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«Ein typisches Frauenleben in der Schweiz ist heute sehr anders als vor vierzig Jahren – ein typisches Männerleben nicht»

Eine Frau mit zwei Kindern am Zürichsee.
Frauen übernehmen in der Schweiz noch immer den Hauptteil der Familienarbeit – die Gründe sind vielschichtig. Keystone / Walter Bieri

Politikwissenschaftlerin Silja Häusermann sagt, warum die Familienpolitik in der Schweiz weit hinter dem europäischen Umfeld zurückbleibt. Und warum ein zentraler Aspekt dabei oft vergessen geht.

17% der Bevölkerung in der Schweiz sind Kinder und Jugendliche. Es ist eine bedeutende Gruppe, nicht nur weil sie bald ins Rentensystem einzahlt und so die Bezüge der älteren Generationen sichern wird. Auch die wirtschaftliche Zukunft und die Versorgung der Bevölkerung – etwa mit Gesundheitsleistungen – hängen zu einem guten Teil von den Jungen ab.

Vor diesem Hintergrund mag überraschen, dass die Schweiz sich mit der Förderung von Familien schwertut. Zwar gibt es spezialisierte Verbände wie Pro Juventute oder Pro Familia, die die Interessen der Heranwachsenden vertreten. Wie die renommierte Schweizer Politologin Silja Häusermann von der Universität Zürich aber festhält, «ist es ganz klar so, dass die Lobby deutlich schwächer ist als diejenige anderer gesellschaftlicher Gruppen, etwa der Landwirtschaft.»

Silja Häusermann
Die Schweizer Politikwissenschaftlerin Silja Häusermann zVg

Den Hauptgrund dafür sieht Häusermann darin, dass die Anliegen von Kindern, Jugendlichen und Familien diffus und breit verteilt seien. «Unmittelbare Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen können wir wissenschaftlich ermitteln, aber was für Familien die optimalen Bedingungen sind, um diese Bedürfnisse zu decken, darüber kann man streiten.»

Dieser Streit wird auch geführt. Auf Bundesebene fechten konservative und progressive Kräfte – und blockieren sich oft gegenseitig.

Was die Schweiz von vielen EU-Staaten unterscheidet

Solche Wertekonflikte gibt es zwar auch im Ausland, im Vergleich zum europäischen Umfeld ist die Familienpolitik in der Schweiz aber wenig ausgebaut. Häusermann nennt dafür drei Ursachen.

Erstens sei die «staatsinterventionistische Linke» in der Schweiz klar schwächer als in den meisten europäischen Ländern. So kamen SP und Grüne im Bundesparlament nie über 30% der Sitze hinaus, während linke Parteien etwa in skandinavischen Ländern historisch meist weit über 40% Wähleranteil hatten.

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Zweitens ist die Schweiz stark föderalistisch geprägt, was Reformen bremst. «Länder mit föderalem System haben generell weniger familienpolitische Leistungen, weil es eine Verschiebung von Verantwortlichkeiten und Kosten gibt und die Herausforderungen immer nur lokal wahrgenommen werden», sagt Häusermann.

Das Resultat sind grosse regionale Unterschiede. «In der Schweiz gibt es Städte mit einer fast skandinavischen und andere mit einer quasi italienischen Familienpolitik.» Dieser Flickenteppich sei gewollt: «Es ist genau der Zweck von Föderalismus, dass unterschiedliche Gemeinschaften unterschiedliche Wertvorstellungen leben können.»

Als dritten Grund nennt Häusermann die in der Schweiz vergleichsweise konservativen sozialen Normen und Werte. «Alle drei Dimensionen verstärken sich, woraus dann eine viel zurückhaltendere Familienpolitik resultiert.»

Der Schweizer Wohlstand hemmt Reformen

Die Differenz zum europäischen Umland schliesst aber nicht alle Bereiche ein. Bei den Steuerabzügen und Familienzulagen sei die Schweiz «ziemlich im Durchschnitt», sagt Häusermann.

Gross ist der Unterschied hingegen bei der Kinderbetreuung. Kita-Plätze sind teuer und müssen je nach Einkommen und Wohnort ganz oder zu einem erheblichen Teil selbst bezahlt werden. Zudem gibt es, vor allem in kleinen Gemeinden, teils wenige oder gar keine Kita-Plätze.

Die Knappheit an Kitaplätzen erklärt aber nur zum Teil, dass in vielen Schweizer Familien ein oder beide Elternteile Teilzeit arbeiten. Es spielt auch eine Rolle, dass das Arbeitspensum für eine Vollzeitstelle in der Schweiz höher ist als in den meisten europäischen Ländern.

Und was gerne vergessen geht: «In der Schweiz können viele Familien von 1,5 Einkommen leben, in vielen europäischen Ländern ist das nicht der Fall», sagt Häusermann.  «Viele Schweizer Familien können sich ein konservatives Modell leisten». In der Mehrheit sind es nach wie vor die Mütter, die in der Schweiz ihr Arbeitspensum reduzieren.

Geburtenrückgang: Welches Land kann noch als Vorbild dienen?

Nur entscheiden sich immer weniger Schweizerinnen und Schweizer überhaupt für die Elternschaft. Die Schweiz gehört heute im Westen zu den Ländern mit den wenigsten Geburten. Zuletzt sank die Fertilitätsrate auf 1,29Externer Link – den tiefsten Wert der Geschichte.

Die Schweiz bleibt damit deutlich hinter Frankreich und Skandinavien zurück, die lange die höchsten Reproduktionsraten in Europa hatten. In Frankreich stand dahinter eine pronatalistische Politik, die für Familien aller Einkommensklassen eigene Anreize setzt. In Skandinavien war die Familienpolitik ein Nebenprodukt der Geschlechtergleichstellung.

Unterdessen hat Bulgarien in Europa die höchste Fertilitätsrate, was vor allem auf das tiefere Durchschnittsalter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes zurückgeführt wird – eine der wichtigsten Einflussgrössen. Daneben gibt es wegen der anhaltenden massiven Abwanderung auch verzerrende statistische Effekte.

Bulgarien investiert aber auch viel in die Geburtenförderung: vom bezahlten Mutterschaftsurlaub bis zur staatlichen Bezuschussung von künstlichen Befruchtungen.

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Lange Tage, fixe Mittagszeiten: Der starre Schweizer Arbeitsmarkt

Was lässt sich aus diesen Entwicklungen für die Schweiz ableiten? Könnten die Geburtenzahlen von Massnahmen im Stile der EU-Länder profitieren?

Häusermann sagt, die Familienpolitik sei nur eine von drei Einflussgrössen. Die zweite ist der Arbeitsmarkt, die dritte bilden die sozialen Normen. «Solange es zwischen diesen drei Faktoren Reibungen gibt, bringt es wenig, an einem Rädchen zu drehen.»

Das könne man in Japan und Südkorea beobachten. Die dortigen Regierungen sind angesichts der tiefen Geburtenzahlen alarmiert und bauen ihre Familienpolitik aus. «Aber beides sind Gesellschaften, in denen sich weder der Arbeitsmarkt noch die Normen reformiert haben», sagt Häusermann.

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Auch in der Schweiz ortet sie bei der Vereinbarkeit Probleme: «Von einer Vollzeitberufstätigkeit ist die Schweiz meilenweit entfernt. Wir haben eine viel längere Wochenarbeitszeit als andere Länder. Alle machen eine Stunde Mittagspause und gehen um 6 Uhr nach Hause. Das ist in Ländern, wo beide 100% arbeiten, anders.»

Entsprechend haben sich auch die Geschlechterrollen in der Schweiz nicht grundlegend transformiert. Selbst Frauen mit tertiären Bildungsabschlüssen fangen die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie mit Pensenreduktionen und einer konstanten Doppelbelastung auf.

«Ein typisches Frauenleben ist heute sehr anders als vor vierzig Jahren, ein typisches Männerleben nicht», sagt Häusermann. «Vielleicht läge hier der Schlüssel», fügt sie an.

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Politische Massnahmen wie ein vor sechs Jahren beschlossener zweiwöchiger obligatorischer Vaterschaftsurlaub würden weniger aus sich selbst heraus wirken als dadurch, dass sie das Selbstverständnis und die Normen in Frage stellen.

«Gesetzesreformen normalisieren Lebensentwürfe. Vaterschaftsurlaub bedeutet, dass es normal und erwartet ist, dass ein Mann daheimbleibt, wenn er ein Kind hat», sagt Häusermann.

Die Zuwanderung blockiert die Debatte in der Schweiz

Dass die Schweiz bald eine breite Diskussion über die Familien- und Kinderförderung führt, sieht sie nicht kommen. Dafür fehle in der familienpolitischen Diskussion der pronatalistische Aspekt – also ein Verständnis, dass Familienpolitik ein Hebel für eine höhere Geburtenrate sein kann.

Die Linke denke vor allem gleichstellungspolitisch, die wirtschaftspolitisch liberalen, konservativen Kreise wollten das Modell der Rollenteilung und den Arbeitsmarkt bewahren. In der Schweiz mit ihrer hohen Nettozuwanderung gebe es keine Wahrnehmung, dass die Bevölkerung schrumpfe und dass das ein Problem sei, sagt Häusermann. «Das Ziel ‚Mehr Kinder‘ sieht man nicht.»

In der Schweiz sinken die Geburtenzahlen nicht nur wegen der Kinderlosen. Lesen Sie dazu auch:

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