Swissair auf Rückzug
Die Swissair Group will kein Geld mehr in die belgische Fluggesellschaft Sabena einschiessen. Dies hat Swissair-Präsident Mario Corti am Montag klar gemacht. In Frankreich zeigt die im Chartergeschäft tätige Aeris Interesse an einer Teilübernahme von AOM/Air Liberté. Und bei Sabena sollen 2'000 Leute entlassen werden.
«Wir können nicht immer wieder gutes Kapital einschiessen, das dann verbraucht wird», sagte Corti in einem Interview der «Aargauer Zeitung» und «Le Temps» zur Lage der Sabena, die erst vor wenigen Monaten eine Finanzspritze erhalten hatte.
Die operativen Verluste der belgischen Fluggesellschaft sind laut Corti untolerierbar. Er kündigte an, die Swissair Group wolle die früher vereinbarte Aufstockung der Sabena-Beteiligung von 49,5 auf 85 Prozent mit dem belgischen Staat neu aushandeln.
Ungemach bei Sabena
Eine Delegation der Sabena-Konzernleitung orientierte derweil das Brüsseler Handelsgericht über die Finanzlage der Sabena. Die Sabena-Führung äusserte sich nicht zur zweieinhalbstündigen Sitzung. Ein Sprecher des belgischen Verkehrsministers Rik Daems zeigte sich weiterhin optimistisch.
Nach Informationen des belgischen Radios RTBF sieht der Sanierungsplan für die belgische Fluggesellschaft den Abbau von 2000 Stellen vor. Davon betroffen seien auch zahlreiche Piloten und 500 Personen des fliegenden Personals.
Sabena-Chef Christoph Müller, der den Sanierungsplan ausarbeitet, habe diese Ankündigungen am Sonntagabend gegenüber Personalvertretern gemacht, zitierte RTBF Gewerkschaftskreise. Deren Vertreter waren am Montag nicht erreichbar.
Die Sabena wolle ihre Aktivitäten künftig auf Europa konzentrieren, habe Müller weiter mitgeteilt. Einzelne Langstrecken-Destinationen wie Washington oder Tokio würden gestrichen, hiess es in dem Radiobericht weiter.
«Übertriebene Spekulationen» in Frankreich
Geordnet will Corti auch aus andern Verlustquellen im Ausland aussteigen. Übertrieben seien Spekulationen, wonach die Liquidation der französischen Gesellschaften AOM/Air Liberte die Swissair bis zu zwei Mrd. Franken kosten könnte.
Corti zeigte sich zu Verhandlungen mit einem Investor über einen finanziellen Beitrag bereit. Im Gegenzug müssten Frankreichs Behörden die Swissair aber von allen Prozessrisiken und Verpflichtungen entbinden.
Inzwischen meldete die im Chartergeschäft tätige Aeris ihr Interesse an einer Teilübernahme der AOM/Air Liberte an. Die Gewerkschaften hoffen weiter auf eine Gesamtübernahme.
Erste Probleme in der Schweiz
Zur Finanzlage der Swissair Group sagte Corti in den Interviews, die Probleme seien ernst, aber lösbar. Sie beschränkten sich nicht auf Beteiligungen. Stille Reserven gebe es nicht mehr, und die Eigenkapitaldecke sei sehr dünn. Im übrigen verwies er auf den für 30. August angekündigten Halbjahresabschluss. Als Eckpunkte der neuen Strategie, die er am 12. Juli präsentieren will, nannte Corti die Konzentration auf Swissair und Crossair sowie wenige, profitable Aktivitäten im flugverwandten Geschäft.
Als Fehler bezeichnete Corti ausserdem den von seinen Vorgängern beschlossenen Rückzug aus Genf. «ich will Genf systematisch wieder aufbauen und pflegen», sagte der neue Swissair-Chef.
Cortis Äusserungen verschafften der Swissair-Aktie an der elektronischen Londoner Börse Virt-x leichten Aufwind. Ihr Kurs lag bei Handelsschluss um 18.00 Uhr mit 92,50 Franken 1,7 Prozent höher als am vergangenen Freitag.
swissinfo und Agenturen
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