Fortschritte bei personalisierten Krebsimpfstoffen – kann die Schweizer Pharmaindustrie Schritt halten?
Impfstoffe, die auf den Tumor jedes einzelnen Patienten zugeschnitten sind, erscheinen nach positiven Studienresultaten bei Melanomen vielversprechend. Doch dann erlitt ein von Roche unterstützter Impfstoff einen Rückschlag. Was bedeutet das für die Schweizer Pharmabranche?
Jahrzehntelang versprach die Idee eines Krebsimpfstoffs mehr, als sie hielt. Das könnte sich nun ändern. Im Sommer dieses Jahres gaben die US-amerikanischen Unternehmen Moderna und MSD (in den USA als Merck bekannt) die erste erfolgreiche Phase-III-Studie eines mRNA-Impfstoffs bekanntExterner Link, der auf den jeweiligen Tumor einzelner Patient:innen zugeschnitten war.
Er wurde Patient:innen verabreicht, denen ein Melanom operativ entfernt worden war, und verringerte das Risiko eines Wiederauftretens der Erkrankung.
«Das hat eindeutig das Potenzial, ein Durchbruch zu sein», sagt Olivier Michielin, Leiter der Onkologie am Universitätsspital Genf. Er arbeitete bereits vor über 20 Jahren an experimentellen therapeutischen Krebsimpfstoffen.
Damals konnten Wissenschaftler:innen zwar beobachten, dass die Impfstoffe das Immunsystem aktivierten, doch dies führte nicht zu nennenswerten gesundheitlichen Vorteilen für die Patient:innen.
Krebsimpfstoffe lassen sich in zwei grosse Kategorien einteilen:
– Präventive Impfstoffe, wie beispielsweise gegen HPV und Hepatitis B, schützen vor Infektionen, die später Krebs verursachen können; Forscher:innen testen zudem Impfstoffe zur Krebsprävention bei Menschen mit hohem Risiko.
– Therapeutische Krebsimpfstoffe werden Menschen verabreicht, die bereits an Krebs erkrankt sind oder deswegen behandelt wurden. Sie wirken als eine Form der Immuntherapie und trainieren das Immunsystem darauf, Krebszellen zu erkennen und anzugreifen.
Dieser Artikel befasst sich mit therapeutischen Impfstoffen und insbesondere mit personalisierten Impfstoffen, die auf die im Tumor individueller Patient:innen gefundenen Mutationen zugeschnitten sind und mit der mRNA-Technologie hergestellt werden, wie sie auch bei den Covid-Impfstoffen zum Einsatz kommt.
Doch nur neun Tage nach der Ankündigung von Moderna und MSD meldeten sich auch das deutsche Immuntherapie-Pionierunternehmen BioNTech und Genentech, eine Tochtergesellschaft des Schweizer Pharmariesen Roche, zu Wort.
Sie teilten den Abbruch einer erfolglosen Phase-II-StudieExterner Link ihres eigenen personalisierten mRNA-Impfstoffs gegen Darmkrebs mit. Die beiden Unternehmen testen denselben Impfstoff weiterhin gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Was verraten diese gegensätzlichen Ergebnisse darüber, wo personalisierte Impfstoffe am besten wirken könnten? Die Antwort hat unterschiedliche Konsequenzen für die beiden Schweizer Pharmariesen: Roche ist durch seine langjährige Partnerschaft mit BioNTech beteiligt, während der Konkurrent Novartis noch nicht in diesem Bereich aktiv ist.
Ermutigende Ergebnisse
Der von Moderna und MSD entwickelte Impfstoff «Intismeran Autogene» ist personalisiert: Jede Dosis wird speziell für individuelle Patient:innen hergestellt und zielt auf die Mutationen des jeweiligen Tumors ab.
In Kombination mit der Immuntherapie Pembrolizumab (vermarktet unter dem Namen Keytruda) zeigte die Studie laut den Unternehmen, dass der Impfstoff das Wiederauftreten oder die Ausbreitung von Melanomen im Vergleich zu Keytruda allein signifikant verzögerte. Ob er die Lebenserwartung der Patient:innen verlängert, ist noch nicht bekannt.
Die vollständigen Ergebnisse der Phase-III-Studie – der letzten Testphase vor der Zulassung des Impfstoffs durch die Aufsichtsbehörden – werden Ende Oktober präsentiert. In einer früheren, kleineren Studie reduzierte die Kombination das Risiko eines Krebsrezidivs fast um die Hälfte.
Sollten die vollständigen Ergebnisse der Phase-III-Studie die Ergebnisse der kleineren Studie bestätigen, wäre dies «unglaublich bedeutsam», sagt Michielin, insbesondere da Keytruda allein bereits eine wirksame Therapie darstellt.
Er weist darauf hin, dass diese Studie mehrere Ansätze gleichzeitig bestätigen könnte: mRNA als Krebstherapie, tumorspezifische Mutationen als Angriffspunkte und individuell entwickelte Therapien für einzelne Patient:innen.
Die Finanzmärkte reagierten entsprechend:Externer Link Die Moderna-Aktie legte im vorbörslichen Handel nach der Bekanntgabe der Phase-III-Ergebnisse um bis zu 60% zu. Auch MSD-Aktien stiegen im Kurs, wenn auch nur um deutlich moderatere 6%.
Der Unterschied liege hauptsächlich in der Grösse der Unternehmen, so Stefan Schneider, Senior Equity Analyst für den Pharmasektor beim Schweizer Investmenthaus Vontobel und ausgebildeter Virologe.
Für Moderna könnte ein erfolgreicher Krebsimpfstoff eine bedeutende neue Einnahmequelle darstellen, während er für MSD, einen der weltweit grössten Arzneimittelhersteller, nur eine kleine Ergänzung seines Geschäfts wäre.
Warum war die eine Studie erfolgreich, während die andere scheiterte?
Michielin und Schneider verweisen auf mehrere Unterschiede zwischen den Studien von MSD-Moderna und Roche-BioNTech. Der erste betrifft die Krebsart selbst.
Das Melanom weist eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Mutationen auf, was einem personalisierten Impfstoff zahlreiche Angriffspunkte bietet, und es gehört zu den Krebsarten, bei denen die Immuntherapie bereits sehr gut wirkt.
Im Gegensatz dazu sind die meisten Darmkrebserkrankungen «kalte» Tumore, die nur wenige krebsbekämpfende Immunzellen enthalten und oft schlecht auf bestehende Immuntherapien ansprechen.
Der zweite Aspekt betrifft die Anwendung des Impfstoffs. Der Impfstoff von Moderna wurde mit Keytruda kombiniert, das verhindert, dass Tumore die Immunzellen ausschalten, die sich ihnen nähern. Der Impfstoff von Roche und BioNTech, Autogene Cevumeran, wurde als Einzelsubstanz bei Darmkrebs getestet.
In einer früheren Studie hatten Roche und BioNTech denselben Impfstoff ebenfalls bei Melanomen zusammen mit Keytruda getestet, und er verfehlte sein primäres Wirksamkeitsziel.
Diese Patient:innen hatten eine fortgeschrittene, bereits metastasierte Erkrankung oder der Tumor konnte nicht operativ entfernt werden, während in Modernas Studie Patient:innen im Anschluss an eine Operation behandelt wurden.
Roche ist jedoch vorsichtig, was Schlussfolgerungen betrifft. In einer schriftlichen Antwort an Swissinfo erklärte das Unternehmen, seine Melanomstudie sei «nicht darauf ausgelegt gewesen zu testen, ob die adjuvante Therapie jener im metastasierten Stadium vorzuziehen ist» – also die Behandlung von Patient:innen im Anschluss an eine Operation jener in einem fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung.
In dieser Forschungsphase kann kein einzelner Faktor die unterschiedlichen Ergebnisse erklären – auch die Darmkrebspatient:innen wurden nach ihrer Operation behandelt. Insgesamt deuten die Ergebnisse jedoch darauf hin, dass personalisierte Impfstoffe in einem frühen Stadium am besten wirken könnten – und zwar bei Krebsarten, die das Immunsystem bereits erkennt, sagt Michielin.
Die wichtigste offene Frage für Schneider ist, ob Impfstoffe auch bei sogenannten «kalten Tumoren» helfen können, bei denen die Immuntherapie derzeit wenig bewirkt. Genau dort könnte ein Impfstoff den grössten Unterschied machen, was – so vermutete er – der Grund dafür sein könnte, dass Roche sich auf diese Tumore konzentriert.
Roche und BioNTech testen Externer Linkihren Impfstoff in einer Studie zur Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs, einem weiteren «kalten» Tumor. Die Studie kombiniert den Impfstoff mit einer von Roche entwickelten Immuntherapie und Chemotherapie nach der Operation.
Die Ergebnisse könnten zur Beantwortung dieser Frage beitragen, doch laut Studienregister werden sie voraussichtlich nicht vor 2031 vorliegen.
Personalisierte mRNA-Impfstoffe werden hauptsächlich von zwei Partnerschaften entwickelt.
Moderna und MSD testen einen mRNA-Impfstoff (Intismeran Autogen) in neun Studien der mittleren und späten Phase. Im Fokus stehen Melanome sowie Lungen-, Blasen- und Nierenkrebs. In einer grossen Lungenkrebsstudie wird der Impfstoff allein getestet.
Roche und BioNTech haben einen mRNA-Impfstoff (Autogene Cevumeran) in vier Studien der mittleren Phase getestet. Eine davon läuft weiter, und zwar bei Bauchspeicheldrüsenkrebs: Dort wird der Impfstoff nach einer Operation mit Roches Immuntherapie und einer Chemotherapie kombiniert. Ergebnisse werden erst in einigen Jahren erwartet. Eine Studie zu Darmkrebs wurde im August 2026 wegen fehlender Wirksamkeit gestoppt. Eine frühere Studie zu fortgeschrittenem Melanom scheiterte 2025. Eine Studie zu Blasenkrebs, kombiniert mit einer Immuntherapie eines Konkurrenzunternehmens, wurde 2025 nach einem Sicherheitsproblem pausiert und 2026 eingestellt.
Auch andere personalisierte Ansätze, die auf anderen Technologien als mRNA basieren, werden getestet. Das französische Biotech-Unternehmen Transgene etwa testet einen personalisierten Impfstoff auf Basis eines modifizierten Virus. Er wird nach einer Operation bei Kopf- und Halskrebs allein verabreicht und befindet sich derzeit in einer Studie der mittleren Phase.
Auch Impfstoffe «von der Stange», die auf Merkmale abzielen, die die Tumoren vieler Patient:innen gemeinsam haben, statt individuell zugeschnitten zu sein, befinden sich in Studien der späten Phase. BioNTech testet einen solchen Impfstoff bei fortgeschrittenem Kopf- und Halskrebs. Das französische Biotech-Unternehmen OSE erwartet 2028 Ergebnisse aus einer Phase-III-Studie zu einem Lungenkrebsimpfstoff. Doch das Geschäft ist hochriskant: Die dänische Firma IO Biotech ging dieses Jahr pleite, nachdem ihr Melanom-Impfstoff in einer Studie der letzten Phase knapp sein Ziel verfehlte.
Insgesamt wurden seit dem Jahr 2000 mehr als 2000 Studien zu therapeutischen Krebsimpfstoffen gestartet, wie aus einer StudieExterner Link von 2025 hervorgeht.
Zwei Schweizer Pharmagiganten, zwei unterschiedliche Strategien
Die grossen Pharmakonzerne haben bereits früher auf RNA-basierte Medikamente gesetzt. Vor rund 25 Jahren investierten grosse Arzneimittelhersteller massiv in diese Entwicklung, zogen sich dann aber um 2010 weitgehend zurück, als die Fortschritte langsamer als erhofft verliefen, so Schneider.
Als sie in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre zurückkehrten, taten sie dies meist in Partnerschaften mit Spezialisten, anstatt Unternehmen komplett zu übernehmen. Roche gehörte dazu: Seine US-Tochter Genentech schloss sich 2016 mit BioNTech zusammen, um personalisierte Krebsimpfstoffe zu entwickeln, und teilte sich Kosten und Gewinne.
Für Schneider hat Roche «alle Voraussetzungen, um ganz vorne mitzuspielen». Das Diagnostikgeschäft des Unternehmens kann die für die Entwicklung personalisierter Therapien notwendigen Tumortests unterstützen; Roche verfügt über langjährige Erfahrung darin, Therapien auf die molekularen Merkmale der Krebserkrankung von Patient:innen abzustimmen und sein Checkpoint-Inhibitor Tecentriq kann mit einem Impfstoff kombiniert werden.
Die Einsatzmöglichkeiten sind jedoch überschaubar. Schneider berücksichtigt den Impfstoff nicht in seiner Bewertung von Roche, und selbst ein Erfolg würde für ein Unternehmen dieser Grösse nur einen geringen Mehrwert darstellen.
Novartis, der andere Schweizer Pharmariese, arbeitet nicht – zumindest nicht öffentlichExterner Link – an personalisierten mRNA-Krebsimpfstoffen, obwohl er sowohl in der RNA-Technologie als auch in der Onkologie aktiv ist.
In einer schriftlichen Antwort an Swissinfo erklärte das Unternehmen, es werde «Chancen verfolgen, bei denen wir glauben, dass Novartis einen differenzierten Beitrag für Patienten leisten kann». Schneider sieht diesen Ansatz als eine betriebswirtschaftliche Kalkulation: Das Unternehmen konzentriert sich auf die Erneuerung von Produkten, deren Patentschutz ausläuft. Personalisierte Impfstoffe würden den Eintritt in ein neues Gebiet bedeuten, für ein Produkt, dessen Rentabilität noch unklar ist.
Der Produktionsengpass
Selbst wenn Krebsimpfstoffe die behördliche Zulassung erhalten, müssen noch erhebliche praktische Hürden überwunden werden.
Jeder Impfstoff muss individuell für einzelne Patient:innen hergestellt werden. «Man muss die Tumorsequenz entnehmen, die RNA herstellen, sie synthetisieren, verpacken, zurück ins Krankenhaus schicken und sie dann injizieren», erklärte Michielin.
Aktuell dauert das etwa sechs Wochen – für Patient:innen mit einer schnell fortschreitenden Erkrankung kann allein diese Wartezeit darüber entscheiden, ob ein personalisierter Impfstoff eine realistische Behandlungsoption darstellt.
Laut Schneider besteht die Erwartung, dass sich der Zeitrahmen auf etwa vier Wochen verkürzen könnte, und Michielin hofft, dass der Prozess schlanker wird, zum Beispiel durch die Herstellung von Impfstoffen vor Ort in Universitätskliniken anstatt durch den Transport aller Produkte zu grossen Fabriken.
Ein weiteres Problem ist der Preis. Die meisten Medikamente werden mit steigendem Produktionsvolumen günstiger, doch bei einem Produkt, das für eine einzelne Person hergestellt wird, lassen sich Skaleneffekte nur schwer erzielen. Michielin betont, die Kosten müssten weiterhin «ganz oben auf unserer Prioritätenliste stehen».
Die Behandlung werde voraussichtlich teuer sein, merkt Schneider an, doch er gehe nicht davon aus, dass die Kosten das Geschäftsmodell gefährden würden: Krebsmedikamente erzielen bereits hohe Preise, und andere personalisierte Therapien, wie beispielsweise CAR-T-Zelltherapien, haben es bereits auf den Markt geschafft.
Vom Erfolg der Studien zur klinischen Anwendung
Bislang wurde noch kein personalisierter mRNA-Krebsimpfstoff zugelassen, und Moderna und MSD haben noch keinen Zulassungsantrag gestellt. Michielin rät interessierten Patient:innen, ihre Onkolog:innen zu fragen, ob eine geeignete klinische Studie oder ein Zugangsprogramm existiert. Selbst bei überzeugenden finalen Daten, so warnte er, würde ein breiterer Zugang noch «viele, viele Monate» dauern.
Es ist nicht zu erwarten, dass Krebsimpfstoffe bestehende Therapien ersetzen werden. Schneider sieht sie als «eine zusätzliche Option» für einige Patient:innen. Sollten sie sich als wirksam erweisen, rechnet Michielin damit, dass Impfstoffe ein wichtiges Instrument für Ärzt:innen werden, aber kein Allheilmittel. «In der Onkologie haben wir erkannt, dass selten nur eine einzige Strategie zum Erfolg führt», sagt er.
Editiert von Nerys Avery/vm/gw; Übertragung aus dem Englischen von Petra Krimphove/cm
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