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Schweizer CO2-Kompensationsstrategie kommt nicht in Fahrt

Illustration von Windmühlen und Solarmodulen
CO2-Ausgleich: Kann die Reduktion von Emissionen in anderen Ländern dazu beitragen, die Klimabilanz der Schweiz zu verbessern? Illustration: Kai Reusser, Swissinfo

Die Schweiz gilt seit langer Zeit als Vorzeigebeispiel für die globale CO2-Kompensation. Doch inzwischen steht die Strategie in der Kritik, denn sie hat weniger als ein Prozent ihrer Ziele für 2030 erreicht. Was bedeutet das für die EU, Japan und andere Staaten, die dem Beispiel der Schweiz gefolgt sind?

Die Schweiz war Vorreiterin bei der Anwendung von Artikel 6.2 des im Jahr 2015 beschlossenen Pariser Klimaabkommens. Die Bestimmung erlaubt es Ländern, Projekte zur Emissionsminderung im Ausland zu finanzieren und die erzielten Reduktionen anschliessend auf ihre eigenen Klimaziele anzurechnen.

So finanzierte die Schweiz beispielsweise ein Projekt für Elektrobusse in Bangkok in der Hoffnung, dafür Zertifikate zu erhalten, die sie ihren inländischen Emissionen anrechnen kann.

In den vergangenen zehn Jahren hat Bern 16 solcher bilateralen Abkommen unterzeichnet und sich verpflichtet, bis zu ein Drittel seines Klimaziels für 2030 mit ausländischen CO2-Zertifikaten, so genannten ITMOs, abzudecken.

Von den im Rahmen dieser Abkommen vorgeschlagenen Projekten hat das Bundesamt für Umwelt (Bafu) sechs genehmigt, 28 befinden sich noch in Prüfung. Bisher hat die Schweiz 0,36% ihres Ziels von 34 Millionen Tonnen CO2-Kompensationen aus dem Ausland erreicht.

«Sie versuchen es gut zu machen – sie richten Schutzmassnahmen ein und schliessen fossile Brennstoffe aus –, aber die Zertifikate, die sie erhalten, entsprechen nicht ihren Vorstellungen», sagt Federica Dossi von der Brüsseler Nichtregierungsorganisation Carbon Market Watch über den Schweizer Ansatz.

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«Das E-Bus-Projekt in Bangkok ist zum Beispiel eines, bei dem die Qualität schlicht nicht stimmt. Und jetzt hinkt man den Zielen hinterher, ohne Plan B», sagt Dossi.

Die Projekte müssen unter Artikel 6 des Pariser Abkommens strenge Kriterien erfüllen. Unter anderem muss nachgewiesen werden, dass die Emissionsminderungen real, dauerhaft und transparent sind. Das erfordert Zeit für die Dokumentation und Überprüfung. Doch selbst wenn Zertifikate vorliegen, ist ihre Qualität oft fragwürdig.

Der Artikel wurde als Reaktion auf die Mängel seines Vorgängers, des Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung (Clean Development Mechanism) des Kyoto-Protokolls, konzipiert.

Eine im Jahr 2024 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte StudieExterner Link, die 2346 Projekte unter diesem Mechanismus untersuchte, ergab, dass weniger als 16% der ausgestellten Zertifikate tatsächlichen Emissionsminderungen entsprachen. Kochherd-Projekte schnitten mit 11% am schlechtesten ab.

Dabei handelt es sich zwar nicht um Zertifikate nach Artikel 6, jedoch sind es genau die Projekttypen, welche die Schweiz kauft. Die Schweizer NGOs Alliance Sud und Fastenaktion kamen zum Schluss, dass die Busse in Bangkok auch ohne Schweizer Finanzierung bis 2030 elektrifiziert worden wären.

Die Stiftung Klik, die die Zertifikate gekauft hat, bezeichnet dies als Spekulation. Eine separate Beschwerde gegen das Kochherd-Projekt in Ghana wirft eine Überanrechnung vor und nicht mangelnde Zusatzwirkung.

Ein von der Schweiz finanziertes CO2-Kompensationsprojekt im Senegal will die berühmten Stadtbusse von Dakar leiser und sauberer machen:

Auf die Frage, ob die Schweiz einen Ausweichplan habe, erklärte das Bafu, der Bundesrat werde die Fortschritte bei der Erreichung der Ziele für 2030 im Jahr 2027 überprüfen.

Zudem arbeite er aktiv an der Entwicklung des CO2-Markts unter dem Pariser Abkommen, um die Verfügbarkeit hochwertiger Kompensationsprojekte sicherzustellen.

Mit diesem Ansatz steht die Schweiz nicht allein da. Auch Norwegen, Singapur und Japan haben im Rahmen dieses Artikels bilaterale Abkommen unterzeichnet, in denen sie sich verpflichten, Hunderte Millionen Zertifikate zu kaufen, um ihre Klimaziele zu erreichen.

Schweizer Strategie steht vor Herausforderungen

Im Mai bezeichnete die grüne Nationalrätin Marionna Schlatter die Kompensationsstrategie gegenüber Radio SRF als «totales Versagen» und warf der Schweiz vor, sich «aus der Verantwortung zu stehlen».

Nadine Masshardt, Nationalrätin der Sozialdemokratischen Partei (SP), warnte, dass ausländische Zertifikate oft weniger CO2 verringern würden, als behauptet.

Selbst Nationalrat Christian Wasserfallen von der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP), ein Befürworter marktwirtschaftlicher Lösungen, räumte ein, dass der aktuelle Ansatz mangelhaft sei.

Ein Problem solcher Kompensationszertifikate ist, dass der Markt dafür klein ist. Die Schweiz konkurriert mit Singapur, Japan und der EU um denselben Pool an Zertifikaten aus Ghana, Peru und Thailand.

Dies weckt die Befürchtung, dass sich reiche Länder die einfachsten Reduktionen herauspicken und anderen Ländern die schwierigeren Einsparungen überlassen.

Gleichzeitig liegen die Emissionen der Schweiz 22,3% unter dem Niveau von 1990, doch immer noch weit entfernt vom Ziel von 50% bis 2030. Dies deutet darauf hin, dass Kompensationen dazu genutzt werden, um die schwierigere Arbeit der Dekarbonisierung im Inland zu umgehen.

«Die Schwierigkeiten der Schweiz zeigen, dass hochwertige Zertifikate strukturell knapp und auch schwer zu finden sind», sagt Juliette de Grandpré vom Newclimate Institute in Deutschland.

Sie fügt hinzu, dass es bald nur noch wenige «günstige» Kompensationsmöglichkeiten geben werde, da die Länder, von denen die Schweiz und andere diese Zertifikate kaufen, sie selbst für ihre eigenen Emissionsziele benötigen.

«Der Fall Schweiz ist wirklich interessant, denn sie setzt nicht nur alles auf eine Karte – und das funktioniert nicht –, sondern hat auch im Inland unzureichende Massnahmen zur Senkung der eigenen Emissionen. Sie scheitert auf beiden Seiten», sagt sie.

Das Dilemma der EU: Flexibilität oder Rückschritt?

Andere Länder, die denselben Ansatz verfolgen, schneiden nicht besser ab. Norwegen, ein Schwergewicht bei der Klimafinanzierung, hat zugesagt, bis 2030 gemäss Artikel 6 1,56 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Franken) für den Kauf von 15 Millionen Zertifikaten aufzuwenden. Stand September 2026 wurden jedoch keine Kompensationen gemeldetExterner Link.

Singapur hat wiederum den Kauf von Zertifikaten für fast 2,2 Millionen metrische Tonnen CO2 aus Ghana, Peru und ParaguayExterner Link zu Kosten von rund 60 Millionen Dollar für eine Lieferung zwischen 2026 und 2030 vertraglich vereinbart. Bisher wurden jedoch noch keine Zertifikate geliefert.

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Japan hat 32 bilaterale Abkommen abgeschlossen und verfolgt ein Zertifikatsziel von 200 Millionen Dollar. Gemäss seiner Meldung an die UNFCCCExterner Link hat es ab 2025 nur eine kleine Anzahl von ITMOs erhalten – etwa 1442 Tonnen CO2-Äquivalente aus Thailand und den Malediven.

Diese Schwierigkeiten haben die EU an einen Scheideweg geführt. Der Staatenbund hat sich darauf geeinigt, dass internationale Zertifikate bis zu 5% seiner Netto-Emissionen von 1990 im Rahmen seines Ziels für 2040 abdecken dürfen.

Angesichts des Zustands der Kompensationsmärkte argumentieren Fachleute jedoch, dass die EU-Länder ihre Reduktionsziele vollständig durch Massnahmen im Inland erreichen und Kompensationen nur als Beitrag zur globalen Emissionsminderung nutzen sollten.

«Artikel 6 sollte die Ambitionen erhöhen. Stattdessen nutzt die EU ihn, um die Ambitionen zu senken. Das ist keine Flexibilität, das ist ein Rückschritt», sagt Dossi.

Das System reparieren oder die Emissionen im Inland senken

Um die Probleme der CO2-Kompensation zu beheben, müssten entweder die Standards für Projekte erhöht werden – ein Schritt, dem sich viele Länder widersetzen – oder das System müsste aufgegeben und die Länder dazu verpflichtet werden, ihre Emissionen im Inland zu senken.

Das Bafu beteuert wiederholt, dass seine bilateralen Abkommen nach Artikel 6.2 und die regelmässige Überwachung die Ziele erfüllen würden. Doch Beobachterinnen und Beobachter bleiben besorgt.

Carbon Market Watch weist darauf hin, dass Artikel 6.2 nicht ausreichend sicherstellt, dass die Kompensationen von guter Qualität sind. Zudem sieht er keine Schutzmechanismen gegen Landraub oder Menschenrechtsverletzungen vor, etwa die Pflicht zur freien, vorherigen und informierten Zustimmung indigener Völker und lokaler Gemeinschaften.

Auch gebe es laut der Organisation keine nennenswerten Sanktionen bei einem Missbrauch des Kompensationsprogramms und die Rechenschaftspflicht werde an die unterfinanzierte Zivilgesellschaft delegiert.

«Wenn auch nur eine Säule fehlt, wie etwa die Dauerhaftigkeit, fehlt dem gesamten Zertifikat die Integrität. Man kann nicht sechs von sieben Kriterien erfüllen und das einen Erfolg nennen», sagt Dossi.

Sie befürchtet, dass Länder ohne strengere Standards inländische Massnahmen vermeiden und gleichzeitig noch stärker auf ein fehlerhaftes Kompensationssystem setzen werden. «Das kann sich die Welt nicht leisten.»

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Editiert von Gabe Bullard/vdv/dos, Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub

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