Faschismus in der Schweiz: Wie der Kult um den Duce aufs Tessin übergriff – und ein Ende fand
Die faschistische Ideologie griff in den 30er-Jahren von Italien aufs Tessin über – bis sie in einer Wahl abgestraft wurde.
«Die neue Jugend des Tessins» lautet der Titel über der Fotografie. Männer in schwarzen Hemden stehen dicht beieinander. Viele lächeln, einige legen den Arm um die Schulter des Nachbarn. Hinter ihnen sind die Wimpel von Tessiner Ortschaften mit der Aufschrift «Zu uns!» zu sehen. Die Zeitung präsentiert sie als die Zukunft des Kantons. Eine faschistische Zukunft.
Der Faschismus entsteht in Italien nach dem Ersten Weltkrieg. Mussolini verspricht Ordnung und nationale Wiedergeburt. Faschistische Kampfverbände greifen politische Gegner und Arbeiterorganisationen an. 1922 gelangt er an die Regierung und beginnt mit dem Aufbau einer Diktatur. Die Zensur erstickt die Presse, Oppositionelle werden verfolgt. Die Partei beansprucht, die gesamte Gesellschaft um den Kult des Duce zu organisieren.
Dieser Kult breitet sich rasch über die Grenze aus. Im Mai 1921 entsteht in Lugano unter den Emigranten der erste italienische Kampfbund im Ausland. Die mit Rom verbundenen Organisationen versuchen, die in der Schweiz ansässigen Italiener zu vereinen und zu vereinnahmen. 1933 wird eine gesamtschweizerische faschistische Bewegung gegründet, angeführt vom Waadtländer Oberst Arthur Fonjallaz. Der Tessiner Vertreter ist Nino Rezzonico.
Eine Kampfzeitung
Am 14. Dezember 1933 erscheint die erste Ausgabe von «Il Fascista Svizzero», dem Organ der faschistischen Föderation des Kantons Tessin. Neben dem politischen Programm finden die Chroniken der Sektionen und die Versammlungen der Frauengruppen Platz. Es gibt Feste für die Familien, sogar Lieder. Die Zeitung bietet den Militanten eine Welt, in der sie sich wiedererkennen können.
Das Versprechen ist das einer «perfektionierten Demokratie». Durch die Zeitungsspalten schwingt der Appell ans Volk, ebenso wie das Misstrauen gegenüber den historischen Parteien und die Hoffnung auf neue entscheidungsfähige Männer. Die Pressefreiheit wird mit «Defaitismus» assoziiert. Das Projekt leiht sich die Worte der Demokratie aus, um deren Freiheiten und Pluralismus anzufechten.
Die Politik des Alltags
Die «Musi duri» (Harthäupter) von Mendrisio posieren für eine Fotografie. Der Name steht für Standhaftigkeit, das Porträt inszeniert den Zusammenhalt der Gruppe. In Lugano hat Elvezio Grassi, Besitzer der Bar Argentino, im ersten Stock einen Raum eingerichtet, der mit Porträts des Duce tapeziert ist. Die politische Zugehörigkeit wird auch in der Vertrautheit einer Gesellschaft und eines Treffpunkts gepflegt.
Auch Kinderfeste haben eine politische Funktion. Ein Foto zeigt eine «Befana fascista» in Lugano, ein traditionelles Fest zum Dreikönigstag. Mütter posieren zusammen mit ihren Kindern. Das Verteilen der Geschenke verknüpft Fürsorge und Propaganda. Die Bewegung versucht, ihre Präsenz an eine von den Familien erwartete Geste zu binden, an die Erinnerung an ein Fest.
Schauen Sie dazu den RSI-Beitrag (auf Italienisch mit deutschen Untertiteln):
Der Kanton wird von Spannungen bezüglich seiner «Italianità» und seiner Stellung in der Eidgenossenschaft durchzogen. Einige Faschisten träumen von der Annexion durch Italien. Andere betrachten die Mussolini-Diktatur als Vorbild. Wieder andere suchen einen Tessiner Weg zum Faschismus.
Doch die breite Bevölkerung zeigt sich davon unbeeindruckt. Im Jahr 1935 erobert die Bewegung von Fonjallaz und Rezzonico bei den Wahlen im Tessin keinen einzigen Sitz im Grossen Rat. Von den 47’000 Wählern stimmten nur 546 für die Faschisten.
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