu werden.
Ein neuer Trainer bringt auch Veränderungen. Erste Wechsel im personellen Bereich wurden schon bekannt. Sind auch im technischen Bereich Änderungen zu erwarten?
O.H.: Es ist normal, dass mit einem neuen Trainer auch neue Leute im Umfeld auftauchen. Das hat viel mit Vertrauen zu tun. Sonst wird sich nicht sehr viel ändern. Ich bin nicht der Typ, der alles über den Haufen wirft. Was bisher gut war, soll auch weiterhin Bestand haben. Die Schweizer Nationalmannschaft funktioniert, der Verband funktioniert. Da muss man nicht viel verändern.
Nun hat die Schweiz vor kurzem eine erste Hauptprobe gegen Deutschland hoch mit 0:4 verloren. Verstehen Sie die Unruhe, die dadurch rund um die Mannschaft entstanden ist?
O.H.: Ich erachtete diese Reaktionen als völlig überzogen. Aber das hat man vor zwei Jahren in Deutschland auch erlebt. Das muss man wegstecken als Mannschaft. Ich glaube, eine solche Niederlage mobilisiert nur noch zusätzliche Kräfte und verstärkt die Konzentration auf die kommenden Ernstkämpfe.
Ich habe diese Aufregung nicht verstanden, aber es ist einfach so in unserem Job: Wenn man gewinnt, wird man gefeiert, wenn man verliert, dann setzt es Kritik ab. Da muss man die Ruhe bewahren.
Was trauen Sie der Mannschaft an der Euro 2008 zu?
O.H.: Die Schweiz kann die Sensation schaffen. Wenn sie in den Halbfinal kommt oder gar in den Final – das wäre ein Traum. Aber man darf ja ein bisschen träumen.
Die Schweiz hat in den letzten Jahren Grossartiges geleistet. Auch an der WM 2006, als sie die Gruppenspiele überstand und das noch vor Frankreich. Das muss man herausstreichen. Und dass die Schweiz Europameister werden will, ist ja auch legitim. Wer an einem Wettbewerb teilnimmt, der will ihn auch gewinnen. Die Schweiz gehört jedoch nicht zu den Favoriten.
Aber wenn man sagt, man wolle Europameister werden, dann erzeugt man auch grossen Druck.
O.H.: Solcher Druck soll auch sein. Er ist ja auch leistungsfördernd. Das sind alles Profifussballer, die mehrheitlich im Ausland spielen und tagtäglich Druck haben. Mit einer solchen Erwartungshaltung muss man fertig werden. Das gehört zum Job eines Fussballers.
Interview: René Baumann, München (Sportinformation Zürich)
Qualifikationsspiele für die WM 2010 in Südafrika:
Israel-Schweiz 06.09.08
Schweiz-Luxemburg 10.09.08
Schweiz-Lettland 11.10.08
Griechenland-Schweiz 15.10.08
Moldavien-Schweiz 28.03.09
Schweiz-Moldavien 01.04.09
Schweiz-Griechenland 05.09.09
Lettland-Schweiz 09.09.09
Luxemburg-Schweiz 10.10.09
Schweiz-Israel 14.10.09
Geboren 1949 in Lörrach (Deutschland), unmittelbar an der Grenze zur Schweiz. Er ist noch bis Anfang Juni Trainer von Bayern München und hat bis kurz vor Saisonende bereits den Liga-Cup (Anfang Saison) und den deutschen Cupfinal gewonnen, und der deutsche Meistertitel steht bevor.
Ab Juli 2008 trainiert der Nachfolger von Köbi Kuhn mit der Schweiz erstmals eine Nationalmannschaft.
Als Spieler des FC Basel wurde er 1972 und 1973 Schweizer Meister, als er mit 18 Toren auch Schweizer Torschützenkönig wurde.
Als Trainer gewann er mit dem Grasshopper Club Zürich zwei Meistertitel (1990 und 1991). Er errang zudem drei Cupsiege.
In der deutschen Bundesliga gewann Hitzfeld mit Borussia Dortmund (2) und Bayern München (4) bisher sechs Mal den Meisterpokal.
Seine grössten Erfolge waren die Siege in der Champions League 1997 und 2001. In jenen Jahren wurde er «Welt-Trainer des Jahres».
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