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Eine angespannte Ruhe

1947 explodierte ein Sprengstoffdepot in Mitholz im Berner Oberland.  Lange glaubte man sich sicher – doch letztes Jahr wurde die komplette Evakuation von Mitholz angekündigt: Die gesamte Bevölkerung muss ihr Dörfchen für zehn Jahre verlassen. Wie gehen die Mitholzer mit dieser Perspektive um? 

Dieser Inhalt wurde am 28. Oktober 2020 - 13:00 publiziert
Benjamin von Wyl, Text und Thomas Kern, Bilder
Irgendwo hinter diesen Toren liegt die Gefahr. Der Haupteingang zur Festungsanlage.

Die Häuser und Höfe von Mitholz liegen verstreut in der Hochebene. Nicht mal Tourismus, nur der Autoverkehr stört in Mitholz im Berner Oberland die Postkarten-Schweiz. Doch das 170-Menschen-Dorf gibt es nicht mehr lange: 2030 werden die Bewohnerinnen und Bewohner für zehn Jahre evakuiert. Wo sehen Sie sich in zehn Jahren? Eine typische Frage in Bewerbungsgesprächen – dort muss die Antwort nie definitiv sein. Für die Menschen von Mitholz ist das anders. Sie müssen in 10 Jahren gehen. Mitholz wird verschwinden – für 10 Jahre zumindest.

Die "Fluh" bei Mitholz - Januar 1948, von Westen her gesehen. Schweizerisches Bundesarchiv

Dieser Einschnitt in der Zukunft geht zurück auf eine Katastrophe, die sich vor Geburt der meisten Mitholzerinnen und Mitholzer, vor über 70 Jahren ereignete. Während dem zweiten Weltkrieg baute die Schweizer Armee im Fels ein unterirdisches Munitionslager. Am 19. Dezember 1947 explodierten darin etwa 3000 Tonnen Munition und Sprengstoff. Der "Chnütsch", wie sie das Ereignis im lokalen Dialekt nennen, blieb für lange Zeit weltweit die grösste nicht-nukleare Explosion. Neun Menschen starben.

Lange war man sich sicher, dass kein Risiko mehr besteht. Doch letzten Winter teilte das Verteidigungsdepartement mit, dass sich Mitholz für zehn Jahre auflösen muss. Die Menschen müssen gehen, damit das Sprengmaterial sicher entfernt werden kann. Bis es soweit ist, dauert es noch 10 Jahre, weil erst Ausbau- und Vorbereitungsarbeiten anstehen, damit der wichtige Durchfahrtsverkehr gewährleistet bleibt. Die Überreste des alten Munitionslagers stellen die Existenz des Dorfes nochmals ganz ohne Explosion in Frage.

Das Verteidigungsdepartement ist bereit die Häuser zu kaufen, wahrscheinlich mit Vorkaufsrecht für die Nachkommen der heutigen Besitzer. Vieles ist unklar. Wie hoch ist die Entschädigung, die die Menschen von Mitholz für ihre Häuser erhalten? Wo können sie sich ein neues Daheim leisten? In Mitholz sind die Immobilienpreise niedriger als in den Nachbarorten.

Annelies Grossen, 50, Gärtnerin und Gemeinderätin, Frutigen

"Du armes Dörflein" steht auf einem der Ordner, den Annelies Grossen im letzten Restaurant von Mitholz dabei hat. Es ist der Titel eines alten Trauergedichts, das zu fassen versuchte, was Mitholz damals erleben musste.

Heute lebt Grossen im nahen Frutigen – aber sie ist in Mitholz und mit der Katastrophe aufgewachsen. Ihre Mutter hat in der Explosion mehrere Geschwister und die Grossmutter verloren. "Mein Grosi packte die weinende Dreijährige und ist aus dem Haus gerannt. Sie wollte zurück, die anderen holen - aber dann ist alles in Flammen aufgegangen. Ihr Mann sah alles vom Weidehaus, oberhalb des Munitionslagers."

Die Explosion blieb ohne viele Worte prägendes Thema ihrer Familie. Im Schulunterricht und im Dorfleben war sie lange gar kein Thema. Als sich die Katastrophe 1997 zum 50. Mal jährte, sorgte Grossens Mutter, damals Gemeinderätin, zusammen mit der Gemeinde dafür, dass dem Geschehen mit einem offiziellen Anlass gedacht wird. Die Ordner und Mappen, die Grossen mitgebracht hat, wurden teils dafür zusammengestellt. Darunter sind Fotos von Suchtrupps, von Überlebenden und dem Trauerbesuch der Armeeführung samt General Guisan, der dem hinterbliebenen Mitholz damals viel bedeutet habe.

Der gelbe Stein zeigt, wo die Felswand über dem Eingang zur Anlage bei der Explosion von 1947 abgebrochen ist.

Bis nach Boston sei über die Explosion berichtet worden. Natürlich mit Verzögerung: Selbst die offizielle Pressekonferenz der Schweizer Behörden fand erst drei Tage danach statt. "Heute wäre das ganz anders. Aber heute wären auch sofort Care-Teams für die Hinterbliebenen vor Ort – in den 40ern hat man sie auf dieser Ebene einfach allein gelassen."

Die vielen Durchfahrer mit dem Auto nehmen den kleinen Gedenkbrunnen nicht wahr. "Aber die Mitholzer haben einen Ort. Am Jahrestag zündeten erst meine Mutter, später dann ich oder eine Nachbarin dort immer Kerzen an." Grossen habe damit gerechnet, dass sich Mitholz zum 75. Jahrestag nochmals versammle. "Dann hätte das ruhen, Historie sein können. Doch dann kam der 18. Juni 2018."

An dem Datum wurde bekannt, dass vom ehemaligen Munitionslager bis heute Gefahr droht. Dass in "eingestürzten Anlageteilen und im Schuttkegel davor noch rund 3500 Bruttotonnen Munition mit mehreren hundert Tonnen Sprengstoff" vergraben sind, wie es das Schweizer Verteidigungsdepartement ausdrückt.  Dass noch etwa so viel Sprengmaterial da ist, wie 1947 die damals grösste nicht-nukleare Explosion ausgelöst hatte.

Grossen sagt, immer sei man sich bewusst gewesen, dass einzelne Blindgänger im Boden lauern könnten. "Vom Ausmass ahnten wir nichts – nach und nach hat sich dann offenbart, dass alles im Berg hochexplosiv ist – bis zu 50-Kilogramm-Fliegerbomben." Die seien nicht das Hauptproblem. "Die kleinen Spitzbomben sind die, die eine Kettenreaktion auslösen könnten." Grossen, Gärtnerin und grünliberale Lokalpolitikerin, tönt wie eine Spezialistin für Explosivstoffe.

Die Gärtnerin und grünliberale Lokalpolitikerin tönt wie eine Spezialistin für Explosivstoffe.

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Für Mitholz kommt das Vergangene wieder hoch – und die Zukunft stellt drängend Forderungen. Grossen erzählt: "Manche sagen, sie hätten lieber nichts gewusst. Manche Familien sprachen eine Weile über nichts Anderes. Andere sagen, sie planen, sobald der Zeitplan klar ist."

Urs Kallen, 64, Anlagenleiter ausser Dienst

Urs Kallen war bis 2010 Leiter der Anlage im Berg. Das Interview direkt vor dem Stolleneingang ist erst sein zweiter Besuch vor Ort, seit er den Posten 2010 nach 30 Jahren abgegeben hat. Die Anlage um die teils eingestürzten Stollen und Kavernen, durch die 1947 der Sprengstoff jagte, baute die Schweizer Armee ab 1953 wieder aus. Zeitweise war ein Chemielabor geplant, dann ein Spital – 1982 waren die Arbeiten an der nun als Militärapotheke konzipierten Anlage abgeschlossen. Für diesen Umbau wurde gar ein Stück Fels weggesprengt. Bis 2018 leisteten dort jedes Jahr bis zu 130 Personen aufs Mal ihren Militärdienst, fertigten einfache Medizin und Pflegeprodukte wie Sonnencremes, erzählt Kallen.

Durch die "Kammer 8", deren Boden mit rostenden Sprengkörpern gespickt ist, habe Kallen ab und an – auf Geheiss seiner Vorgesetzten –  ausländische Militärdelegierte geführt. Eine Attraktion sei das gewesen. Schon vor über 30 Jahren liess sich Kallen schriftlich versichern, dass ihm, seinen Mitarbeitenden und Gästen keine Gefahr droht. Die Antwort war beschwichtigend. Rückblickend beunruhigt ihn das. Damals war er vertrauensselig: "Ich hatte es ja schriftlich, die Spezialisten waren hier, ich habe ihnen vertraut!", erzählt er. "Zwischenzeitlich ist ein altes Schreiben aufgetaucht, das beweist, dass es schon damals Grund für Bedenken gab." Damals habe man ihnen davon nichts gesagt. "Und das wäre das absolute Minimum gewesen."

Im Berg drinnen, hinter diesen beiden Gucklöchern im Eingangstor, liegt die unsichtbare Gefahr.

Von den Behörden hat Kallen, dem man den Stolz auf seine Tätigkeit bei der Schweizer Armee anmerkt, nie ein entschuldigendes Wort gehört. Das Schreiben von 1986 bestätigte, dass "das Explosionsrisiko klein ist". Die damalige Beurteilung habe keinen Anlass zur Annahme gegeben, "dass die Mitarbeitenden gefährdet sein könnten", schreibt ein Sprecher des Verteidigungsdepartements, konfrontiert mit Kallens Aussagen.

Heute ist das mächtige Tor des Stolleneingangs fest verschlossen. Dahinter wachen ein privater Security-Mitarbeiter und ein Alarmsystem. Die swissinfo.ch-Anfrage zur Besichtigung wird aus Sicherheitsgründen abgelehnt.

Karl Steiner, 63, Postbote

"Sicher ist eigentlich nichts", sagt Karl Steiner, der 63-jährige Präsident der IG Mitholz, in der sich die Einwohnerschaft zusammengeschlossen hat. Steiner -  im hiesigen Dialekt mit langem e und fast unhörbaren i: "Steeener" -  meint damit, dass die entscheidenden Antworten der Behörden zur Evakuierung noch ausstehen. Aber seine Worte scheinen auf vieles im Berner Bergort zuzutreffen. Wie ein Wasserfall erzählt er von den Lawinen und Springfluten, die Mitholz über die Jahrzehnte erlebte. Von der NEAT, dem gigantischen Eisenbahntransitprojekt, für dessen Bau Steiner den Behörden in den 1990ern einen Drittel seines Lands verkaufen musste.

"Sicher ist eigentlich nichts"

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Aber nichts davon ist mit der Evakuierung zu vergleichen. Häuser werden leerstehen, die in die Landschaft übergehenden Gärten verwildern, die Höfe verlassen sein. "Mit 30 Kühen kannst du nicht einfach neu anfangen", erzählt Steiner. Es ist unklar, was mit den Bauern und ihren Tieren geschieht. Selbst werde er wohl seine zwölf Bienenvölker zurücklassen müssen. Steiners Mutter hat das Unglück erlebt, die Ereignisse der letzten Jahre haben sie zutiefst verunsichert. Der Sohn wünscht ihr nun bloss noch Ruhe. In 20 Jahren, wenn die Menschen von Mitholz zurückkönnten, wird Steiner in ihrem Alter sein. "Da muss ich auch nicht mehr hierhin. Ich hoffe, die Kinder übernehmen dann das Haus."

Solange die Hauptfrage offen ist, sei es wichtig, dass die IG Mitholz gemeinsam auftritt, gemeinsam verhandelt, gemeinsam Fragen stellt. Die IG scheint es geschafft zu haben, das Dorf zusammenzubringen. Ganz Mitholz findet sich in derselben Situation wieder. Nicht nur die, die ab und an in der letzten Beiz sitzen. Die Evakuierung hat das Dorf, das es bald nicht mehr geben wird, zusammengeschweisst. 

Werner Loat, 67, pensionierter Baggerführer

"Früher gab’s mehrere Restaurants, zwei Dorfläden! Mutter, wann ist nochmals der letzte eingegangen?", fragt Werner Loat seine Frau Alice, die neben ihm am Tisch sitzt. "15 Jahre sicher", antwortet er dann doch selbst. Zur Zeit der Explosion habe es noch einen "Konsum" gegeben, einen Supermarkt. "Meine Mutter arbeitete da. Nach den Bomben ging er nicht mehr auf. Wäre es anders gekommen, würden hier heute vielleicht mehr Menschen leben?"

Von draussen melden sich die beiden Hunde aus dem Gehege, sie stören hier niemanden. Loats leben am Ortsrand, fast beim Blausee. Loat erzählt, dass sein Haus anfangs noch ausserhalb der Evakuierungszone lag. Erst nach einer Zweituntersuchung war klar, dass auch Loats gehen müssen.

Ein Leben lang war "Loat-Werner" in diesem Haus. "Weg wollte ich nie, ich bin ein Eingefleischter!" Im touristischen Nachbarort Kandersteg hat er seine Lehre gemacht, 49 Jahre bei derselben Firma gearbeitet. Vor ebenfalls fast 50 Jahren starb sein Vater bei einem Jagdunfall; der Mutter zuliebe sei er im Haus geblieben, hat mit den Ziegen und den Schafen geholfen. Als Alice und er selbst eine Familie gründeten, hat er eigenhändig umgebaut. Er würde lieber nicht gehen, fragt sich, weshalb die Behörden nicht einfach "eine Woche dicht machen und alles kontrolliert sprengen". Laut dem Verteidigungsdepartement würde eine gezielte Sprengung aber womöglich den "Grossteil der Munition" nicht zur Explosion bringen und eine grosse Anzahl an Blindgängern im Tal verteilen.

Loat hat neben der gezielten Sprengung auch andere originelle Ideen. Trotzdem hinterfragt er nicht: "Wenn ich gehen muss, gehe ich. Was will ich denn noch hier?" An eine Rückkehr glaubt er nicht. Die Tochter werde hoffentlich das Haus übernehmen.

Heidi Schmid, 37, Leitende Kommunalangestellte

Heidi Schmid steht an einem ganz anderen Punkt im Leben, aber auch sie nimmt es, wie es kommt. Nähert man sich dem Haus der Schmids, rennen einem schon die Kinder entgegen. Sie tragen T-Shirts aus dem Südamerikaurlaub. Drinnen hängt eine schottische Flagge über der Galerie. Für Mitholzer Verhältnisse wirkt das alles furchtbar global. Andere haben ihre Leben mehr oder weniger komplett im Tal verbracht; die Schmid-Kinder waren schon in Chile. Schmid sagt, sie und ihr Mann haben eine Leidenschaft fürs Reisen. "Aber verwurzelt sind wir hier."

Herbsthimmel über den dem Munitionsdepot gegenüber liegenden Bergen des Kandertals.

Das Haus haben die Schmids von den Eltern übernommen. Auch zehn Jahre nach dem Umbau ist das Holz noch hell. Nur das Gartenhäuschen ist nicht fertig. "Das bleibt auch erstmal so", sagt Schmid, "Wir leben ja momentan in Unsicherheit."

Schmids möchten, was hier alle wollen: Möglichst bewahren, was man hat.

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"Für uns werden die Karten gerade neu gemischt – und wir haben es uns überlegt, ob wir in der Region bleiben oder ganz was anderes wollen." Ganz was anderes, das hiesse: in einen anderen Landesteil oder auswandern, vielleicht mal für ein Jahr. Aber die Familie Schmid hat sich dagegen entschieden. Nun, mit den Kindern kurz vor dem Kindergartenalter, sei es nicht der Zeitpunkt für solche Experimente. "Eigentlich wünschen wir uns etwas Ähnliches, wie wir hier haben."

Von Mitholzer Schülern gemaltes Wandbild in der Unterführung der Hauptstrasse. Die Kinder von damals sind heute vielleicht selber Eltern. An eine Evakuation dachte 1999 sicher niemand.

Heidi Schmids Mann ist familiär und beruflich in Mitholz verwurzelt. Sie selbst arbeitet in einer Kaderfunktion im nahen Frutigen, wo sie aufwuchs. Schmids möchten, was hier alle wollen: Möglichst bewahren, was man hat. Doch das geht nicht. Wie alle Mitholzerinnen und Mitholzer sind sie von der Vergangenheit eingeholt, gezwungen sich mit der mittleren Zukunft auseinanderzusetzen – ohne zu wissen, zu welchen Bedingungen.

Das Verteidigungsdepartement teilt Mitte September auf Anfrage mit, das "konkrete Vorgehen" werde "in den nächsten Wochen" mit der IG Mitholz besprochen, "um anschliessend erste Begehungen bei einzelnen Häusern durchzuführen."

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