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Die Insel der seligen Designer

M125: Der Regalklassiker, 1953 an der Basler Mustermesse vorgestellt, wurde für die Wohnbedarf AG entwickelt.

In den 30er- und 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts galt die Schweiz als Hochburg modernen Designs. Das Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt zeigt derzeit Objekte von Schweizer Designern, die auch ausserhalb der Schweiz Geschichte geschrieben haben.

Auf den Stapelstuhl des finnischen Designers Alvar Aalto ist Tobias Hoffmann besonders stolz. Hoffmann ist Leiter des Museums für Konkrete Kunst Ingolstadt. Unter dem Titel "Neuerwerbungen Design" sind hier derzeit Designobjekte zu sehen, die das Museum in den letzten zwei Jahren erworben oder geschenkt bekommen hat.

Vom Stapelstuhl gibt es weltweit nur noch sechs oder sieben Exemplare. Für "Neuerwerbungen Design" ist es Hoffmann gelungen, zwei Exemplare des Stuhls aus gebogenem Stahlrohr und Schichtholz zu ergattern. "Damit man auch sieht, wie gut man ihn stapeln kann", sagt Hoffmann in seiner Rede zur Ausstellungseröffnung.

Der Schweizer Architekturhistoriker Sigfried Giedion hatte den Prototyp des Stuhls 1930 auf einer Messe in Finnland gesehen. Er war von der Idee so begeistert, dass er den Stuhl in der Schweiz produzieren und über die Zürcher Firma Wohnbedarf AG verkaufen liess. "Vor allem natürlich in der Schweiz, aber auch damals schon verkaufte man europaweit", sagt Hoffmann.

Wegweisende Impulse für modernes Design

In den 30er- und 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts gingen von der Schweiz wichtige Impulse für das moderne Design aus. Die Zürcher Wohnbedarf AG war daran massgeblich beteiligt. Die Objekte der Wohnbedarf AG machen somit einen der Schwerpunkte der Ingolstädter Ausstellung aus.

Zu ihnen zählt unter anderem die von Giedion entworfene "Indi-Leuchte". "Indi" steht für "indirektes Licht", denn die Indi-Leuchte ist der erste Deckenfluter überhaupt. "Eine geniale Idee – heute nichts Neues mehr. Aber damals war die Leuchte ein Verkaufsschlager", so Hoffmann.

Zu sehen ist ausserdem das Möbelsystem M125, das der deutsche Designer Hans Gugelot für die Wohnbedarf AG entworfen hat und das später auch in Deutschland produziert wurde.

Wie auch die Indi-Leuchte war das M125 wegweisend für modernes Möbeldesign. Der Systemgedanke, der dem M125 zugrunde liegt, findet sich noch heute überall wieder – bis hin zu den Möbelsystemen von IKEA.

Die Exponate der Wohnbedarf AG stammen aus der Wohnungseinrichtung von Berti Marchetti-Dürner, der Schwägerin des Schweizer Künstlers Richard Paul Lohse.

Lohse hatte für Marchetti-Dürner eine Wohnung komplett mit Möbeln der Wohnbedarf AG ausgestattet. Nach ihrem Tod schenkte seine Tochter Johanna das Mobiliar dem Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt.

"In der Schweiz ist noch was möglich"

"Lebensform und Wohnkultur miteinander verschmelzen lassen", lautete das Credo der Künstler und Designer um die Wohnbedarf AG-Gründer Sigfried Giedion, Werner Max Moser und Rudolf Graber. 1933 zog die Wohnbedarf AG in die von Marcel Breuer gestalteten Räume in der Talstraße 11 in Zürich, wo sie noch heute produziert und ausstellt.

Eine Kontinuität, wie sie nur in der Schweiz möglich war. Während in den Nachbarstaaten Krieg herrschte, emigrierten viele bedeutende Designer in die Schweiz. "In der Schweiz geht noch etwas, lautete die Devise. Sie wurde so zu einem Zentrum der Moderne, zu einer Art Insel der Seligen für Künstler und Designer", sagt Hoffmann.

Zu ihnen zählte auch der Zürcher Architekt, Künstler und Designer Max Bill. Vor dem Krieg hatte er am Bauhaus Dessau studiert, 1951 gründete er in Ulm die Hochschule für Gestaltung. Aus ihr gingen namhafte deutsche Designer hervor, die zum Teil noch heute tätig sind.

Der Münchner Alexander Neumeister zum Beispiel, der für die Deutsche Bahn den ICE 3 entworfen hat, der – im wahrsten Sinne des Wortes – den Geist von Ulm in die Gegenwart transportiert.

Deutsch-Schweizer Design-Austausch

Sogar am Museum für Konkrete Kunst selbst zeigt sich, welch wichtige Rolle die Schweiz in der Konkreten Kunst auch in Deutschland spielt.

Den Grundstock für die Sammlung des Museums legte die Kunstsammlung des Schweizer Professors Eugen Gomringer, Konkreter Poet und zu Ulmer Zeiten der Sekretär von Max Bill.

Die Ausstellung "Neuwerbungen Design" sieht Hoffmann nun als Chance, Menschen über das Design für die Inhalte der Konkreten Kunst zu interessieren. Bislang, so sagt er, funktioniere das auch.

Zu den Kuratoren-Führungen kommen viele Besucher aus Stadt und Region, aber auch von weiter her. Sogar einige ehemalige Studenten der Hochschule für Gestaltung Ulm waren schon da.

Neben der Wohnbedarf AG geht es in der Ausstellung auch um die Lehre an dieser Kunsthochschule mit Schweizer Geist.

Über eine größere Ausstellung, die sich ausschliesslich der besonderen Rolle der Schweiz in der klassischen Moderne widmet, denken Hoffmann und sein Team für die Feier zum 20. Geburtstag des Museums für Konkrete Kunst im Jahr 2012 nach.

Vielleicht, so Hoffmann, könne er dann auch das Schweizer Haus Konstruktiv, die Stiftung für konstruktive und konkrete Kunst in Zürich, für eine Kooperation begeistern. Die Verbindung von Schweiz und Deutschland in Sachen Design hält an.

Lena Langbein, Ingoldstadt, swissinfo.ch

Konkrete Kunst

Konkrete Kunst ist eine Richtung der Kunst, die auf der Idee einer gegenstandsfreien Gestaltung beruht. Das Kunstwerk ist nicht an der Natur angelehnt, sondern eine rein geistige Konzeption, lediglich bestehend aus Linien, Farben und Flächen.

Die so genannten Schweizer Konkreten um Max Bill spielten eine wichtige Rolle für die Definition und Entwicklung dieser Kunstform.

Als so genannte Zürcher Konkrete gelangten Max Bill, Camille Graeser, Leo Leuppi, Richard Paul Lohse u.a. zu internationaler Bekanntheit.

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Museum für Konkrete Kunst

Das Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt in Bayern wurde 1992 gegründet.

Den Grundstock der Sammlung des Museums bildete die private Sammlung Konkreter Kunst des Schweizer Professors Eugen Gomringer, welche die Stadt Ingolstadt einige Jahre zuvor erworben hatte.

Die Ausstellung "Neuerwerbungen Design" zeigt rund 40 Objekte der Design-Sammlung des Museums und ist bis 19. September 2010 zu sehen.

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