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Tschad: Ausländer werden evakuiert

Die französische Armee evakuiert ausländische Staatsangehörige. Keystone

Nachdem bewaffnete Rebellen am Samstag die Hauptstadt von Tschad eingenommen haben, bleibt die Situation angespannt. Ausländische Personen werden von der französischen Armee evakuiert.

Von den 120 Schweizer Staatsangehörigen im Tschad haben am Wochenende elf die Gelegenheit genutzt, das umkämpfte Land an Bord französischer Flugzeuge zu verlassen.

«Die ganze Stadt ist in der Hand der Rebellen», hiess es von Seiten des Militärs in N’Djamena, der Hauptstadt des Tschad. Nach dreistündigen Gefechten mit den Regierungstruppen gebe es nur noch vereinzelte Kämpfe.

Die bewaffneten Rebellen haben am Samstag N’Djamena eingenommen. Ihr Ziel ist der Sturz von Präsident Idriss Deby, der sich offenbar im Präsidentenpalast verschanzt hat.

«Debys Truppen lösen sich auf. Er wird heute gestürzt, das ist sicher», sagte Abakar Tollimi, ein Anführer der drei grössten tschadischen Rebellengruppen, die sich Mitte Dezember zusammengeschlossen hatten.

Nach französischen Militärangaben rückten rund 2000 Rebellen auf die Hauptstadt vor, ausgerüstet mit Maschinengewehren, Raketenwerfern und Sturmgewehren.

Vom Sudan gekommen

Seit die Europäische Union am Montag die seit Monaten geplante Afrika-Schutztruppe EUFOR (European Union Force) gebilligt hatte, machten sich die Rebellen aus dem 800 Kilometer entfernten Sudan in rund 300 Geländewagen und Truppentransportern auf den Weg in die tschadische Hauptstadt.

Am Freitag stellten sich ihnen rund 50 Kilometer nordöstlich von N’Djamena erstmals Regierungstruppen mit dem Staatspräsidenten Deby an der Spitze in den Weg. Am Donnerstag hatten die Rebellen dem Staatschef ein Ultimatum gestellt: Sollten bis Freitag keine Gespräche über eine Machtteilung zustandekommen, gebe es Krieg.

Die EU setzte die Entsendung weiterer Soldaten für ihre Schutztruppe wegen der Kämpfe aus. Die Verlegung der rund 3700 Soldaten aus 14 Ländern sollte Anfang Februar beginnen, so dass die EUFOR-Truppe spätestens im Juni voll einsatzfähig ist.

Flüchtlinge schützen

Die von Irland geführte Truppe soll Hunderttausende Flüchtlinge aus der sudanesischen Krisenregion Darfur schützen. Die Regierung des Tschad und mehrere Experten vermuten, dass der Sudan hinter den Angriffen auf N’Djamena steht, um die Stationierung der EUFOR zu behindern.

Die Afrikanische Union verurteilte die Angriffe gegen die tschadische Regierung auf das Schärfste und beauftragte Libyens Staatschef Muammar el Gaddafi und dessen kongolesischen Kollegen Denis Sassou Nguesso, in dem Konflikt zu vermitteln.

Sarkozy im Kontakt mit Deby

Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy telefonierte nach Angaben seines Sprechers am Samstagmorgen ausführlich mit seinem tschadischen Präsidenten Deby.

150 zusätzliche französische Soldaten trafen am Morgen in Gabun ein, wie die Armee mitteilte. Die frühere Kolonialmacht Frankreich hat regulär mehr als 1100 Soldaten in dem zentralafrikanischen Land stationiert.

Ein Teil der Schweizer ausgeflogen

In der Nacht auf Sonntag hat Frankreich mit der Evakuierung ausländischer Personen begonnen. Darunter befinden sich über 600 französische Staatsbürger sowie etwa 80 Schweizerinnen und Schweizer.

Unter den von den französischen Streitkräften aus dem Tschad ausgeflogenen Ausländern sind auch Schweizer Staatsangehörige. Bis am Sonntagmorgen wurden elf Schweizer an Bord eines französischen Militärflugzeugs nach Libreville, die Hauptstadt von Gabun, evakuiert, wie Raphael Saborit, Sprecher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), auf Anfrage sagte. Sie sollen im Verlaufe des Sonntags mit einem französischen Flugzeug nach Paris gebracht werden.

Insgesamt leben insgesamt rund 120 Schweizer im Tschad. Gemäss Saborit hat sich ein Teil der in Tschad lebenden Schweizer vorerst noch nicht entschieden, ob sie das Land verlassen wollen oder nicht.

Die in der Hauptstadt N’Djamena lebenden Schweizer Staatsangehörigen werden aufgefordert worden, sich in die von der französischen Armee bewachten Schutzzonen zu begebeben.

Krisenstab

Das EDA hat wegen der Entwicklung im Tschad einen Krisenstab einberufen. Bundesrätin Micheline Calmy-Rey werde über die Situation im Tschad auf dem Laufenden gehalten, sagte Saborit.

Die Aktivitäten der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) im Tschad sind unterbrochen worden. Das Koordinationsbüro in N’Djamena konzentriert sich auf das Krisenmanagement.

swissinfo und Agenturen

Der Tschad liegt in Zentralafrika und erstreckt sich von der Wüste Sahara über die Sahelzone. Im bevölkerungsarmen Land (9 Mio. Einwohner) leben zahlreiche verschiedene Bevölkerungsgruppen.

Die ehemalige französische Kolonie erlangte 1960 die Unabhängigkeit. Die Grenzen des Tschad beruhen bis heute auf Verhandlungen der ehemaligen Kolonialmächte in Zentralafrika.

Die jüngste Geschichte des Landes ist stark durch Frankreich und Lybien beeinflusst. Sie ist geprägt durch Aufstände der hauptsächlich islamischen Bevölkerung im Norden Tschads sowie durch blutige Kämpfe und mehrere Staatsstreiche.

Der letzte Staatsstreich verhalf 1990 dem Präsidenten Idriss Deby, der bis heute an der Macht ist, Hissène Habré zu stürzen.

Deby wirft dem benachbarten Sudan vor, Rebellengruppen zu unterstützen. Durch die Krise in der sudanesischen Region Darfur sind rund 235’000 Menschen in den Osten des Tschad geflüchtet.

Der Tschad ist ein Schwerpunktland der bilateralen Hilfe der Schweiz. Die Zusammenarbeit mit diesem Land wurde 1965 aufgenommen.

Seither leistet die Schweiz Unterstützung in den Bereichen ländliche Entwicklung, medizinische Versorgung und Grundausbildung. Ziel ist es, land- und viehwirtschaftliche Familienbetriebe auszubauen und die Lebensbedingungen der ländlichen Gemeinschaften zu verbessern.

Wichtig für eine nachhaltige Entwicklung ist auch die Förderung des Dialogs mit dem Staat und öffentlichen Stellen.

Die Schweize leistete 2007 insgeamt 14,5 Mio. Franken Hilfsgelder für den Tschad. Davon gingen 3,5 Mio. Franken an die humanitäre Hilfe in den Flüchtlingslagern.

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