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Chinas Biotechfirmen nehmen Europa ins Visier

Forscher
Chinas Pharmaindustrie erlebt einen Aufschwung, doch viele Unternehmen stehen nach wie vor vor einer Vielzahl von Herausforderungen. Qilai Shen / Getty Images

China hat sich zu einer führenden Kraft der Biotechinnovation entwickelt. Doch der heimische Markt wird schwieriger: Weniger Risikokapital, harte Konkurrenz und wachsender Druck aus den USA lassen viele Unternehmen verstärkt nach Europa blicken. Drei chinesische Firmen zeigen, wie sie da wachsen und Vertrauen gewinnen wollen.

Am diesjährigen Swiss Biotech Day im Mai in Basel nahmen mit Unterstützung des China-Hubs von Switzerland Global Enterprise, der offiziellen Organisation der Schweizer Export- und Investitionsförderung, zwölf chinesische Unternehmen teil – fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Mindestens 15 weitere chinesische Firmen kamen auf eigene Initiative.

Dieser Anstieg erfolgt zu einer Zeit, in der westliche Pharmariesen wie Roche und Novartis eine Rekordzahl von Vereinbarungen abschliessen, um Wirkstoffkandidaten chinesischer Biotechunternehmen zu lizenzieren. Einst vor allem für Nachahmermedikamente bekannt, stehen chinesische Unternehmen heute hinter 30% der neu gestarteten klinischen Studien – 2009 war es noch 1%, wie das auf Gesundheitsdaten spezialisierte Unternehmen IQVIAExterner Link berichtet.

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Doch angesichts des schwindenden inländischen RisikokapitalsExterner Link, der harten lokalen Konkurrenz und wachsender Kontrolle durch die USAExterner Link suchen viele chinesische Unternehmen ihre Chance in Europa. Viele sind nach Basel gekommen, um ihren Leistungsausweis ausserhalb Chinas zu stärken und zu beweisen, dass sie verlässliche Partner sind.

Drei Führungskräfte berichten hier von ihrem Weg auf die internationale Bühne.

Canton Biologics – sich von der heimischen Konkurrenz abheben

Für Xiao Shen werden die kommenden drei Jahre entscheidend für das internationale Wachstum seines Unternehmens. Rund 40% des Gesamtumsatzes stammen inzwischen aus dem Ausland. Bis 2028 will Shen diesen Anteil auf 80% steigern.

Um dieses Ziel zu erreichen, suchen er und sein Team aktiv nach internationalen Partnern. Der Swiss Biotech Day ist eine von mehr als zehn Konferenzen in Europa und den USA, die sie innerhalb von sechs Monaten besuchen.

Shen ist Gründer und CEO von Canton Biologics, einer Vertragsentwicklungs- und Fertigungsorganisation (Contract Development and Manufacturing Organisation, CDMO) im Süden Chinas. CDMOs spielen eine zentrale Rolle in der pharmazeutischen Lieferkette. Oft werden sie bereits vor klinischen Studien von Pharmaunternehmen mit Design, Formulierung, Laborentwicklung und Herstellung beauftragt.

In der Schweiz ist Lonza ansässig, gemessen am Umsatz die grösste CDMO der Welt. Das Unternehmen wurde vor mehr als 125 Jahren gegründet. In China gibt es mittlerweile zahlreiche CDMOs wie WuXi AppTec, die auf der industriellen Stärke des Landes aufgebaut sind. Eine UmfrageExterner Link unter 124 Biopharma-Firmen aus dem Jahr 2024 ergab, dass 79% von ihnen mindestens einen Vertrag oder ein Produkt mit einer CDMO haben, die in China ansässig oder in chinesischem Besitz ist.

Porträtfoto eines Mannes
Shen studierte biologische Pharmakologie in Deutschland und promovierte an der EPFL. Canton Biologics

Politische Reformen ab 2015, die Medikamentenentwicklern in China ermöglichten, ihre Produktion auszulagern, trugen zum Aufstieg der CDMOs bei. Damals gründete Shen Canton Biologics. Das Unternehmen ist auf komplexe biologische Produkte spezialisiert, die es laut Shen mit «Tempo, Qualität, Flexibilität und wettbewerbsfähigen Kosten» liefern kann. Chinesische Investor:innen stellten Shen 2016 Startkapital für die Unternehmensgründung zur Verfügung. Bis 2023 hat er in drei Finanzierungsrunden mehr als 40 Millionen US-Dollar, umgerechnet 32 Millionen Franken, aufgenommen.

Doch das inländische Risikokapital für BiotechnologieExterner Link sank 2024 vor dem Hintergrund des schwächeren Wirtschaftswachstums um 73% auf 4,2 Milliarden US-Dollar. 2021 hatte es mit 15 Milliarden US-Dollar einen Höchststand erreicht. Gleichzeitig hat sich die Konkurrenz durch einheimische Unternehmen verschärft.

«In China herrscht praktisch überall, in fast jeder Branche, ein enormer Wettbewerb», sagt Shen. «Das setzt die Menschen unter Druck.»

Für das Wachstum ist es entscheidend, den internationalen Kundenstamm des Unternehmens auszubauen. Knapp die Hälfte der über 100 Kund:innen von Canton Biologics stammt aus China. Die Strategie der meisten chinesischen CDMOs, auf die USA zu setzen, wird zunehmend riskanter, da diese aus Gründen der nationalen Sicherheit Verträge mit chinesischen Biotechunternehmen zunehmend einschränkenExterner Link.

Shen will deshalb eine Nische bei europäischen Kund:innen erschliessen. Das ist auch der Grund, warum er nach Basel gereist ist. Aufgrund seiner Erfahrungen auf dem Kontinent sieht er gute Voraussetzungen, um in Europa Vertrauen aufzubauen und sich von anderen chinesischen Unternehmen abzuheben.

Shen wurde in der Provinz Jiangsu geboren und lebte als Kind in Niedersachsen, während sein Vater dort doktorierte. Später kehrte er nach Deutschland zurück, um biologische Pharmakologie zu studieren. Anschliessend verbrachte er vier Jahre an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL), wo er promovierte. Seine akademische Zeit an der EPFL prägte die wissenschaftliche und unternehmerische Vision hinter Canton Biologics.

«Ich sage immer: Wissenschaft habe ich in Deutschland gelernt, Biotechnologie in der Schweiz», sagt Shen.

Canton wuchs von einem zehnköpfigen Team mit einem 400 Quadratmeter grossen Forschungs- und Entwicklungszentrum auf 300 Mitarbeitende und 16’000 Quadratmeter an vier Standorten. Dazu gehört auch eine 2022 gegründete deutsche Tochtergesellschaft.

Shen hofft, ein internationales Unternehmen aufzubauen, das mit den Schwergewichten der CDMO-Branche konkurrieren kann. Langfristig wolle Canton jedoch über die Rolle eines Dienstleisters hinauswachsen und zu einem «Biotechinnovator mit globalem Einfluss» werden. «Wir sind noch jung, aber wir sind auf dem richtigen Weg», sagt Shen. «Es braucht Zeit, bis europäische Kund:innen uns kennen und akzeptieren.»

CoJourney – mit Geschwindigkeit und günstigen Preisen überzeugen

CoJourney versucht, eines der schwierigsten Produktionsprobleme der Biotechnologie zu lösen: sicherere, wirksamere und erschwinglichere Gentherapien herzustellen.

Gründerin Lijun Wang hat einen ähnlichen beruflichen Werdegang wie viele chinesische CEOs, die heute Schlagzeilen machen. Sie wuchs in China auf, absolvierte ihr Graduiertenstudium in den USA und arbeitete anschliessend 13 Jahre lang für Biotechunternehmen in Florida und Kalifornien.

2019 gründete sie gemeinsam mit zwei in den USA ausgebildeten chinesischen Wissenschaftler:innen das Start-up Exegenesis Bio mit Standorten in Hangzhou und Pennsylvania. Das Unternehmen entwickelt Gentherapien gegen die feuchte altersbedingte Makuladegeneration, eine schwere Augenerkrankung, sowie gegen die seltene Krankheit spinale Muskelatrophie (SMA). Das Schweizer Unternehmen Novartis vertreibt die einzige auf dem Markt erhältliche Gentherapie gegen SMA.

2023 gliederte Exegenesis das Produktionsgeschäft als CoJourney aus. Die CDMO stellt virale Vektoren, mRNA und andere Produkte her, die dabei helfen, veränderte Gene in Zellen zu übertragen. Ziel war es, dass sich Exegenesis auf die Medikamentenentwicklung fokussiert, während die von Wang geleitete CoJourney Marktchancen bei chinesischen Start-ups und internationalen Kund:innen verfolgt.

Porträt einer Frau
Wang wuchs in China auf und absolvierte ihr Studium in den USA. CoJourney

Wang kam nach Basel, um den europäischen Markt auszuloten. Ein zentraler Bestandteil ihres Verkaufsarguments gegenüber internationalen Kunden sind Tempo, Qualität und Kosteneffizienz. Laut der Website von CoJourney benötigt die Zero-Chrom-Plattform für die Herstellung gereinigter Plasmid-DNA – ein grundlegender Baustein von Gentherapien – 60% weniger Zeit und verursacht 70% geringere Kosten als weit verbreitete Verfahren. Das könnte die Kosten von Gentherapien drastisch senken, die pro Dosis häufig im Millionenbereich liegen.

Wang betont noch einen weiteren zentralen Vorteil von CoJourney als Bindeglied: Das Unternehmen könne seinen Kund:innen helfen, besondere regulatorische Verfahren wie Investigator-Initiated Trials (IITs), von Prüfärzt:innen initiierte Studien, zu durchlaufen. Auf diesem Weg können die wissenschaftlichen und ethischen Kommissionen eines Spitals selbst grünes Licht für erste Studien von Therapien am Menschen geben, ohne das übliche Zulassungsverfahren für experimentelle Medikamente zu durchlaufen.

«China beschleunigt die Entwicklung von Medikamenten, um sie erschwinglicher zu machen», sagt Wang. «Der Fokus auf die Effizienz in der Medikamentenentwicklung beschleunigt den Marktzugang. Das ist entscheidend für seltene, fortschreitende Krankheiten, die bereits im Kindesalter beginnen.»

Der beschleunigte chinesische Ansatz hat allerdings weltweit BedenkenExterner Link geweckt, wonach bei der Patientensicherheit, der Zuverlässigkeit der Daten und der Offenlegung Abstriche gemacht werden könnten. Nach dem Gespräch von Swissinfo mit Wang wurde bekannt, dass es bei jüngsten IITs zu drei TodesfällenExterner Link gekommen war. Bei allen handelte es sich um hochinnovative erste Studien am Menschen.

Wang erklärte später per E-Mail, sie glaube nicht, dass diese Todesfälle einen langen Schatten auf den chinesischen Gentherapiesektor werfen würden. Sie sprach sich für mehr Transparenz aus und sagte gegenüber Swissinfo, «neue Vorschriften [in China] werden dazu beitragen, Risiken zu managen und klare Meldewege für schwerwiegende Nebenwirkungen einschliesslich Todesfällen zu schaffen».

Sie verwies auf das Dekret 818, das am 1. Mai 2026 in Kraft trat. Dieses beschränkt IITs auf bestimmte Spitäler und leitende Prüfärzt:innen, die über eine ärztliche Zulassung, hohe ethische Standards, nachgewiesene wissenschaftliche Integrität und einschlägige klinische Fachkenntnisse verfügen. Die Vorschrift schreibt zudem strenge Qualitätsanforderungen für Hersteller vor.

«Es ist das Ziel der wissenschaftlichen Gemeinschaft, aus diesen Ereignissen zu lernen, um die Forschung voranzubringen, nicht um sie auszubremsen», sagt Wang.

Eyebright Medical – Qualitätsskeptiker:innen überzeugen

Als der deutsche Manager Thomas Zimmer 2016 auf einem Kongress für Augenchirurgie in Kopenhagen erstmals auf Eyebright Medical Technology stiess, war er skeptisch. Zimmer leitete OphthalmoPro, ein deutsches Unternehmen, das auf Produkte für Augenoperationen spezialisiert ist. Von hochwertigen, in China hergestellten Intraokularlinsen – künstlichen Linsen, die ins Auge implantiert werden – hatte er noch nie gehört.

Doch ein Test in einem deutschen Operationssaal entkräftete seine Zweifel. Während es amerikanischen und europäischen Injektionssystemen an Präzision mangelte, ermöglichte das vorgeladene System von Eyebright einen reibungslosen Zugang zum Auge.

Zimmers Erfahrung verdeutlicht eine Herausforderung, vor der chinesische Life-Sciences-Unternehmen bei ihrer internationalen Expansion stehen: Sie müssen die tief verwurzelte Skepsis im Westen gegenüber der Qualität ihrer Produkte überwinden.

Mann vor Logos
Thomas Zimmer nahm am Swiss Biotech Day teil, um auf die neue Schweizer Tochtergesellschaft von Eyebright aufmerksam zu machen. Eyebright Medical

«Die grösste Hürde bestand darin, die Chirurgen davon zu überzeugen, die Linsen zu nutzen», sagt Zimmer. Doch als immer mehr Patient:innen mit verbessertem Sehvermögen zurückkamen, wurde klar, dass das Produkt für sich sprach. Und auch die Margen waren für ihn deutlich besser.

Zimmers Unternehmen begann, enger mit Eyebright zusammenzuarbeiten und das Geschäft auf weitere Teile Europas und Asiens auszuweiten. 2025 kaufte Eyebright die deutsche Firma und gründete eine Schweizer Tochtergesellschaft als Marketingbasis für den europäischen Markt. Zimmer wurde in den Verwaltungsrat von Eyebright Switzerland berufen. «Eyebright ist Marktführer in China. Das ist keine Hinterhoffirma», sagt Zimmer. «Das Unternehmen kann viel mehr erreichen, als wir es als mittelständisches Unternehmen in Deutschland können.»

Der Swiss Biotech Day bot die Gelegenheit, Eyebright und die neue Schweizer Einheit unter Branchenkolleg:innen bekannter zu machen. Ein zentraler Bestandteil der Strategie besteht darin, die Position des Unternehmens ausserhalb Chinas durch Fusionen und Übernahmen zu stärken. Der Wettbewerb ist allerdings hart: Amerikanische und europäische Unternehmen wie Alcon und Johnson & Johnson haben den europäischen Markt für Intraokularlinsen fest im Griff.

Obwohl OphthalmoPro inzwischen einem chinesischen Unternehmen gehört, bleibt der Firmenname zumindest vorerst auf den in Europa verkauften Produkten bestehen. Zimmer räumt ein, dass es weiterhin Bedenken gibt, dass chinesische Produkte von geringerer Qualität seien. «Wir verwenden in Europa und in allen Studien weiterhin unseren Namen», sagt Zimmer. «Einem europäischen Namen wird mehr vertraut.»

Mitarbeit von Jie Guo Zehnder. Editiert von Nerys Avery/vm. Übersetzung aus dem Englischen: Michael Heger

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