Zwei überraschende Halbfinal-Paarungen
Für die Halbfinalspiele der Euro 08, die am Mittwoch in Basel und am Donnerstag in Wien ausgetragen werden, haben sich mit der Türkei, Russland aber auch Spanien drei Mannschaften durchgesetzt, denen nur wenige eine Qualifikation zugetraut hätten.
«Fussball ist ein einfaches Spiel – man spielt 120 Minuten und dann gewinnt Deutschland im Elfmeterschiessen.» Dieser Scherz des ehemaligen englischen Internationalen Gary Lineker könnte sich in dieser Europameisterschaft ein weiteres Mal bewahrheiten.
Vor den Halbfinals präsentiert sich die deutsche Mannschaft als Kronfavorit für die Nachfolge der Griechen, die den EM-Pokal vor vier Jahren in Portugal geholt hatten.
Nach den Titeln aus den Jahren 1972, 1980 und 1996 hat Deutschland erneut ein Spielerkader, das in der Lage wäre, auch die Europameisterschaft 2008 zu gewinnen.
Angesichts einer durch Verletzungen und Spielsperren geschwächten türkischen Mannschaft gilt Deutschland als klarer Favorit. Dass man die Türken allerdings nicht unterschätzen darf, haben bereits die Kroaten, Tschechen und die Schweizer erfahren.
Mentale Stärke der Türken
Während die deutsche Auswahl komplett ist, fehlen bei den Türken vier gesperrte (Torhüter Demirel Volkan, Asik Emre, Turan Arda und Sanli Tuncay) und mehrere verletzte Spieler wie der Stürmer Kahveci Nihat oder der Verteidiger Cetin Servet. Nach letzten Informationen sollen nur noch 14 türkische Spieler für den Halbfinal zur Verfügung stehen, darunter zwei Torhüter.
Aber das türkische Nationalteam hat seit Beginn der Euro eine derart grosse mentale Stärke gezeigt – man erinnere sich an die Spiele gegen die Schweiz, Tschechien und Kroatien, die im letzten Moment umgedreht wurden – , dass nichts unmöglich scheint.
Ein «spezielles» Spiel
Zudem hat die Partie gegen Deutschland etwas «Spezielles». Von den sieben Millionen Ausländern, die in Deutschland leben, sind fast zwei Millionen Türken. Dazu kommen noch rund 400’000 deutsche Staatsbürger türkischer Herkunft, wie die Internet-Site der UEFA vermerkt.
Viele von ihnen sind in den 60er-Jahren nach Deutschland ausgewandert und haben dort Arbeit gefunden. Ihre Kinder haben heute die Doppelbürgerschaft und kennen ihre Heimat nur von Postkarten her. Aber das Herz, das bleibt türkisch…
Bekannte Beispiele für die fussballerische Annäherung zwischen den beiden Ländern: Zwei der wichtigsten türkischen Spieler – Hamit Altintop und Hakan Balta – sind in Deutschland geboren, und ein deutscher Trainer (Sepp Pontiek) hat einiges dazu beigetragen, dass das türkische Nationalteam auf internationalem Niveau wieder jemand ist. Pontieks Assistent war übrigens ein gewisser Fatih Terim…, der heutige Nationalcoach.
Bisher sind sich Deutschland und die Türkei 17 Mal begegnet (11 deutsche Siege, 3 Unentschieden, 3 türkische Siege). An der WM 1954 in der Schweiz hatte Deutschland die Türkei in Zürich 4:1 besiegt. Wie wird es in Basel ausgehen?
Das Russland von Arschawin…
Und wie wird es im zweiten Halbfinal in Wien aussehen? Die enorme Stärke der Russen und der historische Sieg Spaniens gegen Weltmeister Italien – die Spanier warteten seit 88 Jahren auf einen solchen gegen die Italiener in einem Turnier – lassen eine ausgeglichene Partie voraussagen. Viel ausgeglichener als das erste Spiel der beiden Teams in der Gruppe D, das Spanien klar mit 4:1 gewann.
Die Rückkehr der russischen «Perle» Arschawin, der wegen eines hässlichen Fouls im EM-Qualifikationsspiel gegen Andorra für zwei Spiele gesperrt war, hat dem Team von Guus Hiddink Kraft und Elan gegeben. Der holländische «Hexer», der zuvor bereits die Nationalteams von Südkorea und Australien hoch brachte, könnte aus den vorherigen mageren Jahren der Russen jetzt fette Jahre machen.
Russland – damals noch die Sowjetunion – wurde 1960 erster Europameister, 1964, 1978 und 1988 Finalist. Seit 20 Jahren hat Russland in der Finalphase von Europameisterschaften keinen Erfolg mehr gehabt.
…und das Spanien von Villa
Spanien erging es nicht besser: Seit 24 Jahren waren die Iberer in keinem EM-Halbfinal mehr. Spanien hat also auch Hunger auf einen Sieg. Kleines pikantes Detail: Der einzige EM-Triumph Spaniens erfolgte 1964…gegen Russland (Sowjetunion).
Der Spanier David Villa, der im ersten Gruppenspiel gegen Russland drei Treffer erzielte und bisheriger Euro-Torschützenkönig ist, könnte für sein Team erneut zum Schlüsselspieler werden.
Die von Luis Aragonés trainierte spanische Mannschaft ist das einzige Euro-Team, das bisher noch keine Niederlage einstecken musste (Siege gegen Russland, Schweden, Griechenland und Italien im Penaltyschiessen). Ist das ein Zeichen?
swissinfo, Mathias Froidevaux
(Übertragung aus dem Französischen: Jean-Michel Berthoud)
Deutschland-Türkei
Mittwoch, 25. Juni 2008, 20 Uhr 45
Stadion St. Jakob-Park, Basel
Russland-Spanien
Donnerstag, 26. Juni 2008, 20 Uhr 45
Ernst-Happel-Stadion, Wien
Der Tessiner Massimo Busacca hat die Ehre, den ersten Halbfinal in Basel (Deutschland-Türkei) zu leiten. Busacca pfiff schon die Partien Griechenland-Schweden und Holland-Rumänien.
Massimo Busacca wird in Basel assistiert vom Deutschschweizer Matthias Arnet und dem Westschweizer Stéphane Cuhat – ein Trio, das perfekt die sprachlichen Komponenten der Schweiz vertritt!
Der Belgier Frank de Bleeckere leitet das Spiel Spanien-Russland in Wien und der Italiener Roberto Rosetti den Final vom kommenden Sonntag, ebenfalls in Wien.
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