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Flucht aus Rhodesien: «Aber etwas von mir blieb immer in Afrika»

Mädli mit einem Hund
Marina mit einem ihrer Hunde – ein Rhodesian-Ridgeback-Doggen-Mix – in ihrem Garten in Rhodesien irgendwann Mitte der Siebzigerjahre. ZVG

Marina Biber war acht Jahre alt, als sie mit ihrer Familie das damalige Rhodesien verliess und in die Schweiz kam. In einem Swissinfo-Artikel entdeckt sie sich zufällig auf alten Fernsehaufnahmen wieder. Jetzt erzählt sie uns ihre Geschichte.

Manchmal genügt eine Schlagzeile, um eine Reise in die eigene Vergangenheit auszulösen: Anfang 2026 stösst Marina Biber beim Scrollen durch die News auf einen Swissinfo-Artikel über einen Schweizer, der als Kind im damaligen Rhodesien zur Adoption freigegeben wurde. Sie liest den Artikel und schaut sich den dazu publizierten SRF-Beitrag über Auslandschweizer in Rhodesien in den Siebzigerjahren an.

Da entdeckt sie ihren inzwischen verstorbenen Vater im Video.

Marinas Vater in Rhodesien
Im Rundschau-Beitrag von 1978 entdeckte Marina ihren «Daddy». SRF

«Ich habe einen Screenshot gemacht und ihn meiner Mutter geschickt», erzählt sie. «Ist das Daddy?», schrieb sie dazu. Ihre Mutter bestätigte es umgehend.

Die Aufnahmen stammen aus einer Zeit, an die sich Marina nur noch vage erinnert. Im vollständigen Beitrag aus dem SRF-ArchivExterner Link entdeckt sie auch sich selbst: ein kleines Mädchen in Rhodesien, vor mehr als vierzig Jahren.

«Ich war wirklich ein bisschen geschockt», sagt sie.

Marina bei Juckers im Garten
Marina Biber entdeckt sich im Rundschaubeitrag schliesslich auch noch selbst. SRF

Marina Biber ist 1972 im damaligen Rhodesien (heute Simbabwe) geboren. Ihre Mutter kam als junge Frau aus Kenia nach Rhodesien und wurde kurze Zeit später mit Marina schwanger. Noch während der Schwangerschaft verliess sie Marinas leiblichen Vater. Später lernte sie einen ausgewanderten Schweizer Uhrmacher kennen und heiratete ihn. Er adoptierte Marina und wurde zu ihrem Schweizer «Daddy».

Marinas Familiengeschichte verbindet mehrere Kontinente: Sie hat italienische Wurzeln und eine schottische Grossmutter. Sie wurde in Afrika geboren, wuchs im damaligen Rhodesien auf und kam als Achtjährige mit ihrer Mutter und ihrem Adoptivvater in die Schweiz.

Heute lebt sie in Kreuzlingen. Doch ein Teil von ihr hat Afrika nie ganz verlassen.

Ein grosses Haus, Pferde und ein weiter Himmel

Marina erinnert sich an Pferde, Hunde, ein grosses Grundstück und Kinder, die draussen herumrennen. Besonders geblieben ist ihr der weite Himmel, der ihr grösser schien als alles, was sie später in der Schweiz kennengelernt hat.

«Ich habe als Kind nie verstanden, warum mich ein weiter Himmel so tief berührt», sagt sie. Wenn sich der Blick heute irgendwo öffne und der Himmel weit werde, spüre sie manchmal noch dieses alte Gefühl.

Marina in der Schule
Marina besuchte in Rhodesien bereits die Schule – sie sitzt in der vordesten Reihe, die zweite von rechts. ZVG

Erst als sie mit 24 Jahren erstmals als junge Erwachsene nach Afrika zurückkehrte, verstand sie, woher es kommen könnte. «So viel Himmel. Und ganz andere Sterne und Wolkenformationen», erzählt Marina bewegt. Auch afrikanische Musik löst bis heute etwas in ihr aus.

Konkret erinnert sie sich noch, dass die Regale in den Geschäften in Rhodesien immer leerer wurden. Dass es gewisse Dinge nicht mehr gab. Dass nachts Helikopter zu hören waren – ein Geräusch, das bei ihr auch heute noch ein Flashback auslösen kann. Und dass ihr «Daddy» irgendwann eine Pistole unter dem Kopfkissen hatte, um notfalls die Familie zu schützen. Die Sicherheitslage hatte sich verschlechtert.

Die meisten Erinnerungen sind trotzdem gute. Bis zu jenem Samstag.

Der Tag, an dem alles anders wurde

Marina nahm regelmässig Reitstunden. Das Gestüt war ein Treffpunkt von Expat-Familien. Kinder kümmerten sich um die Tiere und spielten miteinander.

An jenem Samstag war die Familie noch zu einem anderen Fest eingeladen. Nach Marinas Reitstunde brachen sie auf.

Es war der Tag, an dem der Stall überfallen wurde. Menschen und Tiere wurden getötet.

Marina wusste als Kind nicht, was passiert war. Ihr «Daddy» erzählte ihr die ganze Geschichte erst viele Jahre später. Er hatte damals einen Zeitungsartikel aufbewahrt. Darin war das Foto eines getöteten weissen Mädchens zu sehen, ungefähr in Marinas Alter.

«Daddy hat gesagt: Das hätte Marina sein können. Wir müssen weg», erzählt sie. Ob jemand gestorben ist, den sie kannte, weiss sie nicht.

Weniger als eine Woche später sass die Familie im Flugzeug Richtung Schweiz. Für die achtjährige Marina war die Abreise als Kind zunächst ein Abenteuer. In der Schweiz gab es Schnee. Alles war neu.

Marina mit Familie in Rhodesien
Hier war das Leben in Rhodesien noch in Ordnung: Marina auf dem Schoss einer Freundin der Familie, links ihre schottische Grossmutter, rechts ihre Mutter. ZVG

Für ihre Mutter war es etwas ganz anderes. Sie hatte ihr ganzes bisheriges Leben in Afrika verbracht. Sie wollte nicht weg. Sie hatte ein Zuhause, Freunde, Tiere und ihre ganze vertraute Welt zurücklassen müssen.

«Für meine Mutter war das wohl traumatisch», sagt Marina. Sie selbst hat die Flucht als Kind nie so bezeichnet. Erst viel später wurde ihr bewusst, dass ihre Familie im Grunde als Flüchtlinge in die Schweiz gekommen war.

Nur dass ihr Adoptivvater Schweizer war.

Er hatte Eltern und Geschwister in der Schweiz, die der Familie zunächst Unterkunft boten. Zudem konnte er hier eine neue Existenz aufbauen. «Das war ein Privileg», sagt Marina.

Der Schock der Flucht

Die Familie liess sich zunächst in Interlaken nieder, später im Zürcher Oberland. In Hinwil besuchte Marina den Kindergarten und die Schule und lernte Deutsch. Zu Hause spricht sie bis heute Englisch mit ihrer Mutter.

Ihre Eltern gingen mit der Flucht unterschiedlich um. Während ihr Vater in der Schweiz eine neue Existenz aufbaute und ein Uhrengeschäft übernahm, blieb ihre Mutter innerlich mit Afrika verbunden. Die Ehe zerbrach einige Jahre nach der Ankunft. Ihre Mutter wurde alkoholabhängig, schaffte es später aber, trocken zu werden.

Heute lebt sie noch immer in der Schweiz. «Sie hat fest Heimweh», sagt Marina.

Eine Rückkehr nach Simbabwe war aufgrund der dortigen Verhältnisse nicht mehr möglich. Gesundheitliche und finanzielle Gründe kamen hinzu. Ihre Mutter arbeitete auch nach der Scheidung lange für ihren früheren Mann und dessen Uhrengeschäft, teilweise ohne finanzielle Absicherung.

Marina erzählt das nicht vorwurfsvoll. Eher mit einer Mischung aus Verständnis und Traurigkeit. Ihre Mutter habe eigentlich immer gehofft, dass sie eines Tages nach Simbabwe zurückkehren würden.

Mit einem Namen und einem Telefonbuch

Marina selbst begann ihre Suche nach Afrika viele Jahre später. 1996 reiste sie mit einer Freundin nach Südafrika und Simbabwe. Sie wollte ihren leiblichen Vater finden. Viel hatte sie nicht: seinen Vor- und Nachnamen.

Heute würde man vermutlich online suchen. Damals durchforstete Marina Telefonbücher. Sie fand ihn nach langer Suche und erfuhr, dass sie väterlicherseits einen Halbbruder und zwei Halbschwestern hat. Mit ihrem Halbbruder steht sie bis heute in Kontakt.

Die Beziehung zu ihrem leiblichen Vater blieb schwierig.

Die alten Videoaufnahmen haben Marinas Blick auf ihre Herkunft verändert. Sie schämt sich dafür, wie darin über die schwarze Bevölkerung gesprochen wird. «Das ist für mich wirklich schlimm», sagt sie.

Sie weiss, dass sie in einer von einer weissen Minderheit geprägten Gesellschaft aufwuchs. Gleichzeitig passt ihre eigene Familiengeschichte nicht einfach in eine Schublade. Ihre Mutter habe immer wieder gemischte Freundschaften und Beziehungen gehabt. Marina versucht, diese widersprüchlichen Erinnerungen auszuhalten.

Der ganze Rundschaubeitrag aus dem Jahr 1978:

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Afrika war nie ganz weg

Nach ihrer Rückkehr von der 1996-er-Reise wurde Afrika im Schweizer Alltag weniger präsent.

Sie heiratete, bekam drei Kinder und arbeitete. Zuerst als Radiologiefachfrau, später im sozialen Bereich. Seit zwei Jahren arbeitet sie in der medizinischen Bildgebung am Tierspital Zürich. Und von dort führt ein Weg zurück nach Afrika.

Marina Biber
Marina Biber ZVG

Jetzt geht Marina für ein veterinärmedizinisches Projekt nach Simbabwe. Zwei Wochen will sie auf einer Farm verbringen, wo Wildtiere beobachtet und geschützt werden. Die dritte Woche möchte sie nutzen, um ihre Wurzeln zu erkunden. Doch viele raten ihr davon ab. Es sei zu gefährlich alleine als Frau zu reisen. Deshalb ist sie noch unsicher, wie viel sie von ihrer früheren Heimat sehen wird.

Auch ihren drei Kindern im Teenageralter würde Marina ihre Herkunft gerne einmal zeigen. Doch bisher hat sich das nicht ergeben.

Ihre Geschichte kennen sie. Aber Simbabwe ist für sie weit weg. Marina hat ihnen ihre afrikanische Herkunft nie besonders stark vermittelt. Sie spricht mit ihnen darüber, aber im Alltag spielt sie kaum eine Rolle. «Ich zelebriere es nicht.»

Vielleicht kommen ihre Kinder irgendwann mit. Vielleicht auch nicht. Marina möchte zunächst selbst gehen. Sie will wissen, was passiert, wenn sie wieder afrikanischen Boden unter den Füssen hat.

«Ich habe ganz fest das Bedürfnis, wieder afrikanische Erde zu betreten und zu schauen, was sie mit mir macht», sagt sie. Marina weiss nicht, ob die Reise ihre Erwartungen erfüllen wird. Vielleicht kommt sie zurück und sagt: Es war schön. Jetzt ist es gut. Vielleicht wird der Wunsch nach Afrika danach noch stärker sein.

Editiert von Balz Rigendinger.

In diesem Artikel stiess Marina auf die alten Aufnahmen:

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