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Eidgenössisches Schützenfest: Grenzenlose Begeisterung für eine Schweizer Tradition

Leute, die schießen
Die im Ausland lebenden Schweizerinnen und Schweizer hatten ihren eigenen Tag am Eidgenössischen Schützenfest in Chur. Dirk Frischknecht

Fast 130 Schützinnen und Schützen aus Südafrika, Kanada, den Vereinigten Staaten und Europa nahmen am Schützenfest in Chur teil. Für viele Auslandschweizer ist das Schiessen eine Möglichkeit, die Verbindung zur Schweiz aufrechtzuerhalten.

Die Gewehrschüsse, durch die Kopfhörer gedämpft, ertönen in unregelmässigen Abständen. Dann dringt der Geruch des Schusses in die Nase – eine Mischung aus verbranntem Pulver und Waffenöl. Auf den Gewehrständern stehen perfekt aufgereiht Karabiner sowie die Sturmgewehre 57 und 90.

In 300 Metern Entfernung befinden sich etwa zehn Zielscheiben. Auf den Bildschirmen sind die Flaggen von Südafrika, den Vereinigten Staaten, Kanada, Frankreich, Deutschland, der Niederlande und des Fürstentums Liechtenstein zu sehen.

Auf dem Schiessplatz Rossboden in Chur ist heute der Tag der Schweizer Diaspora.

Weitergabe einer Schweizer Tradition

«Überall auf der Welt gibt es Schweizerinnen und Schweizer, die dieselbe Leidenschaft für das Schiessen teilen. Sich hier zu treffen, um diesen Tag gemeinsam zu erleben, ist etwas ganz Besonderes», sagt Karin Schmid, Mitglied des Swiss Rifle Club in Kapstadt, Südafrika.

Die Französischprofessorin an der University of Cape Town kam vor sechs Jahren durch ihren Vater, der seit Jahrzehnten Schütze ist, zu diesem Sport. «So kann ich eine typisch schweizerische Tradition mit ihm teilen.»

Leute, die schießen
300-Meter-Wettkampf: Karin Schmid schiesst mit einem Gewehr, beobachtet von einem Schiesstand-Experten. Dirk Frischknecht

Eine Tradition, die alle fünf Jahre auch beim Eidgenössischen SchützenfestExterner Link gepflegt wird. «Das Schützenwesen ist in der Schweiz tief verwurzelt», sagt Carl Frischknecht, Generalsekretär des Organisationskomitees. «Es wäre schade, wenn diejenigen, die ausserhalb der Landesgrenzen leben, nicht an diesem Ereignis teilnehmen könnten. Mit rund 36’000 Teilnehmenden ist es immerhin das grösste Schützenfest der Welt.»

Zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer im Ausland sind der Einladung des Organisationskomitees gefolgt. Für den Schiesswettbewerb auf 300 Meter haben sich fast 130 Personen angemeldet. Es handelt sich um einen Einzel-Externer Link und einen GruppenwettbewerbExterner Link.

Mit dabei sind die Société Suisse de Tir de Bruxelles, die München Schweizer Schützen, die Fürstentum Liechtenstein Schweizer Schiess-Sektion, die Tireurs Suisses de LyonExterner Link, die Société Suisse de Tir de Paris, die Schützensektion der NHG HollandExterner Link, die Los Angeles Swiss Athletic Society, der Minneapolis Swiss Rifle Club, die Swiss Rifles of Washington, D.C., die Swiss Canadian Mountain Range AssociationExterner Link, der Monterey County Swiss Rifle ClubExterner Link aus Kalifornien, der Cape Town Swiss Rifle ClubExterner Link und der Johannesburg Swiss Rifle ClubExterner Link.

Schützenvereine – ein Stück Schweiz im Ausland

Von Hongkong bis Kanada, von den Vereinigten Staaten bis nach Neuseeland: Die Schweizer Schiesstradition begleitete die Menschen, die die Eidgenossenschaft verliessen, ins Ausland.

«Im 19. Jahrhundert wanderten viele Schweizer aus und gründeten in den Ländern, in denen sie sich niederliessen, Schützenvereine, um ein Stück Schweiz im Ausland wieder aufleben zu lassen» sagt Cedric Zbinden, Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Schweizerischen Schützenmuseums. «Es waren Orte, an denen sie weiterhin ihre Sprache sprechen und die Traditionen ihrer Heimat lebendig halten konnten.»

Heute gibt es etwa dreissig Schweizer Schützenvereine im Ausland. Laut einem Bericht der Schweizer Armee vom Mai 2023Externer Link ist die Mitgliederzahl jedoch stetig rückläufig: 2013 waren es noch etwas mehr als 900 Personen, 2022 weniger als 600.

Eine Entwicklung, die durch einen Beschluss des Eidgenössischen Departements für VerteidigungExterner Link (siehe Kasten «Zu teuer und gefährlich») noch beschleunigt werden könnte.

Im Januar 2020 beschloss die damalige Verteidigungsministerin Viola Amherd, dass die Schweizer Armee die Schützenvereine im Ausland aus organisatorischen und sicherheitstechnischen Gründen nicht mehr mit Munition versorgt.

Jahrzehntelang profitierten Schweizer Schützenvereine im Ausland von einer Unterstützung, die jener für Vereine im Inland ähnelte. Da sie vom Eidgenössischen Departement für Verteidigung (VBS) anerkannt waren, konnten sie Waffen leihweise erhalten und Munition der Armee erwerben, um Pflichtprogramme und Wettkämpfe durchzuführen. Im Jahr 2018 hatten die 31 anerkannten Vereine Munition im Wert von rund 30’000 Franken für rund tausend Schützinnen und Schützen bestellt.

Im Januar 2020 beschloss das VBS jedoch, diese Exporte einzustellen. Bundesrätin Viola Amherd begründete diesen Entscheid mit Sicherheitsgründen und einem als unverhältnismässig erachteten Verwaltungsaufwand: Bern kann im Ausland den Transport, die Lagerung, die Schiessstände und die Schiessübungen nicht kontrollieren. Die Vereine können ihre Tätigkeit fortsetzen, müssen die Munition jedoch auf eigene Verantwortung direkt beim Lieferanten – aktuell die RUAG – beschaffen.

Thomas Bader vom Minneapolis Swiss Rifle Club sieht das gelassen. «Wir prüfen derzeit einige Lösungen», erzählt der 58-Jährige, der 2003 in die USA auswanderte, nachdem er in der Schweiz eine Kochlehre absolviert hatte. «In Zukunft wird es schwieriger sein, Munition zu beschaffen, aber auf dem amerikanischen Markt gibt es Produkte, die den schweizerischen entsprechen. Vorerst verfügen wir über einen gut gefüllten Vorrat», sagt er lächelnd.

In Kapstadt ist die Sorge grösser. «Die Kosten für Munition drohen unerschwinglich zu werden», sagt Dierk Lüthi, Präsident des Cape Town Swiss Rifle Club. «Den Preis beeinflussen Transportkosten, Zölle und ein ungünstiger Wechselkurs», sagt Lüthi weiter. Er ist der Enkel des bekannten Glasmalers Albert Lüthi, der die Kantonswappen in der Kuppel des Bundeshauses geschaffen hat.

Eine grosse Schweizer Familie im Ausland

Auf dem Schiessstand Rossboden geht der Mannschaftswettbewerb weiter. Zunächst gibt es fünf Probeschüsse, dann sechs Einzelschüsse und schliesslich vier Serienschüsse. Unter den Schützen befindet sich auch Alexander Loeffler, Mitglied der grossen Delegation der Swiss Canadian Mountain Range Association.

«Unser Verein ist mehr als nur ein Schützenverein, er ist eine grosse Familie», sagt Loeffler, der in Vancouver lebt. Er ist mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Chur gereist. Die vier haben über 8400 Kilometer zurückgelegt, um am Eidgenössischen Schützenfest teilzunehmen.

«Unser Verein zählt etwa 130 Mitglieder», sagt seine Frau Rachel. «Das Herzstück unserer Gemeinschaft ist ein Chalet aus den 1970er-Jahren. Dort finden regelmässig Veranstaltungen wie der Schweizer Nationalfeiertag, Jass-Turniere oder der Samichlaus-Besuch statt.»

Posierende Personen
Die Familie Loeffler von der Swiss Canadian Mountain Range Association, die aus Vancouver angereist ist, posiert vor dem Schiessstand am Rossboden. Für die Töchter von Alexander und Rachel ist es die erste Reise in die Schweiz. Dirk Frischknecht

«Es ist meine erste Reise in die Schweiz, ein Land, das ich grossartig finde», fährt die 16-jährige Tochter fort. «Mein Grossvater stammte aus Winterthur und bisher bestand meine Verbindung zu seiner Heimat vor allem über das Essen. Als Koch verwöhnt er uns immer wieder mit Schweizer Spezialitäten.»

Die Reise der Familie Loeffler und der Delegation aus Vancouver endet jedoch nicht in Chur, sondern führt weiter in Richtung Süden. Sie wurden nämlich vom Jagdverein Bregaglia eingeladen, vier Tage im italienischsprachigen Tal Graubündens zu verbringen.

Der Ausflug wurde von Attilio Tam organisiert. «Während einer Reise nach Kanada habe ich einige im Ausland lebende Schweizer kennengelernt, bei denen ich mich wie zu Hause gefühlt habe. Seit Jahren möchte ich mich für diese Gastfreundschaft revanchieren, aber bisher fehlte mir die Gelegenheit dazu», erzählt der Verantwortliche für Jungschützenkurse in Bregaglia.

Auf dem Programm steht ein Besuch des Albigna-Staudamms und der Festungen von Maloja und Soglio sowie ein Schiesswettbewerb mit dem örtlichen Verein. Den Abschluss bildet ein Abendessen mit gegrilltem Wildschwein.

Der Schiessstand als Treffpunkt

Dass das Schiessen über Landesgrenzen hinweg verbindet, bestätigt auch Karin Schmid aus Kapstadt. Der Cape Town Swiss Rifle Club verbrachte einen Abend mit der Schiessabteilung des Bündner Dorfs Felsberg, das etwa sechs Kilometer von Chur entfernt liegt.

«Sie haben uns zu einem Freundschaftswettkampf auf ihrem Schiessstand eingeladen. Das Treffen endete mit einem Käsefondue zum Abendessen», erzählt sie.

Der Swiss Rifle Club Cape Town wurde 1949 unter anderem dank eines Anstosses aus der Schweiz gegründet. Am 26. Juni jenes Jahres erhielt der Swiss Club in Kapstadt einen Brief vom Schweizer Kurzwellenradio, dem Vorläufer von Swissinfo. Darin wurde die Schweizer Gemeinschaft im Ausland zur Teilnahme an einem Wettbewerb im Rahmen des Eidgenössischen Schützenfestes eingeladen. In Kapstadt gab es weder einen Schiessstand noch Gewehre oder Munition, aber die Begeisterung reichte aus: 27 Schützen trafen sich am Schiessstand von Woltemade. Aus dieser Erfahrung heraus entstand der Swiss Rifle Club Cape TownExterner Link.

Auch der Tag der Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer steht ganz im Zeichen der Geselligkeit. Nach dem Mannschaftswettbewerb am Vormittag treffen sich die Schützinnen und Schützen in der Haupthalle des Eidgenössischen Schützenfestes. Während des Mittagessens begleitet eine Musikkapelle auf der Bühne das Geschehen mit folkloristischen Stücken, die sich mit dem Stimmengewirr auf Deutsch, Französisch und Englisch vermischen. An den Tischen wird ein traditionelles Gericht serviert: Älplermagronen mit Apfelmus.

Valérie Page gehört zur Schützensektion der NHG Holland. «Wir treffen uns zweimal im Monat auf dem Schiessstand», erzählt sie und betont, dass sie diese Leidenschaft mit ihrem irischen Ehemann teilt. Zu Hause wird Englisch, Niederländisch und Schweizerdeutsch gesprochen, damit die Kinder eine Verbindung zu ihrer Herkunftsheimat aufbauen können.

«Heute, am Eidgenössischen Schützenfest», so die junge Mutter, «ist mir bewusst geworden, dass diese typisch schweizerische Tradition fast überall auf der Welt gelebt wird. Auch wenn unsere Sektion klein ist, sind wir Teil einer viel grösseren Gemeinschaft, die über alle Ecken der Welt verstreut ist.»

Erhalten Sie einen Einblick vom Schützenfest in unserem Video:

Editiert von Daniele Mariani, Übertragung aus dem Italienischen: Melanie Eichenberger

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