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Stunde der Wahrheit?

Michel Tabachnik auf einem Bild von 1996. Keystone

In Grenoble ist am Dienstag (17.04.) der Prozess gegen den Genfer Orchesterchef Michel Tabachnik eröffnet worden. Er wird verdächtigt, einer der Verantwortlichen der Sonnentempler-Sekte zu sein.

Der 58-jährige erschien überraschend vor dem Strafgericht der französischen Stadt Grenoble. In dem auf zwei Wochen angesetzten Prozess geht es um die Bluttat, die sich im Dezember 1995 im nahe gelegenen Vercors-Bergmassiv ereignete und bei der 16 Menschen getötet wurden.

Medienschaffende aus aller Welt verfolgen den Prozess. Ihnen gegenüber verweigerte Tabachnik am Dienstag jeden Kommentar. Sein Erscheinen vor Gericht kam überraschend, nachdem er ursprünglich dem Prozess fernbleiben wollte.

Die blutige Spur

Mitte der Neunzigerjahre kamen insgesamt 74 Anhänger der Sonnentempler-Sekte unter mysteriösen Umständen ums Leben. In einem Hof des Weilers Cheiry, westlich von Fribourg, fand man 22 Leichen. Sie lagen in einer Art Kapelle mit verspiegelten Wänden und leuchtendroten Stoffbahnen unter einem Christusgemälde.

Drei Stunden später meldete die Autobahnpolizei bei Martigny im Kanton Wallis im Feriendorf Granges-sur-Salvan einen Brand. Das Chalet war bereits abgebrannt, als die Feuerwehr und die Polizei eintraf. In den Überresten fand man 25 Leichen, darunter fünf Kinder.

Ritualmorde

Ermittlungen ergaben, dass es sich bei den Toten in der Schweiz um Mitglieder der Sekte «Sonnentempler» handelte. Führer hatten ein rituelles Blutbad unter den Anhängern angerichtet. Die Tötungen wurden bizarr als «Transit» zum Sirius, dem hellsten Stern des Nachthimmels bezeichnet. Der «Orden» vermengte mittelalterliche Mysterien mit obskuren Naturreligionen. Soviel zur üblen Geschichte.

Mehr als nur Spinner?

Das war 1994. Im Laufe der Ermittlungen wurden auch doch Ritualmorde entdeckt, in der Nähe von Grenoble und in Kanada. In der Folge wurde die Sache immer bizarrer. Professor Massimo Introvigne, Sektenexperte aus Turin sprach «von einer undurchsichtigen Zusammenarbeit zwischen Templern, Geheimdiensten und Politik».

Prozess in Grenoble

Der Prozess, der nun in Frankreich, in Grenoble, beginnt, steht im Zusammenhang mit den Morden in dieser Gegend. Im Vercors-Massiv wurden damals die verkohlten Leichen von 16 Sonnentemplern gefunden.

Die Rolle des auch angeklagten Genfer Orchesterchefs Michel Tabachnik wurde nie ganz ausgeleuchtet. Die französische Justiz wirft ihm vor an der Verbreitung einer «doktrinären Lehre» beteiligt gewesen zu sein. Und damit eine «selbstmörderische Dynamik» entfacht zu haben. Der Dirigent Michel Tabachnik, der früher den Berliner Philharmonikern seines Gönners Herbert von Karajan den Taktstock schlug, soll mit Sektenführer Joseph Di Mambro Messen zelebriert haben. Er selber stellt sich heute als Opfer des Kults dar, weil seine erste Ehefrau im Chalet von Granges-sur-Salvan verbrannte.

Kontakte zugegeben

Der heute 59-jährige Musiker Tabachnik bestreitet denn auch nicht, dass er Kontakte mit Sektenmitgliedern gehabt habe. Auch gibt er zu, einer Zeremonie der Sonnentempler beigewohnt zu haben. Den Medien gegenüber beteuerte Tabachnik allerdings ständig seine Unschuld.

Wörtlich sagt er gegenüber sissinfo: «Offiziell war ich nie Mitglied der Sonnentempler. Es stimmt aber, dass ich zu Beginn der Achzigerjahre an Anlässen teilgenommen habe. Es war meine Frau Christine, die mich mit Joseph Di Mambro vorstellte. Ich fand in ihm jemanden, mit dem ich über meine Probleme sprechen konnte».

Auf die Frage, ob es Di Mambro gewesen sei, welcher die Massaker befohlen habe, sagt Tabachnik, dass für ihn eine solche Frage nicht zu beantworten sei. Di Mambro sei für ihn ein Freund gewesen, der dann zum Verräter wurde.

Am Prozess will er nicht persönlich teilnehmen. Er sei keineswegs die Nummer drei in der Hierarchie der Sonnentempler gewesen (hinter den verstorbenen Joseph Di Mambro und Luc Jouret).

Hoffnung der Angehörigen

Gespannt verfolgen Schweizer Angehörige von Opfern den Prozess in Grenoble. Ihr Genfer Anwalt Jacques Barillon rief Tabachnik auf, selber vor Gericht zu erscheinen und sich den Fragen zu stellen.

Den betroffenen Familien würde Tabachnik mit seiner Präsenz einen grossen Dienst erweisen, selbst wenn er seine Unschuld beteuern würde.

Der Beschuldigte selber, sagt gegenüber swissinfo, auf die Frage, ob er denn am Prozess anwesend sein werde: «Ich bin hin- und hergerissen und werde mich wohl erst in allerletzter Minute entscheiden».

swissinfo und Agenturen

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