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Herz und Hand für Russland

Der Berner Agronom Martin Kindler vor dem selbst gegründeten Reha-Zentrum für Alkohol- und Drogenkranke. swissinfo.ch

Der Berner Martin Kindler ging als Landwirtschaftsberater nach Russland. Als er das Elend der Alkohol- und Drogenabhängigen sah, beschloss er zu helfen.

Aus einem alten Raketen-Stützpunkt baute er ein Reha-Zentrum.

Bei seiner Arbeit als Landwirtschaftsberater für Kolchosen sah Martin Kindler immer wieder die massiven Suchtprobleme in Russland. «Ich habe unglaubliche Bilder gesehen, Menschen, die all ihr Hab und Gut verkaufen, nur um an Geld für Alkohol zu kommen. Familien, die völlig mittellos bleiben, weil der Vater alles vertrinkt.»

Viele Kolchosen sind praktisch verfallen, Arbeit in den Dörfern gibt es keine. Für viele Menschen bleibt nur eines: der Alkohol.

Jeder fünfte Russe hat Alkoholprobleme, fast drei Millionen Drogensüchtige gibt es in Russland. Ein russischer Bürger trinkt im Jahr durchschnittlich 120 Halbliterflaschen Wodka oder 25 Liter reinen Alkohol.

Eine Infrastruktur, um diesen Menschen zu helfen, ist praktisch nicht vorhanden. «Nachdem ich gesehen hatte, wie viel kaputtgeht durch den Alkohol und die Drogen, reifte in mir die Idee, den Süchtigen zu helfen», erklärt Kindler.

Hilfe im Dreamteam

Im Frühling 2001 hatte Martin Kindler seine zukünftige Frau Galina kennengelernt. Sie arbeitete als Sekretärin bei der evangelischen Kirchgemeinde von Kaluga. Bereits im März 2002 heirateten die beiden.

Auch Galina beschäftigte das unglaubliche Ausmass des Alkoholproblems in Russland, auch sie wollte helfen: «Vor allem die Ehefrauen und Kinder leiden am meisten unter den Alkoholproblemen.»

Und so fand Martin in Galina auch eine Partnerin, die voll hinter ihm stand, die selber schon die gleichen Gedanken gehabt hatte wie er. «Galina ist für mich extrem wichtig, sie unterstützte mich von Anfang an bei meiner Idee und half mir, wo sie konnte.»

Raketenstützpunkt als Reha-Zentrum

Im Herbst 2001 war es soweit, Martin Kindler konnte von der Bezirksregierung günstig ein Haus mit Landwirtschaftsland kaufen, weit abgelegen vom nächsten Dorf oder der nächsten Stadt.

Das Haus stellte sich als ehemaliger Raketenstützpunkt der sowjetischen Armee heraus, noch immer sind die Ruinen der Kommandozentrale und der Raketenschaft zu sehen. «Das Wasser, das sich im Schacht sammelt, benützen wir heute, um unseren improvisierten Fussballplatz zu bewässern», erzählt Martin Kindler.

Das ehemalige Wohnhaus des Stützpunkt-Kommandanten dient jetzt als Bleibe für die Bewohner und ihre Betreuer. Das Rehabilitationszentrum «Wiedergeburt» konnte seine Arbeit aufnehmen.

Arbeit als Gegenmittel

Zusammen mit Galina und dem Betreuer Alexander Schewjakow stellte Martin Kindler das Haus wieder instand und nahm die ersten Abhängigen auf – alles finanziert mit eigenen Mitteln und privaten Spenden aus der Schweiz.

«Meine Idee war von Anfang an, den Leuten wieder eine Aufgabe zu geben. Denn Arbeit und frische Luft sind eine wunderbare Therapie.»

So stellen die Bewohner des Reha-Zentrums ihr eigenes Haus wieder in Stand, bestellen das Land, bauen den Stall aus.

Jeder Tag ist klar strukturiert, jeder im Haus hat seine Aufgabe. Heute leben 15 Menschen im Haus, drei Betreuer und zwölf Bewohner.

Weder Martin noch die Betreuer sind Fachleute. «Für viele in der Schweiz ist das vielleicht schwer vorstellbar, aber die Menschen hier auf dem Lande sind einfacher und wenn sie spüren, dass wir ihnen aus ganzem Herzen helfen wollen, dann fällt diese Saat auf sehr fruchtbaren Boden», erklärt Martin Kindler.

«Martin Kindler hat mir das Leben gerettet»

Einer der ersten, die in das Haus kamen, war der 26-jährige Andrei Korobajew.
«Nachdem ich meinen Job bei der Armee verloren hatte, habe ich so ziemlich alles genommen, Drogen und Alkohol.»

Andrei geriet immer tiefer in den Strudel der Sucht, bis er von Martin Kindlers Rehazentrum hörte. «Wäre ich nicht hierher gekommen, wäre ich heute tot», sagt er ernst. Heute arbeitet Andrei als Betreuer im Haus.

Der 17-jährige Eldar Alijew versuchte seit dreieinhalb Jahren von der Heroinsucht wegzukommen, ohne Erfolg. Seine Eltern brachten ihn zu Martin Kindler.

Jetzt ist er seit einem halben Jahr clean, arbeitet regelmässig mit beim Ausbau des Stalles. «Ich habe noch nie in meinem Leben gearbeitet, jetzt erst ist mir klar geworden, dass man etwas tun muss, dem Leben einen Sinn geben soll.»

Beten am Morgen

Jeden Morgen wird gebetet und in der Bibel gelesen. Martin und Galina Kindler sind gläubige Christen. «Aber wir wollen nicht missionieren oder die Menschen bekehren, wir wollen den Bewohnern einfach ein Zuhause und einen Neuanfang bieten.»

Die Bewohner reagieren unterschiedlich auf die christliche Grundhaltung des Reha-Zentrums, trotzdem fühlen sich alle wohl, denn sie spüren keinen Druck.

Wichtig ist vor allem das harmonische Zusammenleben und die Arbeit. Die Bewohner bauen zur Zeit den Stall aus. Wenn alles klappt, will Martin im Stall eine Bäckerei einrichten. «Es ist wichtig, dass wir nicht mehr auf Spenden angewiesen sind, sondern durch den Verkauf von Brot oder Produkten von unserem Land irgendwann selbsttragend werden», sagt Martin Kindler.

Galina Kindler will Reha für Frauen

Galina hilft Martin bei allen organisatorischen Fragen. Obwohl Martin Kindler leidlich gut russisch spricht, braucht er doch immer wieder die Hilfe von Galina.

Als einzige Frau im Haus zu sein, ist für Galina Kindler nicht immer einfach. Aber die Männer akzeptieren sie und finden in ihr auch eine Gesprächspartnerin. «Viele Bewohner haben eine Frau oder Kinder zu Hause, bei vielen ist die Beziehung durch Alkohol oder andere Drogen kaputtgegangen.»

Auch Martin Kindler sieht keine Probleme: «Galina und ich passen so gut zusammen, entscheiden manchmal unabhängig voneinander das Gleiche, dass man uns beide fast als einen Menschen im Haus wahrnimmt», sagt Kindler und lacht.

Und einen besonderen Wunsch hofft Martin Kindler seiner Frau erfüllen zu können. «Galina will unbedingt auch ein Rehabilitationszentrum für Frauen gründen, denn auch bei den Frauen in Russland wachsen die Drogen- und Alkoholprobleme.»

swissinfo, Gregor Sonderegger, Moskau

20% der Russen haben Alkoholprobleme.
In Russland gibt es 3 Mio. Drogenabhängige.
Martin Kindler hat im Herbst 2001 eine Reha für Abhängige eröffnet.
In der Reha leben 12 Männer, die hier Tagesstruktur und Mitarbeit finden.
Die Reha ist aus eigenen Mitteln und privaten Spenden finanziert.
Kindler ist weiterhin als Landwirtschaftsberater für Kolchosen aktiv.

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