Wie eine Handvoll Agrarkonzerne die Lebensmittelproduktion übernommen hat
Einige wenige Unternehmen, darunter auch Schweizer Konzerne, kontrollieren einen überproportional grossen Teil des Marktes für landwirtschaftliche Produktionsmittel wie Saatgut, Maschinen und Chemikalien. Das bremst den Wettbewerb und treibt die Preise entlang der Lieferkette in die Höhe.
Im Jahr 2025 erzielte der Agrarkonzern Syngenta mit Hauptsitz in der Schweiz allein mit dem Verkauf von Pflanzenschutzmitteln einen Umsatz von 11,3 Milliarden Franken – vier Prozent mehr als im Vorjahr.
Im Geschäftsbericht des Unternehmens findet sich eine Zahl, die einen Eindruck von Syngentas starker Stellung auf dem globalen globalen Pestizidmarkt gibt: Bei fast 1800 Pflanzenschutzmitteln hatte der Konzern eine Erst- oder Wiederzulassung beziehungsweise eine Verlängerung der Zulassung erreicht.
Dieses grosse Pestizidportfolio ist umso wertvoller geworden, als die Behörden die Anforderungen an die Zulassung und Erneuerung von Pestiziden weltweit verschärft haben, um die Gesundheit der Konsument:innen und die Umwelt zu schützen.
So hat die Europäische Union die Zahl der zugelassenen Wirkstoffe in Pestiziden in den vergangenen 25 Jahren von über 1000 auf rund 500 reduziert. Bis ein neues Pestizid in der EU zugelassen ist, kann es sieben bis zehn Jahre dauern. Die Zulassung gilt jeweils höchstens 15 Jahre.
Unternehmen mit grossen Produktportfolios und genügend Ressourcen, um Zulassungen zu erneuern und zu verlängern, haben gegenüber neuen Marktteilnehmenden im Bereich der Pflanzenschutzmittel einen erheblichen Vorteil. Das schwächt den Wettbewerb und reduziert die Auswahl für Landwirt:innen.
Wer kontrolliert was?
«Die Marktkonzentration im Agrarsektor ist sehr hoch. Die Märkte für landwirtschaftliche Produktionsmittel wie Saatgut, Pestizide und Dünger werden weltweit von einer kleinen Zahl von Unternehmen dominiert. Auch der Maschinenmarkt ist stark konzentriert», sagt Robert Finger, Professor für Agrarökonomie und -politik an der ETH Zürich.
Die Zahlen zeigen, wie stark sich die Macht bei wenigen Unternehmen konzentriert, wie ein BerichtExterner Link des Agrarforschungskollektivs ETC zeigt.
«Vor zehn Jahren kontrollierten die zehn grössten Unternehmen des weltweiten kommerziellen Saatgutsektors 40 Prozent des Marktes. Heute kontrollieren die beiden grössten Unternehmen fast 40 Prozent des Markts», sagt Taarini Chopra, Mitautorin des ETC-Berichts, gegenüber Swissinfo.
Wie gelangten so viele Vermögenswerte der Agrarindustrie in die Hände so weniger Unternehmen?
Diese Konzentration in der Industrie für landwirtschaftliche Produktionsmittel ist kein neues Phänomen. Laut Jennifer Clapp, Professorin an der University of Waterloo im kanadischen Ontario und Autorin des Buchs «Titans of Industrial Agriculture», reichen ihre Ursprünge rund 150 Jahre zurück.
Landmaschinenhersteller wie John Deere bauten grosse Industrieunternehmen auf. In den 1870er-Jahren nahmen Bauernbewegungen in den USA sie als Monopole ins Visier; dieselben Bewegungen richteten sich auch gegen Banken, Eisenbahngesellschaften und Rohstoffhändler.
Auch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts dominierten einige wenige Unternehmen den Saatgut- und den Agrarchemiesektor. In den 1980er-Jahren begannen diese Firmen zu fusionieren, um ihre Geschäfte zu konsolidieren.
In jüngerer Zeit kam es zu mehreren Megafusionen: 2018 übernahm Bayer Monsanto, 2019 schlossen sich Dow und Dupont zu Corteva Agriscience zusammen, 2018 fusionierten die Düngemittelriesen Potash Corporation und Agrium zu Nutrien, und Syngenta wurde 2017 von Chemchina übernommen, bevor Chemchina 2022 mit Sinochem fusionierte.
«Auch wenn es in diesen Branchen laufend zu Fusionen und Übernahmen kommt, traten grössere Konsolidierungsphasen historisch gesehen meist schubweise auf – typischerweise dann, wenn technologische Veränderungen neue Chancen eröffneten oder Unternehmen in Abschwungphasen versuchten, ihre Rentabilität durch eine Vergrösserung ihres Marktanteils zu steigern», sagt Clapp.
Wie wirkt sich diese Konzentration auf die Landwirt:innen aus?
Die Konzentration wirtschaftlicher Macht kann sich negativ auf die Landwirt:innen auswirken, da sie bei der Beschaffung von Saatgut, Chemikalien und Landmaschinen nur eine begrenzte Auswahl haben. Auch auf den nachgelagerten Märkten ist die Konzentration hoch: Einige wenige Unternehmen dominieren die Verarbeitung und den Detailhandel.
«Das bringt landwirtschaftliche Produzent:innen oft in eine schwierige Lage zwischen diesen konzentrierten vor- und nachgelagerten Märkten», sagt Finger von der ETH Zürich.
Die hohen Investitionen, die für die Entwicklung neuer Produkte nötig sind, schaffen zudem erhebliche Hürden für neue Marktteilnehmende, die für mehr Wettbewerb sorgen und etablierte Unternehmen zu Preissenkungen bewegen könnten.
Diese Markteintrittbarrieren werden zusätzlich dadurch verstärkt, dass die Unternehmen weiter wachsen wollen, um von Skaleneffekten zu profitieren.
«In Branchen wie Saatgut oder Pestiziden schaffen lange Produktentwicklungs- und Zulassungszyklen, hohe Entwicklungskosten und Patente zum Schutz geistigen Eigentums Markteintrittsbarrieren.
Fusionen und Übernahmen haben sich als erfolgreiche Strategie erwiesen, um Synergien in Forschung und Entwicklung zu schaffen und Skaleneffekte zu erzielen», sagt Max Koppenberg, Assistenzprofessor für Betriebswirtschaft an der Wageningen University & Research in den Niederlanden.
Kritiker:innen der Unternehmenskonzentration argumentieren zudem, dass die Abhängigkeit von nur wenigen Unternehmen Landwirt:innen anfälliger für Schocks wie die Blockade der Strasse von Hormus machen könne.
«Bei jedem Angebotsschock wird ein System wie unser heutiges industrielles Ernährungssystem deutlich anfälliger sein. Und der Krieg im Iran ist natürlich ein gutes Beispiel dafür. Die Düngerpreise schiessen in die Höhe, die Lebensmittelpreise steigen sprunghaft und der Hunger hat zugenommen», sagt Chopra.
Ist das legal?
Die Konzentration wirtschaftlicher Macht ist an sich nicht illegal. Ein marktbeherrschendes Agrarunternehmen kann jedoch gegen das Kartellrecht verstossen, wenn es beispielsweise Produkte unter dem Selbstkostenpreis verkauft, um den Wettbewerb zu unterdrücken. Auch Fusionen, die in einem Markt mit wenigen Akteuren Macht bündeln, können die Wettbewerbsbehörden auf den Plan rufen.
Koppenberg gibt allerdings zu bedenken, dass eine hohe Konzentration nicht zwangsläufig zu einem Missbrauch von Marktmacht führe.
Als Beispiel nennt er den Lebensmitteldetailhandel, der in vielen Volkswirtschaften stark konzentriert ist: Die Detailhandelsunternehmen stehen in intensivem Wettbewerb miteinander, was zu geringen Gewinnmargen und vergleichsweise tiefen Preisen für Konsument:innen führt.
«In vielen Branchen für landwirtschaftliche Produktionsmittel sehen wir eine hohe Konzentration, die sich nicht in hohen Gewinnmargen niederschlägt, da die Unternehmen ihre Bruttogewinne in Marketing, Vertrieb sowie Forschung und Entwicklung investieren müssen, um ihre Marktanteile zu halten», sagt Koppenberg.
Wie lässt sich die Marktmacht von «Big Agri» eindämmen?
Eine Möglichkeit, die Marktmacht dieser Unternehmen zu begrenzen, sind politische Massnahmen, die die Markteintrittsbarrieren für neue Unternehmen senken. Koppenberg empfiehlt etwa, die Zulassungsverfahren für neue Pflanzenschutzmittel zu beschleunigen.
Eine weitere Strategie besteht darin, die Gültigkeitsdauer von Patenten zu begrenzen. Koppenberg warnt jedoch, dass dies nach hinten losgehen könnte.
«Eine Einschränkung der Rechte an geistigem Eigentum könnte zu einem intensiveren Wettbewerb führen und damit die Preise der Produktionsmittel für Landwirt:innen senken, würde aber gleichzeitig die Anreize für Investitionen in Forschung und Entwicklung verringern, da die wirtschaftlichen Erträge nicht mehr ausschliesslich dem innovierenden Unternehmen zugutekämen», sagt er.
Ein weiteres Instrument ist das Kartell- bzw. Wettbewerbsrecht sowie dessen Durchsetzung. So stellten sich die Wettbewerbsbehörden in den USA und der EU zunächst gegen die Übernahme von Monsanto durch Bayer.
Letztlich wurde sie zugelassen, allerdings erst nach umfangreichen Veräusserungen von Geschäftsbereichen. Unter anderem verkaufte Bayer sein globales Saatgutgeschäft an den Konkurrenten BASF.
Die Wettbewerbsbehörden verfügen über quantitative Instrumente zur Messung der Marktkonzentration, wie etwa den Herfindahl-Hirschman-Index (HHI).
In einem Markt mit vielen kleinen Anbietern ist dieser Wert tief; gibt es nur ein einziges Unternehmen, erreicht er den Höchstwert von 10’000.
In den USA stufen die Kartellbehörden jeden Markt mit einem HHI von über 1800 als stark konzentriert ein; eine Veränderung um mehr als 100 Punkte gilt als signifikanter Anstieg.
Editiert von Virginie Mangin/gw, Übertragung aus dem Englischen: Michael Heger/jg
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