Schweiz steht hinter Lamy als neuem WTO-Chef
Die Schweiz hat die Ernennung Pascal Lamys zum neuen Direktor der in Genf ansässigen Welthandels-Organisation (WTO) begrüsst.
Der 58-jährige Franzose war seit Eröffnung des Kandidatenrennens erklärter Favorit sowohl der Schweiz als auch der Europäischen Union (EU).
Lamy, ein ebenso harter Verhandlungspartner wie passionierter Läufer und momentaner Professor an einer Universität in Paris, war auf der Zielgeraden der letztverbliebene Kandidat für den prestigeträchtigen Posten.
Die Ernennung erfolgte im Rahmen eines Treffens der 148 WTO-Mitgliedländern vom Donnerstag, das in der Rhonestadt hinter verschlossenen Türen stattfand. Lamy löst am 1. September den Thailänder Supachai Panitchpakdi ab, der nach dreijähriger Amtszeit abtritt.
«Er ist eine Persönlichkeit, die den traditionellen europäischen Werten verhaftet ist», so die Einschätzung Lamys durch Botschafter Luzius Wasescha, Delegierter für Handelsverträge im Staatssekretariat für Wirtschaft (seco). Lamy stehe somit der Schweizer Position für die Stärkung eines multilateralen Handelssystem nahe.
Begrenzter Spielraum
Wasescha traut Lamy sogar zu, dass dieser im Dezember in Hongkong die bisher blockierte Doha-Runde über die weitere Liberalisierung des Welthandels zu einem erfolgreichen Abschluss wird führen können.
Lamy erklärte nach seiner Ernennung denn auch, ein Abschluss der Doha-Runde habe für ihn «erste, zweite und dritte Dringlichkeitsstufe». «Wir wollen sicherstellen, dass das Interesse der Entwicklungsländer im Mittelpunkt des Welthandels-Systems stehen wird.»
Dennoch warnt Wasescha vor übertriebenen Erwartungen: «Der Status des Generaldirektors erlaubt ihm kein Durchsetzen von Lösungen. Die Hauptakteure sind die WTO-Mitgliedländer», präzisiert der höchste Schweizer Handelsdiplomat gegenüber swissinfo.
Vermittler
Diese Sicht teilt Daniel Wüger vom World Trade Institute der Universität Bern: «Alles, was der Generalsekretär tun kann, ist als Vermittler eine gute Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Er geniesst eine breite Unterstützung und kann verschiedene Leute an einen Tisch bringen.»
Was bedeutet die Wahl Lamys für die Schweiz? «Sie wird auch unter dem neuen WTO-Chef ihre Subventionen für die Landwirtschaft, eines der grössten Hemmnisse für die Schweiz, verteidigen müssen», ist Wüger überzeugt.
Wasescha seinerseits erinnert an die perfekte Dossierkenntnis Lamys, die er von 1999 bis 2004 als EU-Handelskommissar unter Beweis gestellt habe.
Spannungen über den Atlantik
Eine weitere grosse Herausforderung, der sich Lamy wird stellen müssen, sind die herrschenden Spannungen zwischen der EU und den USA.
Experten warnen vor einem neuen Handelsdisput zwischen den beiden Handelsriesen, dies vor allem angesichts der Divergenzen über die Unterstützung der jeweiligen Flugzeug-Industrien.
Iran-Frage
Ebenfalls am Donnerstag entschied die WTO, Aufnahmegespräche mit Iran zu beginnen. Die USA hatten zuvor ihre ablehnende Haltung in dem Punkt aufgegeben, nachdem Teheran die Suspendierung seines Atomprogramms bestätigt hatte.
Die Schweiz hat die Aufnahme Irans in den letzten fünf Jahren unterstützt. «Alle Länder, welche die Aufnahmebedingungen erfüllen, sollten Mitglied der WTO sein», umreisst Wasescha die Position des Bundes.
swissinfo
Der Franzose Pascal Lamy ist insgesamt der fünfte WTO-Direktor.
Die in Genf ansässige WTO existiert seit 1995 und ist die Nachfolge-Organisation des Gatt (General Agreement on Tariffs and Trade).
Es ist die einzige globale Organisation, die sich dem Abbau von Handelsschranken verschrieben hat.
Die WTO hat 148 Mitgliedsländer und eine Belegschaft von 630 Mitarbeitern.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch