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Shopping und Seelenfrieden an einem Ort

Sihlcity Kirche. (swissinfo) swissinfo.ch

Die Kirche im neu eröffneten Zürcher Einkaufszentrum Sihlcity ist eine Oase der Ruhe und Besinnung inmitten der schillernden und manchmal auch ganz schön anstrengenden Konsumwelt.

Die ökumenische Sihlcity-Kirche ist aber auch Beispiel für den gelungenen Schritt der Kirche näher zu den Menschen.

Die drei Sekundar-Schüler in Hip-Hopper-Kluft sehen aus, als ob sie sich auf dem Weg zum WC verlaufen hätten. Aber nein: «So, hier sind wir, schaut mal, so eine moderne Kirche habe ich noch nie gesehen», sagt der eine und zeigt auf die halbgeöffnete Tür der Kapelle. Die drei stecken kurz den Kopf hinein und ziehen dann wieder davon.

So wie die drei Jungs, die den schulfreien Mittwochnachmittag im modernsten Einkaufszentrum Zürichs verbringen, finden täglich rund hundert Menschen in den Raum im Herzen des Areals, gleich über dem Starbucks Cafe.

«Es kommen viele verschiedene Menschen vorbei, darunter natürlich auch Neugierige», sagt der reformierte Pfarrer Jakob Vetsch. Nicht nur bei den 2300 Angestellten des Shoppingcenters habe sich das Angebot der Kirche herumgesprochen, auch Kunden kämen gerne vorbei, ergänzt sein katholischer Kollege Guido Schwitter. «Sie zünden eine Kerze an, gehen für einige Minuten in sich oder suchen das Gespräch mit uns.»

Ökumenisches Projekt

Seit Mitte März ist die Kirche im Shopping-Zentrum im Süden von Zürich offen. Die Idee dazu entstand vor zwei Jahren in Seelsorger-Kreisen. Es war von Anfang an klar, dass die Sihlcity-Kirche ökumenisch sein sollte.

Eine Zusammenarbeit zwischen der katholischen und evangelischen Landeskirche besteht seit längerem, so im Aidspfarramt in Zürich, beim Flughafenpfarramt Kloten, bei der Bahnhofsseelsorge und der Internet- und SMS-Seelsorge. Zum ersten Mal ist nun aber die dritte Landeskirche, die Christkatholische, bei einem ökumenischen Projekt dabei.

Die beiden anwesenden Theologen, die sich an diesem Nachmittag die Arbeit teilen, sind überzeugt, dass diese Kirche eine Modellwirkung hat. «Im Kleinen zeigen wir hier, dass die Kirchen gut zusammenarbeiten und sich ergänzen können», sagt Vetsch, der an diesem Tag die erste Schicht von 9 bis 16 Uhr gemacht hat und nun an seinen katholischen Kollegen Schwitter übergibt, der bis 21 bleibt.

Der Stille-Raum ist offen für alle, auch für Menschen anderer Religionen, zwei mohamedanische Gebetsteppiche stehen zusammengerollt in der Ecke, im Büchergestell die Reden Buddhas und das heilige Buch des Hinduismus.

«Wir sind für alle da»

«Wollen Sie schweigen oder reden? Bei uns können Sie beides», steht auf dem Flyer der Sihlcity-Kirche. «Unser Angebot ist sehr niederschwellig und anonym. Die Leute können in den Raum rein und raus, ohne dass sie von uns angesprochen werden, wir sehen sie durch eine Glasscheibe vorbeigehen», erklärt Schwitter. Auch wenn sie das Gespräch suchen, muss niemand seinen Namen preisgeben. «Uns interessiert auch nicht, welcher Religion sie angehören und ob sie überhaupt einer angehören», erklärt Jakob Vetsch, der 27 Jahre lang in drei Gemeinden als Pfarrer tätig war.

«Wir sind für alle da und für das, was diese Menschen bewegt». Für einen Schwatz sind ein paar Tischen da, für ernsthaftere Gespräche eigene Zimmer. «Mit dicker Tür», so Vetsch, «damit auch nichts nach draussen dringt».

In einem anonymen Umfeld falle es den Menschen leichter, sich zu öffnen. «Wir machen hier aber nichts Neues. Auch bei Wallfahrten vertrauen sich Menschen Priestern an, die sie nicht kennen.»

Die Kirche ist dort, wo die Menschen sind

Ist die Sihlcity-Kirche Modell für die neue Kirche, die zu den Leuten geht, wenn die Leute nicht mehr zu ihr kommen? Vetsch und Schwitter winken ab. «Die Kirche war schon immer da, wo die Menschen sind», sagt Vetsch. «Früher war die Kirche da, wo die Leute gelebt und gearbeitet haben: mitten im Dorf.»

«Die Gesellschaft hat sich verändert, die Marktplätze haben sich verschoben. Nun ist die Kirche wieder da, wo die Menschen sind. Sihlcity ist nicht ein Ersatz für Kirchgemeinden, sondern eine wertvolle Ergänzung.» Mit einer genauen Aufgabenteilung, Gottesdienste gibt es in der von Montag bis Samstag geöffneten Kirche nicht.

Für die beiden Pfarrer eine spannende Aufgabe. «Ich war vorher 16 Jahre lang im Aids-Pfarramt», erzählt Schwitter. Da drehte sich viel um Krankheit, ums Sterben. «In Sihlcity wird es ein weiteres Feld sein und darauf freue ich mich», sagt er. «Ich finde es spannend, an einem Ort arbeiten zu können, wo das Leben so intensiv ist», ergänzt sein Kollege.

Hand in Hand mit dem Kommerz?

«Gehet hin – gut umgesetzt», heisst einer der Einträge im Anliegenbuch. Darin haben sich Menschen aus verschiedenen Ländern, sogar eine Chinesin, eingetragen. Obschon der Grossteil der Reaktionen sehr positiv ist, gibt es auch Stimmen, die der Kirche unterstellen, mit dem Kommerz gemeinsame Sache zu machen.

«Die Kirche kann das Lädelisterben leider nicht aufhalten», bedauert Schwitter. «Auch dann nicht, wenn wir im Dorf bleiben.» Die beiden Pfarrer sind im Gegenteil davon überzeugt, dass das Einkaufszentrum ein guter Ort ist: «Gerade hier, wo alles mit Geld gekauft werden kann, ist es doch wichtig, einen Raum zu haben, an dem klar wird, dass es nicht alles für Geld gibt.»

swissinfo, Alexandra Stark

Mitte März eröffneten die drei Schweizer Landeskirchen gemeinsam im Zürcher Sihlcity die erste Kirche der Schweiz in einem Einfkaufszentrum.

Die Kirche steht Menschen aus allen Konfessionen und Religionen sowie Konfessionslosen offen. Drei Pfarrer stehen für seelsorgerische Gespräche zur Verfügung.

Die Kirche ist ein ergänzendes Angebot und trägt durch ihren Standort veränderten Lebensgewohnheiten Rechnung.

Die rund hundert Besucherinnen und Besucher pro Tag in den ersten zwei Monate zeigen, dass die Kirche einem grossen Bedürfnis entspricht.

Andere von der reformierten und katholischen Kirche gemeinsam getragenen Projekte sind die Bahnhofskirche im HB Zürich, die Flughafenkapelle am Flughafen Kloten, aber auch das Aidspfarramt in Zürich sowie die schweizerische Internet- und SMS-Seelsorge.

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