The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter

Nach 30 Arbeitsjahren entlassen

Der gekündigte Swissair-Pilot Beat von Tobel: Blick ins Ungewisse aus dem MD-11-Cockpit. swissinfo.ch

Seit dem 1. November 1971 arbeitete Pilot Beat von Tobel bei der Swissair. Am 31. Oktober 2001, genau nach 30 Jahren, erhielt er die Kündigung.

Beat von Tobel (52), der seit zehn Jahren Kapitän auf dem Langstrecken-Flieger MD-11 ist, gehört zu jenen Swissair-Piloten, die ab 1. Mai 2002 arbeitslos sind. Die Swissair kündigte Ende Oktober allen Piloten zwischen 52 und 55 (dem Piloten-Pensionsalter) sowie den dienstjüngsten auf den 30. April.

Beat von Tobel muss sogar damit rechnen, dass er bei einer allfälligen Einschränkung der Swissair-MD-11 Flüge vielleicht im Februar oder März «freigestellt» wird, wie das mit vielen Arbeitskollegen, die auf Airbus fliegen, bereits passiert ist. Das heisst dann: keine Arbeitseinsätze mehr, kein Lohn mehr, trotz Arbeitsvertrag bis Ende April.

Senioritäts-Prinzip verletzt

Genau am Tag des 30-jährigen Swissair-Arbeitsjubiläums die Kündigung zu erhalten, das habe natürlich schon geschmerzt, sagt Kapitän Beat von Tobel gegenüber swissinfo. Klar habe es nach dem 11. September und dem Grounding im Oktober allen Swissair-Angestellten gedämmert, dass schwierige Zeiten bevorstünden.

«Doch habe ich damit gerechnet, dass ich eventuell in dieser neuen Gesellschaft dann weiter arbeiten könnte; denn in der Fliegerei ist es eigentlich üblich, dass die Dienstjüngsten in so einem Fall entlassen werden und nicht die Älteren.» Dieses Senioritäts-Prinzip werde international bei allen grossen Airlines angewendet. Er denke nicht, dass es bei einer anderen Fluggesellschaft so gekommen wäre.

Beat von Tobel kann indessen verstehen, dass bei diesem sogenannten «sozialverträglichen Abbau» vor allem die älteren Piloten über die Klinge springen mussten: «Für einen 30 bis 35-jährigen Piloten ist die Kündigung natürlich einiges härter als für mich jetzt im speziellen, da ich doch schon eine relativ gut dotierte Pensionskasse habe. Und die ist gesichert, so wurde uns gesagt. Ich hoffe, dass es so ist», lacht von Tobel. Die Pensionskasse der Piloten sei getrennt von der Swissair, deshalb sei er optimistisch.

Nicht demotiviert

Obwohl MD-11-Kapitän Beat von Tobel nur noch – im besten Fall – bis Ende April fliegen kann, ist er nicht demotiviert. Nach der Kündigung habe er zwar schon ein Tief gehabt, und das Ganze habe ihm schlaflose Nächte bereitet. Aber jetzt habe er keine schlechten Gefühle, wenn er fliege. Das ganze Auf und Ab seit dem Grounding vom letzten Oktober drücke natürlich auf die Stimmung, aber beim Fliegen würde man das vergessen.

Die Hoffnung nicht verlieren

Dass es ab 1. Mai 2002 aus mit der Fliegerei ist, kann sich Kapitän Beat von Tobel kaum vorstellen. Klar sei es aus mit der Fliegerei für die Swissair, aber er schaue sich natürlich für eine neue Stelle um. «Eine sehr schwierige Sache, weil im Moment Tausende entlassen wurden in der Flugbranche, in den USA allein über 7000 Piloten, weltweit über 120’000 Airline-Angestellte seit dem 11. September.»

Auf den vielgehörten Einwand, gerade altgediente Swissair-Piloten würden kaum eine andere Stelle finden, weil sie überqualifiziert und zu teuer seien, kontert Beat von Tobel: «Als Kapitän mit über 15’000 Flugstunden und mit über 6000 Stunden auf einem Grossraum-Flugzeug mit modernstem Cockpit besteht eine gewisse Chance, allerdings eine sehr kleine. Aber man darf die Hoffnung nicht verlieren.»

Auch die arabische Emirates

Kapitän von Tobel hätte keine Probleme, zum Beispiel für die Emirates, die Fluggesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate, zu fliegen. Die Emirates ist eine der wenigen Airlines, die derzeit Piloten sucht. Seit dem 11. September hat sie 4000 Bewerbungen aus der ganzen Welt erhalten. «Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass es dann halt ein Einsiedlerleben in den Emiraten wäre. Ich denke nicht, dass meine Familie dorthin hinziehen würde. Ich müsste dann die Bedingungen genau abklären, bevor ich eine solche Stelle annehmen würde.»

Und eine Stelle bei der neuen Schweizer Airline? Es sei noch nicht klar, wie viele Langstrecken-Flugzeuge diese Airline überhaupt operieren würde, erklärte von Tobel gegenüber swissinfo. Und im besonderen sei nicht klar, wie die Aufteilung sein werde zwischen Airbus und MD-11. «Also ich werde sicher nicht umgeschult auf Airbus; aber wenn auf MD-11 noch Leute benötigt werden, dann gäbe es auch dort vielleicht eine Chance. Ich rechne jetzt allerdings nicht damit.»

Lernen, sich zu bewerben

Beat von Tobel kann sich auch eine andere Arbeit als die Fliegerei vorstellen. Allerdings werde es sehr schwierig sein, eine gleich gute Arbeit zu finden. «Nach 30 Jahren Fliegen ist man doch auf einem engen Gebiet spezialisiert.» Die Piloten-Verbände hätten zwar grosse Anstrengungen unternommen, um die entlassenen Mitarbeiter zu unterstützen. Doch müsse man vor allem Eigeninitiative zeigen.

Und dann sagt Beat von Tobel: «Ich muss ja zum Beispiel überhaupt lernen, mich zu bewerben. Seit ich bei der Swissair bin habe ich mich nie mehr bewerben müssen.» Er denke, dass es schliesslich doch Arbeiten gäbe, die ihn interessieren würden. Es dürfte sich dann allerdings wahrscheinlich eher um Teilzeitarbeit handeln, meint er.

Fliegerei ist nicht nur Fun

Swissair-Piloten gelten (oder galten) als Grossverdiener. Und deswegen hält sich das Mitleid mit ihnen bei vielen Leuten in Grenzen. Das ist sich auch Kapitän Beat von Tobel bewusst. Viele Leute seien vielleicht etwas neidisch auf die Piloten, die es in ihren Augen schön haben.

«Sie fliegen an die Sonne, wenn es hier kalt ist, sie sehen ferne Länder. Aber man darf schon nicht vergessen, es ist ja nicht nur Vergnügen; die Fliegerei ist doch anstrengend, wenn man da über Zeitzonen fliegt mit Zeitverschiebung, Klimaänderung, andere Ernährung, Tropenkrankheiten», räumt der Pilot ein. Und wenn man nach einem achtstündigen Nachtflug dann bei schlechtem Wetter einen Anflug machen müsse, sei man tatsächlich gefordert.

Ist Kapitän von Tobel wegen der in letzter Zeit vermehrten Flugzeugunglücke vielleicht froh, nicht mehr zu fliegen? «Nein, ich bin nicht froh, dass ich nicht mehr fliegen muss, vor allem nicht wegen der Unfälle.» Was ihm den Ausstieg aus der Fliegerei eventuell erleichtere, sei die ständige Verschärfung der Sicherheits-Massnahmen. «Man ist heute fast wie in einem Gefängnis im Cockpit eingesperrt.» Und das sei tatsächlich nicht mehr so angenehm wie früher, als das Cockpit noch offen war. Aber wegen der Unfallgefahr habe er absolut keine Bedenken. «Ich bin ja schliesslich dann derjenige, der vorne sitzt und das Flugzeug dirigiert.»

Nur eben: Lange dirigiert er seine MD-11 nicht mehr, im besten Fall bis Ende April noch, vielleicht heisst es schon im Februar «fertig, aus». Dann beginnt für Flugkapitän Beat von Tobel ein ganz neuer Lebensabschnitt.

Jean-Michel Berthoud

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft