Von der Strasse auf die Bühne
Sie waren Strassenkinder in Johannesburg, Teenager ohne Zukunft. Heute sind sie eine international bekannte Theatergruppe. Sie stehen mit eigenen Stücken auf der Bühne und führen Workshops zum Thema Gewaltprävention durch. Zur Zeit sind sie in der Schweiz, wo das Thema Jugendgewalt die Schlagzeilen beherrscht.
Acht junge Frauen und Männer aus Südafrika stehen einer Gruppe Schweizer Kids gegenüber. Noch ist die Distanz räumlich sichtbar. Doch die Südafrikaner und Südafrikanerinnen wissen, wie das Eis brechen – mit der einzig gemeinsamen Sprache, der Körpersprache.
Sie spielen Fangen. Wenn sich zwei umarmen, können sie nicht zum Fänger gemacht werden. Das Eis schmilzt, Lachen füllt den Raum, und das verstehen alle. Die Arbeit kann beginnen.
Sie wissen, was sie tun
M.U.K.A. heisst das Pojekt: «Most United Knowledgeable Artists» oder zu Deutsch: «Stark vereinte kenntnisreiche KünstlerInnen». Sie haben ihrem Leben mit Theater einen Sinn gegeben – ihre Erfahrungen von Unterdrückung und Gewalt damit verarbeitet, und das wollen sie weiter geben.
«Wir wollen die Jugend ausrüsten. Die jungen Menschen sollen positiv denken, sollen an sich arbeiten. Denn nur du kannst dich als Individuum repräsentieren, für dich sprechen», sagt Peter Ndebele, Mitglied der Truppe. «Wir wollen ihnen Selbstrespekt beibringen, denn nur wenn du dich selbst respektierst, kannst du andere respektieren.»
Selbstbewusster auf die Strasse
Die jungen Mädchen im Workshop sind hell begeistert von den energiegeladenen Menschen aus Südafrika. «Leute, die mit nichts begonnen haben und so viel erreicht haben, diese Leute sind für mich Vorbilder», meint die 17jährige Demet. «Ich habe keine Lehrstelle gefunden und für mich ist es so motivierend solche Leute zu sehen.» Sie sei nach diesem Workshop selbstbewusster, meint sie.
Angesprochen auf die Schlagzeilen der letzten Tage, die Gewalt unter Jugendlichen nehme immer mehr zu, zucken Demet und ihre Kolleginnen mit den Schultern. Gibt es mehr Gewalt? Die eine nickt, die andere schüttelt den Kopf. «In meinem Bekanntenkreis nicht», meint Valbona.
Anders Zvjezdana: «Ich kenne welche, die prügeln einfach gerne, mehr als früher. Es reicht schon, wenn ein anderer die Freundin anmacht. Dann wird zugeschlagen. Mit Worten können sie das nicht regeln.» Diesen jungen Frauen ist bewusst geworden, dass es gegen Gewalt auch andere Lösungen gibt als Gegengewalt. «Lieber darüber diskutieren als Gewalt anwenden», so Demet.
Gewalt auf Schweizer Gassen
In der Schweiz hat Gewalt von Jugendlichen zu Schlagzeilen geführt: Anfang August prügelten sich 9 Ausländer mit 14 Rekruten und Korporälen. In aller Munde ist plötzlich das Wort: Jugendgewalt. Als dann kurz später zwei Jugendliche brutal zusammen geschlagen wurden, war die Schweiz erschüttert.
Ob die Gewalt unter Jugendlichen zunimmt, ist in Fachkreisen umstritten. Unumstritten ist, dass die Gewalt brutaler wird, die Hemmschwelle sinkt.
«Früher hatten wir gewisse Regeln, Tabus, Schranken, die wir nicht überschritten haben», erinnert sich Victor Riedi, ehemaliger Leiter des Jugendamtes Bern. So ging man zum Beispiel nicht auf Schwächere los oder auf Mädchen. Und wenn einer am Boden lag, war die Schlägerei fertig.
Nicht mehr, aber andere Gewalt
«Heute gehen Jugendliche aufeinander los, sozusagen unmotiviert. Die Nase gefällt dem anderen nicht, also schlägt er ihn zusammen», vergleicht Victor Riedi heutige Schlägereien mit früher. Auch hätten sich die Waffen verändert. Heute seien es Messer und Schusswaffen, früher die Fäuste.
Aber mehr Gewalt, eine Zunahme der Gewalt sehe er nicht. Und auf etwas anderes macht er aufmerksam: «Bei uns war die Perspektivlosigkeit noch nicht da.» Heute ist sie allgegenwärtig. Der Druck der Gesellschaft steigt, Jugendliche, aber auch Erwachsene kommen damit nicht mehr zurecht.
Diesem Druck zu widerstehen, ihn auszuhalten – das wollen die acht jungen Menschen aus Südafrika den jungen Menschen auf der ganzen Welt beibringen. Selbstvertrauen, Selbstbewusstein, Selbstrespekt – das lehren sie.
«Unsere Stimme ist noch immer jung und leise. Aber wenn wir weiterreden, immer weiterreden, erreichen wir viele, viele Menschen.»
Rebecca Vermot
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