Fussballplätze im Nahen Osten: Die Zusammenarbeit der Schweiz mit der Fifa sorgt für Kritik
Interne E-Mails des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten dokumentieren Kritik an der Beteiligung der Schweiz an einem Fifa-Projekt zum Bau von Minifussballplätzen in Israel und im Westjordanland. Das EDA verteidigt seinen Beitrag von 600’000 Schweizer Franken dennoch.
Am 26. November des vergangenen Jahres trat Bundesrat Ignazio Cassis vor die Medien, um die Beteiligung der Schweiz am «Friedensplan für Gaza» bekanntzugeben. Dazu gehören 23 Millionen Franken zur Finanzierung mehrerer humanitärer Massnahmen, darunter die Errichtung von Minifussballplätzen.
Ein Projekt in enger Zusammenarbeit mit dem Internationalen Fussballverband (Fifa). Der Vorsteher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) präzisierte damals, dass 0,5% der 23 Millionen, nämlich 120’000 Franken, für diese Massnahme vorgesehen seien.
Vor den Medien sprach der Tessiner davon, den Kindern «sofortige Erleichterung» zu bringen, eine «klassische humanitäre Hilfsmassnahme». Er fügte hinzu, dass «die Fifa einfach eine konkrete, sofort umsetzbare und recht kostengünstige Lösung vorgeschlagen hat, und das war eine gute Gelegenheit für unser Land».
Zweifel und Kritik innerhalb des EDA
Doch diese enthusiastischen Argumente finden innerhalb des EDA nicht einhelligen Anklang. Wie aus mehreren internen E-Mails hervorgeht, die das Westschweizer Fernsehen RTS auf Grundlage des Bundesgesetzes über die Öffentlichkeit der Verwaltung erhalten hat, äussern Mitarbeitende des Departements Zweifel und Kritik an diesem Projekt. Ihre Namen und Funktionen wurden geschwärzt.
So auch in einer E-Mail vom 5. November 2025: «Es ist klar darauf hinzuweisen, dass Risiken für den Ruf der Schweiz bestehen (…) Im aktuellen Kontext sind die Chancen, einen positiven Beitrag für die Kinder zu leisten, gering, zumal ihre Bedürfnisse dringend sind.»
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Eine andere Person erinnert in einer internen E-Mail am 3. November an «die Ermordung von Athletinnen und Athleten sowie von Sportfunktionären» auf palästinensischer Seite und schreibt: «Die Sportinfrastrukturen in Gaza sind nahezu vollständig zerstört. Der Sport selbst wird durch diesen Konflikt verwüstet.»
In einer E-Mail vom 10. November 2025 empört sich ein Kollege: «Ein Fussballturnier zu organisieren, während gewalttätige Siedler die Palästinenser von ihren Olivenhainen vertreiben, ergibt schlicht keinen Sinn, und unser Engagement würde ein falsches Signal senden.»
«Eine politisch-psychologische Geste»
Trotz Zweifeln und Kritik befürworten andere Personen im EDA das Projekt, darunter der Schweizer Botschafter in Israel und Bundesrat Cassis persönlich. In einer knappen E-Mail vom 10. November bezeichnet der Tessiner das Projekt als «Zeichen der Versöhnung» und «politisch-psychologische Geste».
Das grüne Licht kam daher sehr schnell. Das Projekt wurde im Eiltempo umgesetzt. Während die ersten informellen Kontakte mit der Fifa aus dem Sommer 2025 stammen, dauerte es im November 2025 kaum drei Wochen, bis die Vereinbarung ausgehandelt, fertiggestellt und unterzeichnet war – genau am 24. November.
Dabei handelte es sich offenbar um einen EDA-Diplomaten und eine leitende Persönlichkeit der Fifa, die ihre Unterschriften unter die Vereinbarung setzten.
Zehn Minifussballplätze für 600’000 Franken
Gemäss den von RTS erhaltenen Dokumenten scheinen weder Bundesrat Ignazio Cassis noch Fifa-Präsident Gianni Infantino in direktem Kontakt für dieses Projekt gestanden zu haben.
Allerdings erwähnt eine E-Mail des Tessiners vom 3. November 2025 Folgendes: «Der Projektverantwortliche bei der Fifa hat mich informiert, dass Fifa-Präsident Infantino eingebunden ist.»
Konkret verpflichtet sich die Eidgenossenschaft gemäss diesem EDA-Fifa-Deal, zunächst 120’000 Franken für den Bau von zwei Minifussballplätzen im Westjordanland zu überweisen. Die Fifa ihrerseits investiert 50’000 Franken.
Bern hat bei dem gesamten Prozess ein Mitspracherecht, beispielsweise bei der Auswahl der Standorte, der Lieferanten und der Kommunikation rund um das Projekt.
Langfristig sind acht weitere Mini-Plätze geplant: drei im besetzten palästinensischen Gebiet, möglicherweise sogar in Gaza, und fünf in Israel. Insgesamt könnte die Schweiz bis zu 600’000 Franken in diese Zusammenarbeit investieren.
«Momente der Normalität für die Kinder»
Angesichts der enormen Gewinne der Fifa wirkt dieser Betrag eher bescheiden. Angesprochen auf diesen Punkt und das Risiko, Werbung für die Fifa zu machen, entgegnete Cassis im vergangenen November: «Wir befinden uns hier nicht in einem politischen Spiel. Wir brauchten etwas Konkretes für diese Kinder. Das war eine gute Gelegenheit.»
Ein EDA-Sprecher, der zu den von der RTS erhaltenen E-Mails Stellung nahm, betont, dass «die identifizierten Risiken im Rahmen der Diskussion vor dem Entscheid berücksichtigt wurden».
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«Die Möglichkeit, durch dieses Projekt greifbar zu Momenten der Normalität und zu Spielräumen für Kinder und Jugendliche beizutragen sowie langfristig den Austausch zwischen den Gemeinschaften durch Sportveranstaltungen zu fördern, hat überwogen», so der EDA-Kommunikationsbeauftragte.
Es scheint, dass die Schweiz derzeit eines der wenigen Länder ist, die Minifussballplätze ausserhalb ihres eigenen Territoriums mitfinanzieren. Üblicherweise sind es die Gastgeberländer oder die nationalen Fussballverbände, die solche Anlagen finanzieren – sehr oft mit substanzieller Unterstützung der Fifa, die damit Gewinne aus der Weltmeisterschaft zurückgibt.
Die Fifa verwies RTS auf die jüngsten Communiqués zu den Mini-Plätzen (siehe Infobox).
Gemäss den Dokumenten, die der Redaktion von RTS vorliegen, wurden zwei Standorte für die ersten beiden Plätze identifiziert: einer in Tulkarem im Norden und einer in Wadi Al-Nis im Süden des Westjordanlands. Das EDA bestätigt dies jedoch nicht.
Ein EDA-Sprecher präzisiert lediglich, dass die 120’000 Franken noch nicht an die Fifa überwiesen wurden und dass «aufgrund der aktuellen Lage die Umsetzung des Projekts Verspätung hat».
Allerdings konnten die Bauarbeiten für die ersten beiden Plätze im besetzten palästinensischen Gebiet bereits begonnen werden. «Das Ziel ist es, den Bau dieser beiden Plätze bis Juni 2026 abzuschliessen.»
Was die acht weiteren Plätze betrifft, führt Bern derzeit die Verhandlungen mit der Fifa weiter. «Die fünf Standorte in Israel sollen vorrangig in Randregionen mit einem hohen Anteil an Minderheiten (zum Beispiel arabische Israelis, Beduinen) oder in so genannten gemischten Städten errichtet werden, um eine Integrationswirkung zu erzielen und Kindern aus diesen Regionen zu ermöglichen, Fussball in neuen Infrastrukturen zu spielen», erläutert der Kommunikationsbeauftragte des EDA.
Die Fertigstellung des Projekts ist für 2027 geplant. In der Zwischenzeit kündigte Fifa-Präsident Infantino anlässlich des ersten Treffens des Friedensrats von US-Präsident Donald Trump im Februar des vergangenen Jahres die Schaffung eines Fonds in Höhe von 75 Millionen Dollar zur Finanzierung des Baus eines Stadions und von 50 Minispielfeldern in Gaza an.
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