Verteidigung von Finnland und der Schweiz – der Vergleich
Verteidigungsminister Martin Pfister reiste im März mit Mitgliedern des Schweizer Parlaments nach Finnland, um diese davon zu überzeugen, dass sich auch die Schweiz stärker bewaffnen muss. Aber kann man Finnland mit der Schweiz vergleichen?
Die geografische Lage: Finnland hat in Europa mit mehr als 1300 Kilometern die längste Grenze zu Russland. In der Ostsee führt Finnland schon heute Einsätze gegen die russische Schattenflotte. Tanker unter falscher Flagge haben Internet-Seekabel beschädigt. Finnland ist mit einer Landfläche von fast 340’000 Quadratkilometern rund achtmal so gross wie die Schweiz. Dennoch sieht Verteidigungsminister Martin Pfister einen grossen Zusammenhang mit der Schweizer Verteidigungspolitik, wie er auf seiner Finnlandreise SRF erklärte: «Für die Schweiz heisst das, wir sind eben auch abhängig von Kommunikationskabeln, die im Meer liegen. Wir gehören zur europäischen Welt, die bedroht ist.»
Die Geschichte: Die Schweiz blieb im Zweiten Weltkrieg verschont von einem grossen Angriff. Doch in Finnland gibt es eine Art kollektives Kriegsgedächtnis: den finnischen Winterkrieg. Die Sowjetunion griff im Zweiten Weltkrieg 1939 und 1940 Finnland an. Das führt dazu, dass der Wehrwille der Bevölkerung bis heute sehr stark ist. In der Schweiz ist der Wille der Bevölkerung, sich zu verteidigen, laut Umfragen eher tief. «Die Entschlossenheit der Bevölkerung ist wichtig, für das eigene Wohl zu sorgen», sagt Verteidigungsminister Martin Pfister. Einen Berührungspunkt gibt es beim finnischen Winterkrieg: Der damalige finnische General Carl Gustav Emil Mannerheim verbrachte seine letzten Lebensjahre am Genfersee.
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Die Sicherheitspolitik: Finnland ist nach dem russischen Überfall auf die Ukraine der Nato beigetreten. Seit 2023 ist Finnland volles Mitglied der Nato und hat damit die Neutralität aufgegeben. Ausserdem arbeitet Finnland besonders bei der Luftverteidigung mit den skandinavischen Staaten zusammen. Die Schweiz hingegen will sich selbständig verteidigen können und keinem militärischen Bündnis beitreten.
Das Verteidigungsbudget: In absoluten Zahlen gibt Finnland mit rund 7 Milliarden Franken pro Jahr zurzeit nicht viel mehr aus als die Schweiz. Doch gemessen an der finnischen Wirtschaftsleistung, dem Bruttoinlandprodukt, investiert Finnland mit 2.4 Prozent des BIP mehr als doppelt so viel in die Verteidigung wie die Schweiz. Finnland will die Armeeausgaben auf bis zu 5 Prozent des Bruttoinlandproduktes erhöhen. Die Schweiz hat das Ziel von einem Prozent des BIP beschlossen. Verteidigungsminister Martin Pfister will dieses Ziel nochmals steigern und zusätzliche 31 Milliarden Franken in die Armee stecken. Deshalb will Pfister die Mehrwertsteuer um 0.8 Prozentpunkte erhöhen.
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Die Wehrpflicht: Die finnische Armee beruht ebenfalls auf dem Miliz-System. Doch während die Schweiz 147’000 Soldatinnen und Soldaten hat, kann Finnland eine Reserve von bis zu 900’000 Soldaten mobilisieren. Dies bei nur 5.5 Millionen Einwohnern (Schweiz: 9 Millionen). Finnland will das Wehrpflichtalter auf 65 erhöhen. In der Schweiz dauert der Militärdienst in der Regel bis 30.
Kann die Situation Finnlands also mit der Schweiz verglichen werden? Bei den mitreisenden Parlamentsmitgliedern gingen die Meinungen auseinander. Vor allem von linker Seite ist man skeptisch, wenn es um die geplante Erhöhung des Schweizer Verteidigungsbudgets geht. «Unsere Armee braucht nicht einfach mehr Geld», sagt etwa die Berner SP-Nationalrätin Tamara Funiciello. Die Armee brauche einen klaren Plan, was mit dem Geld gemacht werden soll. Finnland habe einen «guten Plan», so Funiciello.
Der Grüne Glarner Ständerat Matthias Zopfi gab zu bedenken, dass Finnland von der Schweiz eine stärkere Aufrüstung erwartet. «Wenn man schaut, was Finnland in die Sicherheit auf dem Meer investiert, dann wird ihre Erwartung schon sein, dass wir auch in unseren Bereichen Investitionen tätigen», so Zopfi.
Auch Verteidigungsminister Martin Pfister schilderte nach einem Treffen mit seinem finnischen Amtskollegen solche Erwartungen. «Sie verstehen unsere Neutralität, aber wünschen sich, dass wir noch verstärkt unseren Beitrag leisten», erklärte Pfister.
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