Warum die Schweiz in Südostasien eine Charmeoffensive startet
Der Verband Südostasiatischer Nationen, kurz ASEAN, will sich in der multipolaren Welt als zentraler Akteur positionieren und hat damit zunehmend Erfolg. Auch die Schweiz ist um eine Annäherung bemüht. Woher kommt dieser plötzliche Fokus?
Welche Rolle spielt die ASEAN im globalen Spannungsfeld zwischen China, den USA und Europa?
Das Interesse europäischer Länder an der Association of Southeast Asian Nations, kurz ASEAN, mit ihren elf Mitgliedstaaten wächst. Das bestätigt Cristina de Esperanza Picardo, Research Assistant für die Indo-Pazifik-Region der madrilenischen Denkfabrik Real Instituto Elcano: «Internationale Krisen und die wachsende Instabilität verstärken die Suche nach wirtschaftlichen Partnerschaften jenseits traditioneller Akteure, wobei Südostasien zunehmend als relevante Region zur Diversifizierung solcher Beziehungen gilt.»
Diese Entwicklung ist Teil einer breiteren europäischen Annäherung an den indo-pazifischen Raum, die auch sicherheitspolitische Erwägungen einschliesst. «Aufgrund seiner strategischen Lage sowie überlappender Gebietsansprüche mehrerer ASEAN-Mitgliedstaaten und Chinas im Südchinesischen Meer zählt Südostasien zu den zentralen Spannungsräumen der Region», sagt Picardo.
Die Association of Southeast Asian Nations, kurz ASEAN, ist ein geopolitischer und wirtschaftlicher Staatenbund. Ihr Hauptziel ist die Förderung von wirtschaftlichem Wachstum, sozialem Fortschritt und regionaler Stabilität.
Die GemeinschaftExterner Link umfasst heute elf Mitgliedstaaten: Brunei, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, die Philippinen, Singapur, Thailand, Vietnam und Timor-LesteExterner Link. Gemeinsam zählt der Staatenbund über 680 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Die jährliche Wirtschaftsleistung beträgt rund 4 Billionen US-Dollar, damit handelt es sich um die fünftgrösste Wirtschaftsregion der Welt.
«Südostasien gilt im Vergleich zu West- und Südasien als relativ stabil», sagt Dinna Prapto Raharja, Associate Professor für Internationale Beziehungen an der Bina Nusantara University in Indonesien. Die seit Jahren bestehenden Spannungen zwischen Thailand und Kambodscha beispielsweise würden von beiden Seiten nicht eskaliert, da kein Interesse an einer regionalen Destabilisierung bestehe. Auf informeller Ebene würden sich die ASEAN-Vertreterinnen und -Vertreter regelmässig abstimmen, um die Stabilität der Region zu sichern.
Gleichzeitig belastet der durch den Irankrieg ausgelöste Energieschock mehrere südostasiatische Volkswirtschaften, insbesondere offene und importabhängige Länder.
Mit der «ASEAN Vision 2045» verfüge der Staatenbund jedoch über einen strategischen Rahmen, um die Zusammenarbeit in der Region sowie mit Europa zu vertiefen, sagt RaharjaExterner Link. Dieser strategische Plan könne auch der Schweiz als Orientierungshilfe dienen.
Wie beeinflusst die Erosion der internationalen Ordnung die Zukunft Südostasiens?
Nach Ansicht von PicardoExterner Link hat die geopolitische Lage die Reflexion über die Zukunft Südostasiens beschleunigt. «Aber die ASEAN bleibt eine Organisation mit bewusst flexiblen Strukturen, die darauf ausgelegt sind, die Souveränität ihrer Mitgliedstaaten zu schützen. Nationale Interessen stehen dabei im Vordergrund, während der Institution selbst nur begrenzte Eigenständigkeit zukommt.»
In Kombination mit der grossen inneren Vielfalt der Staatengruppe bremse diese Konstellation, so die Politikwissenschaftlerin, die Entscheidungsprozesse und schränke die Handlungsfähigkeit der ASEAN ein.
Die ASEAN positioniert sich als zentraler Akteur der globalen Diversifizierung von Lieferketten und verfolgt ein sogenanntes ‹strategic multialignment›. Sie profitiert vom ‹China+1›-Ansatz westlicher Unternehmen, die sich also mit einem zweiten Lieferanten absichern, ohne sich geopolitisch festzulegen. Der Handel mit China stieg 2024 um rund 15 Prozent, der Handel mit den USA um rund 12 Prozent, während die Handelsbeziehungen mit der EU stabil blieben. Die ASEAN ist der drittgrösste Handelspartner der EU ausserhalb Europas.
Nach Angaben der Wirtschaftskammer Schweiz-Asien gewinnen die Spannungen zwischen den USA und China, die Zölle sowie die Regeln gegen sogenanntes Transshipment – beispielsweise ein US-Zoll von 40 Prozent auf mutmassliche chinesische Umleitungen über Vietnam oder Malaysia – für die ASEAN an Bedeutung, da sie die Region als alternative Produktions- und Exportbasis aufwerten.
Gleichzeitig bleibt die Region stark in chinesische Wertschöpfungsketten eingebunden, etwa in den Bereichen Elektronik oder kritische Mineralien.
Die ASEAN nutzt die Ausgangslage für eigenes Wachstum, für eine stärkere intraregionale Integration sowie für neue Partnerschaften. Das BIP-Wachstum lag mit 4 bis 6 Prozent zuletzt deutlich höher als in der EU oder den USA.
Wie wird die Schweiz innerhalb der ASEAN derzeit wahrgenommen?
Die Europäische Union ist seit 2020 strategischer Partner der ASEAN, die Schweiz seit 2016 sektoraler Dialogpartner.
«Als ich von 2016 bis 2018 Indonesiens Vertreterin bei der Intergouvernementalen Menschenrechtskommission der ASEAN war, schätzte ich die schweizerische Zusammenarbeit sehr, insbesondere bei der Initiative zur Bekämpfung des Menschenhandels in der Region», sagt die renommierte indonesische Politikwissenschaftlerin Dinna Prapto Raharja.
Das bilaterale Handelsvolumen belief sich 2024 auf rund 28,3 Milliarden US-Dollar. Die Schweiz vertieft die Beziehungen aktiv, unter anderem durch neue EFTA-Freihandelsabkommen mit Malaysia und Thailand (beide 2025) sowie laufende Verhandlungen mit Vietnam.
«Zugleich muss man festhalten, dass die Präsenz der Schweiz innerhalb der ASEAN noch relativ wenig bekannt ist», sagt Raharja. Dies könnte auf eine unzureichende Kommunikation mit staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren der ASEAN zurückzuführen sein.
Ist Südostasien bereit, ein bedeutender wirtschaftlicher Partner der Schweiz zu werden?
«Südostasien ist eine wachstumsstarke und dynamische Region – gesellschaftlich wie wirtschaftlich. Deshalb ist es vielversprechend, die Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und den Ländern Südostasiens weiter zu intensivieren», sagt Raharja.
Die Staaten der Region zeigten sich offen für den Austausch von Ideen darüber, wie sich Schweizer Unternehmen stärker mit dem Humankapital Südostasiens verknüpfen liessen.
«Die ASEAN bietet der Schweiz als neutralem, exportstarkem Kleinstaat – etwa in der Pharmaindustrie, der Präzisionstechnik, im Maschinenbau oder in der Uhrenindustrie – eine Alternative zu einer einseitigen Abhängigkeit von China», schreibt die Wirtschaftskammer Schweiz-Asien (SACCExterner Link).
Welche ASEAN-Länder sind für die Schweiz wirtschaftlich am wichtigsten?
Zu den wichtigsten Partnern zählen Singapur (wichtigster Handels- und Finanzhub, Schweizer Exporte von rund 7,2 Milliarden US-Dollar pro Jahr), Thailand (zweitgrösster Schweizer Handelspartner in Südostasien mit Exporten von rund 6,2 Milliarden US-Dollar und bedeutender Investitionsstandort), Vietnam (bilateraler Handel von rund 2,7 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024, über 100 Schweizer Unternehmen und starkes Fertigungswachstum), Malaysia (hohes Volumen an Schweizer Direktinvestitionen von rund 7,7 Milliarden US-Dollar sowie ein kürzlich abgeschlossenes Freihandelsabkommen) sowie Indonesien (grösste Volkswirtschaft der Region, ebenfalls mit über 100 Schweizer Unternehmen und hohem Potenzial in den Bereichen erneuerbare Energien und Infrastruktur), gemäss Daten der SACC.
Diese fünf Länder stehen für den Grossteil des rund 28 Milliarden US-Dollar schweren Handelsvolumens der Schweiz. Während in Singapur und Thailand die Exporte hochwertiger Schweizer Güter dominieren, spielen in Vietnam und Malaysia Importe und lokale Produktion eine zentrale Rolle; Indonesien gilt als wichtiger Zukunftsmarkt.
Dies spiegelt die Bedeutung des Blocks jedoch nur teilweise wider. Der ASEAN-Raum gewinnt als Ganzes durch regionale Integration sowie durch seine Attraktivität als ‹China+1 Hub› an Gewicht. Die einzelnen Länder unterscheiden sich jedoch stark, etwa Singapur als Hightech-Hub im Vergleich zu aufstrebenden Produktionsstandorten wie Vietnam.
Welche Risiken müssen Schweizer Unternehmen bei einem Engagement in der ASEAN einkalkulieren?
Zu den wichtigsten Risiken zählen geopolitische und handelspolitische Unsicherheiten, etwa US-Zölle auf sogenannte Transshipments – insbesondere in Vietnam, Malaysia oder Thailand – sowie die anhaltende Abhängigkeit von chinesischen Vorprodukten. Auch mögliche Spannungen im Südchinesischen Meer bleiben ein Risikofaktor.
«Die regulatorischen und politischen Rahmenbedingungen unterscheiden sich stark von Land zu Land», betont die Wirtschaftskammer Schweiz-Asien. Bürokratie, Korruptionsrisiken in einzelnen Staaten und ein uneinheitlicher Schutz geistigen Eigentums stellten insbesondere für wissensintensive Branchen wie Pharma oder Uhren eine Herausforderung dar.
Hinzu kommen strukturelle Defizite bei Infrastruktur und Fachkräften. Vor diesem Hintergrund gewinnt ein schrittweiser Markteintritt sowie eine breite geografische Diversifizierung innerhalb der ASEAN an Bedeutung, um Risiken zu minimieren.
Aus Sicht der Wirtschaftskammer sollte die Schweizer Regierung Investitionen in der ASEAN gezielt flankieren – insbesondere durch den Ausbau von Freihandelsabkommen, eine stärkere Export- und Investitionsförderung sowie durch diplomatische Präsenz.
«Entscheidend sind verlässliche Rahmenbedingungen, funktionierende Netzwerke und eine enge Public-Private-Partnerschaft», so die Kammer.
Editiert von Marc Leutenegger
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