Presseschau vom 18.10.2002
Die Atomwaffen-Pläne von Nordkorea sind das grosse Thema in der Schweizer Presse. Kaum eine Zeitung, die das "neue Problem" von George W. Bush nicht kommentiert.
Der Ausverkauf der Swissair war das andere grosse Thema. Während Stunden standen Tausende im Regen, um sich ein Stück Geschichte zu ergattern.
Nordkorea sei als Schurke entlarvt, schreibt der TAGES ANZEIGER. Pjöngjang habe sich an keine Abmachungen gehalten. Daher ist für den TAGI klar:
«Auf neue Tauschgeschäfte darf Führer Kim nicht mehr zählen. Washington wird sich jedweden Begehrlichkeiten verweigern. Zu Recht. Selbst wenn Nordkorea widerrufen sollte, was es eingestanden hat, dieses Regime hat allen Kredit verspielt.»
Ein neuer Lügner, «un nouveau ‚menteur'», titelt die Westschweizer Zeitung LE TEMPS.
Auch die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG konstatiert, diese Regierung habe seit je einen Drang zu diplomatischen Verwirrspielen verspürt. Das Eingeständnis, an einem Atomwaffenprogramm zu arbeiten, passe gut in dieses Bild. Und George Bush werde damit vom Irak abgelenkt:
«Dem amerikanischen Präsidenten müssten sich nun zwei Fronten öffnen. Fast könnte man meinen, Kim Jong Il sei Saddam Hussein im taktischen Abwehrkampf gegen Bush zu Hilfe gekommen.»
Bush im Dilemma
Zum gleichen Schluss kommt der Berner BUND. «Bush im Dilemma», titelt er. Nun tauche neben dem Irak plötzlich ein Staat mit starker Armee auf, der sogar zugebe, ein Atomwaffen-Programm zu betreiben. Doch neben dem Krieg gegen den Terrorismus und dem (möglichen) Krieg gegen den Irak könne sich Bush nicht noch einen dritten Krieg leisten:
«Laut Experten stellt Nordkorea nämlich eine wesentlich grössere Bedrohung dar als Irak. Trotzdem setzt Bush hier offenbar auf eine diplomatische Lösung. Das ist zwar inkonsequent, aber vernünftig.»
Der diplomatische Weg sei sicher der bessere, meint auch die AARGAUER ZEITUNG. Denn zu viele Fragen seien noch offen.
«Vor allem ist unklar, was Pjöngjang mit dem überraschenden Geständnis eigentlich bezweckt. Die isolierte kommunistische Führung in Nordkorea ist nicht nur gefährlich, sie ist auch unberechenbar.»
Und schliesslich meint die BERNER ZEITUNG: «Ein Irak ist genug.» Kim Jong Il werde auch in den USA mit einer anderen Elle gemessen, als Saddam Hussein. Und sie zitiert anonyme Regierungsbeamte.
«Man sei sich bewusst, dass Südkoreas Halbinsel dem Erdboden gleichgemacht werden könnte.»
Was die BERNER ZEITUNG zum Kommentar veranlasst:
«Welch ein Glück, dass in Washington so gedacht wird, da kann der Rest der Welt nur noch aufatmen.»
Scharfschütze in Washington
Doch Washington hat derzeit auch ein eigenes Problem. Den «Sniper», einen Scharfschützen, der wahllos Passanten erschiesst. «Im Paradies der Waffennarren», titelt die BASLER ZEITUNG.
«Da der Präsident regelmässig verbal attackiert statt deeskaliert, muss man sich nicht wundern, wenn verwirrte Bürger zur Waffe greifen und Gewalt ausüben. Ethisches Verhalten, Respekt und Toleranz zählen in dieser Gedankenwelt nichts – Macht, Gewalt und Dominanz alles.»
Es sei daher an der Zeit, die Waffendebatte wieder aufzunehmen, und über die wahren Ursachen der Gewalt zu debattieren.
Eine Lösung könnte dieser Ansatz aus dem CASH sein:
«Chefs sollten mehr mit Lego spielen», sagt Lego-Besitzer Kjeld Kristiansen im Exklusiv-Interview. Und er erklärt, wie er den angeschlagenen Konzern wieder flott machen will.
«Wir haben uns vom klassischen Produkt zu weit entfernt. Die Marke Lego wurde verwässert. Jetzt gehen wir mit frischen Marketingideen ‚back to the roots‘.»
Swissair ade
Zurück zu den Wurzeln – dafür ist es bei der Swissair zu spät. Was vom einstigen Nationalstolz an Material blieb, wird nun verscherbelt. «Tausende kamen zum traurigen Ausverkauf», titelt der BLICK. Viele Käufer hätten sogar auf den nächsten Tag vertröstet werden müssen.
«Alle kamen sie, die Schnäppchenjäger. Es kamen aber auch diejenigen, die einfach nur ein Andenken wollten – egal was. Eine Erinnerung an die einst glorreiche Fluggesellschaft, die nur noch ‚in unseren Herzen weiterlebt‘.»
Christian Raaflaub
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch