Forschung wird zunehmend ausgelagert
Die Schweizer Privatwirtschaft hat zwischen 2000 und 2004 ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung (F+E) an Dritte mehr als verdoppelt.
Sie hat jedoch Mühe, hochqualifizierte Schweizer Wissenschafter zu rekrutieren, wie eine Erhebung zeigt. Ein Drittel des gesamten F+E-Personals sind Ausländer.
Die Schweizer Privatwirtschaft lagert immer häufiger Forschung und Entwicklung (F+E) an andere Unternehmen aus. Die Aufwendungen an Dritte haben sich von 2000 bis 2004 mehr als verdoppelt.
Aber auch in der eigenen Firma ist F+E wichtiger geworden. Die Kosten für F+E im eigenen Unternehmen haben von 7,9 Mrd. auf 9,7 Mrd. Franken zugenommen, wie eine am Dienstag veröffentlichte Erhebung des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigt. Die Steigerung entspricht einem realen Plus von 18%.
Die Pharmabranche führt dabei die Rangliste an. Sie liegt mit einem Anteil von 37% vor der Maschinenbranche (16%), Forschung und Entwicklung (14%) und Informations- und Kommunikationstechnologien (9%). Die vier Branchen machen drei Viertel der gesamten Aufwendungen aus.
Grosser Teil an ausländische Filialen
Ein grosser Teil der Forschung und Entwicklung wird von Schweizer Unternehmen über Filialen im Ausland abgewickelt. Im Jahr 2004 investierte die schweizerische Privatwirtschaft so 9,6 Mrd. Franken, annähernd gleich viel wie im Jahr 2000.
Stark gewachsen sind die Kosten für Aufträge und Beiträge an andere Unternehmen. Mit 4,05 Mrd. Franken ist der Betrag mehr als doppelt so hoch wie im Jahr 2000 (1,8 Mrd. Franken).
2,4 Mrd. Franken gelangten davon an Unternehmen im Ausland (2000: 1,1 Mrd. Franken). Die Aufträge an andere Schweizer Unternehmen stiegen von 591 Mio. auf 1,4 Mrd. Franken.
Vor allem die Pharmabranche vergibt immer mehr Aufträge und Beiträge an andere Unternehmen, diese machen mehr als drei Viertel am Total aus. Die Pharma-Aufwendungen stiegen von 810 Mio. Franken auf 3,1 Mrd. Franken.
Schweiz vor USA und Deutschland
Die Erhebung zeige, dass Schweizer Unternehmen Forschung und Entwicklung in der Schweiz nach wie vor als wichtig erachteten, sagte BFS-Direktorin Adelheid Bürgi-Schmelz bei der Vorstellung in Zürich. Die Schweiz sei weiter in der Spitzengruppe vor den USA und Deutschland – dank der Pharmabranche.
Der Anteil der privatwirtschaftlichen Aufwendungen innerhalb der Unternehmen am Bruttoinlandprodukt (BIP) ergibt für die Schweiz 2,2% (2000: 1,9%). Damit liegt die Schweiz nach Israel, Schweden, Finnland und Japan auf dem fünften Platz.
Der Standort Schweiz sei weiter wichtig, sagte Bürgi-Schmelz. Die Resultate zeigten aber auch, dass Wissen global sei, immer mehr finde die Forschung in internationalen Netzwerken und Allianzen statt.
Mehr Hochqualifizierte, zu wenige Schweizer
Schweizer Unternehmen beschäftigten 2004 mehr hochqualifiziertes Personal für F+E als vier Jahre zuvor. Die Zahl der Beschäftigten mit Hochschulabschluss nahm um 6 auf 46% (17’390 Personen) zu. Davon kommen rund 42% aus dem Ausland.
Es sei leider so, dass das Angebot an Wissenschaftern in der Schweiz nicht genügend sei, sagte Andreas Steiner von economiesuisse zu diesem hohen Anteil.
Steiner ist der Ansicht, dass die Bologna-Schulreformen, welche das europäische Hochschulsystem harmonisieren sollen, einen positiven Effekt haben werden.
Die Restrukturierung des Bildungs-Systems in der Schweiz sei ein guter Weg, mehr Schweizer Hochschulabsolventen ausbilden zu können und diese dann in der Wirtschaft zu beschäftigen.
Heute sind ausländische Wissenschafter meist mehrere Jahre jünger, was von einigen Unternehmen bevorzugt wird.
So kritisierte Steiner denn auch die lange Studiendauer in der Schweiz: «Wenn unser Hochschul-System diplomierte Wissenschafter erst in ihren frühen Dreissigern in den Arbeitsmarkt entlässt, ist es dann verwunderlich, dass wir jüngere aus den USA importieren?»
Klaus Müller, Chef der Abteilung Wissenschaft und Technische Beziehungen des Pharmakonzern Roche, betonte aber gegenüber swissinfo, das Alter sei keine Barriere, eine Stelle in der Forschung zu erhalten. «Wir greifen uns Talente, ohne auf ihr Alter zu schauen.»
swissinfo und Agenturen
Die fünf Länder, die weltweit am meisten für Forschung und Entwicklung ausgeben, gemessen am BIP:
Israel
Schweden
Finnland
Japan
Schweiz
Die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung der Privatfirmen sind von 1,8 Mrd. Franken 2000 auf über 4 Mrd. Franken im Jahr 2004 gestiegen.
Von diesem Betrag wurden rund 2,4 Mrd Franken im Ausland investiert.
Die Tendenz, den Forschungsbereich auszulagern, findet vor allem in der Pharma-Industrie statt, die rund 3,1 Mrd. Franken externalisiert hat.
Die Erhebung wird alle vier Jahre vom Bundesamt für Statistik in Zusammenarbeit mit dem Wirtschafts-Dachverband economiesuisse durchgeführt.
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