Donghua Li bedauert Politisierung Olympischer Spiele

Donghua Li, Attaché für die Olympischen Spiele, im Chinagarten in Zürich. Keystone

Eine Nichtdurchführung der Olympischen Spiele könnte für die Tibeter noch schlimmere Folgen haben, weil die öffentliche Meinung in China sie dafür verantwortlich machen könnte, meint Donghua Li, Attaché von Swiss Olympic.

Dieser Inhalt wurde am 26. März 2008 - 08:29 publiziert

"Eigentlich sollten Olympische Spiele friedensstiftend wirken und die Völker verbinden", sagt der Olympiasieger 1996 im Kunstturnen am Pferd gegenüber swissinfo.

Jetzt jedoch habe sich eine umgekehrte Situation ergeben: "Politische Kräfte nutzen die Olympischen Spiele für sich aus. Ich bedauere das sehr."

Dennoch freut sich der aus China stammende Schweizer Kunstturner auf die Spiele. Viele Leute, so Donghua Li, würden Politik und Sport zu sehr miteinander vermischen: Politische Probleme würden dem Sport und den Sportlern meist schaden.

Der 1989 mit seiner Schweizer Ehefrau in die Zentralschweiz gezogene Sportler glaubt, dass sich auch die meisten anderen Sportlerinnen und Sportler weiterhin auf das Ereignis freuen.

Austragung mit politischer Einbindung kombiniert?

Doch der völkerverbindende Charakter der Spiele ist nur eine Seite der olympischen Medaille. Andererseits ist seit langem bekannt, dass China Probleme mit den Menschenrechten hat. Und dennoch wurde Peking als Austragungsort gewählt, wohl auch um dieses grosse und wichtige Land politisch einzubinden.

Im Juli 2001 hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) die 29. Olympischen Sommerspiele an Chinas Hauptstadt Peking vergeben. Dabei versprach die Kommunistische Partei Chinas, dass sich dank den Spielen die Menschenrechtslage verbessern würde.

Das IOC hatte noch Anfang 2007 den sportlichen Charakter der Spiele betont, gleichzeitig aber die vollständige Respektierung der Menschenrechte während des Wettbewerbs gefordert. Die Menschenrechtsgruppen Human Rights Watch (HRW) und Amnesty International (ai) griffen seither das IOC für seine laxe Haltung gegenüber Chinas Führung an.

Ja zur Vergabe aus Gründen der Öffnung

Wäre es deshalb nun konsequent, die Spiele abzublasen? "Würden die Spiele jetzt anderswo durchgeführt, so führte dies auch in der Lösung der politischen Probleme in China nicht weiter", meint Donghua Li.

Im Gegenteil: solange die Spiele in Peking durchgeführt werden, bleibe China auf jeden Fall im Fokus des internationalen Interesses.

Deshalb und aus Gründen der Öffnung des Landes sei er für eine Vergabe der Spiele an China gewesen. Für die Chinesen ergäbe sich bei einer Durchführung der Spiele bei ihnen zuhause viel eher die Möglichkeit, mit der ganzen Welt in Kontakt zu bleiben.

Der Luzerner aus China ist auch der Ansicht, dass ein Boykott kaum von Nutzen wäre. "Das würde den Athleten schaden, denn diese haben ja direkt mit dem Konflikt wenig zu tun", meint der Sportler, der 1996 selbst Olympiasieger im Kunstturnen am Pauschenpferd (Pferd mit zwei Handgriffen) wurde.

China-Tibet-Konflikt: Eine Jahrhunderte alte Geschichte

Ein abschliessendes Urteil über den Konflikt will Donghua Li, der sich als Schweizer und als Chinese fühlt, nicht geben. Einerseits hat er über 20 Jahre in China gelebt, andererseits hat er inzwischen selber Tibet besucht: Die politischen und gesellschaftlichen Aspekte seien einfach zu vielfältig.

Donghua Li, 1987 chinesischer Meister am Pauschenpferd, war schon in seiner Schulzeit mit dem Tibet-Problem konfrontiert: "Dieser Konflikt hat eine Jahrhunderte lange Geschichte. Heute sind die meisten Chinesen mit der Überzeugung aufgewachsen, dass das Tibet ein Teil Chinas ist."

Damit ergebe sich in China eine ganz andere Sichtweise der Dinge. So gesehen sei es auch denkbar, dass eine Nichtdurchführung der Spiele für die Tibeter noch schlimmere Folgen hätte, weil die öffentliche Meinung in China sie für den Abbruch verantwortlich machen könnte. Darum sei ein Boykott oder Abbruch nicht der richtige Weg.

swissinfo, Alexander Künzle

Fakten

Donghua Li wurde 1967 in Chengdu geboren.

1989 zog er mit seiner Schweizer Ehefrau in die Schweiz, 1994 erhielt er das Bürgerrecht.

1996 nahm er für die Schweiz an den Olympischen Spielen in Atlanta teil. In seiner Paradedisziplin am Pauschenpferd gewann er die Goldmedaille.

Das Pauschenpferd ist eine Disziplin beim klassischen Geräteturnen der Männer.

Donghua Li wurde 1987 chinesischer Meister, 1994 Schweizer Meister, 1995 Weltmeister, 1996 Europameister und Olympiasieger.

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Proteste in China

Mit Militäraufmärschen, Verhaftungswellen und Propaganda-Kampagnen hat China die Unruhen der Tibeter weitgehend niedergewalzt.

Am Osterwochenende sind nur noch vereinzelt Proteste aufgeflammt.

Nach amtlichen Angaben herrschte weitgehend Ruhe in Tibet und den Nachbarprovinzen.

Grosse Truppenaufgebote riegeln seit Tagen die Klöster ab.

Offizielle Schätzungen gehen von 19 Toten bei den Unruhen aus.

Exiltibeter sprechen von 100 Toten in Lhasa und anderen Gebieten.

Ausserdem seien mehr als 1000 Menschen festgenommen worden.

Die Regierung in Peking liess ausländische Journalisten aus den Unruhe-Regionen ausweisen. Gleichzeitig wirft die chinesische Presse den westlichen Medien vor, die Lage nicht richtig darzustellen.

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