"Erwerbstätigkeit schützt nicht vor Armut"

In der Schweiz gelten Personen mit einem monatlichen Einkommen unter 2600 Franken als arm. Keystone

Eine Million Personen in der Schweiz gelten als arm oder armutsgefährdet. Wie lässt sich angesichts des tiefgreifenden Strukturwandels auf dem Arbeitsmarkt die Gefahr reduzieren, in die Armut abzugleiten? swissinfo.ch sprach mit dem Sozial- und Wirtschaftsexperten Carlo Knöpfel, Professor an der Basler Hochschule für Soziale Arbeit.

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Zahlen zur Armut in der Schweiz

Gemäss Schätzungen von Caritas Schweiz liegt das Einkommen von 530'000 Personen in der Schweiz unter dem Existenzminimum. Das entspricht 6,6 Prozent der Bevölkerung. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) hat dieses Existenzminimum bei 2600 Franken für alleinstehende Personen und bei 4900 Franken für eine vierköpfige Familie festgelegt (Stand 2015). Dazu kommen noch 530'000 Personen in prekären finanziellen Verhältnissen. Sie gelten als armutsgefährdet.

Erwerbslose Personen sind am stärksten armutsgefährdet, ausserdem Menschen ohne postobligatorische Ausbildung, Arbeitnehmer mit sehr geringen Einkommen ("Working poor"), Familien mit mehr als zwei Kindern und Alleinerziehende. In der Schweiz lebt jede siebte Einelternfamilie in Armut. Gemäss einem vor kurzem erschienenen Bericht des Bundesamtes für Statistik sind in der Schweiz 73'000 Kinder von Armut betroffen, d.h. bei jedem zwanzigsten Kind fehlt zu Hause das Geld zum Leben.

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Mit einem Wachstum von 1,5% im Jahr 2016 ist die Schweizer Wirtschaft bei guter Gesundheit. Gleichwohl betont Caritas Schweiz, dass zunehmend Personen mit geringem Einkommen einem Armutsrisiko ausgesetzt sind. Caritas thematisiert heute anlässlich einer sozialpolitischen Tagung in Bern das "Recht auf Arbeit".

swissinfo.ch: Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Erde. Und doch gibt es Schätzungen, die von 530'000 Armen und 500'000 Armutsgefährdeten ausgehen. Wie ist das möglich?

Carlo Knöpfel: Armut ist ein relativer Begriff. Mit Sicherheit lassen sich Arme in der Schweiz nicht mit Armen im Südsudan vergleichen. In der Schweiz gilt eine Person oder eine Familie als arm, wenn sie ein bestimmtes Einkommen nicht erreicht (Details siehe Kasten). Doch wir dürfen den Begriff der Armut nicht nur materiell sehen. Arm sein heisst nicht nur, nicht genug Geld zu haben.

swissinfo.ch: Gibt es besondere Risikogruppen?

C.K.: Namentlich schlecht Ausgebildete, Personen mit psychischen Problemen und Einelternfamilien unterstehen diesem Armutsrisiko. Das höchste Armutsrisiko besteht aber für Kinder, die in armen Haushaltungen aufwachsen.

swissinfo.ch: Wie kann es dazu kommen, dass eine Person in die Armut abgleitet?

C.K.: Zuerst einmal muss festgehalten werden, dass eine Berufstätigkeit keine Garantie gegen Armut darstellt. Ein Viertel der 530'000 Personen in der Schweiz, die als arm gelten, sind berufstätig. Aber das Einkommen reicht gleichwohl nicht. Auch eine Scheidung, Drogenabhängigkeit oder eine chronische Krankheit kann fatale Folgen haben. 

Carlo Knöpfel hat fast 20 Jahre bei der Caritas gearbeitet und ist inzwischen Professor an der Hochschule für Soziale Arbeit in Basel. SRF

swissinfo.ch: Wie soll die Armut in der Schweiz bekämpft werden?

C.K.: Die Fort- und Weiterbildung für Personen ohne Ausbildung müsste forciert werden, damit sie in der Lohnskala nach oben kommen. Ihre Arbeitsplätze wiederum könnten dann von Arbeitslosen besetzt werden. Die Wirtschaft funktioniert nach ihrer eigenen Logik, um wettbewerbsfähig zu sein. Gewisse Leitplanken wären nötig – nicht mit Verboten oder Verordnungen, sondern mit Anreizen. So etwa, dass Firmen bei der Vergabe von Aufträgen der öffentlichen Hand nur dann berücksichtigt werden, wenn sie einen gewissen Teil ihrer Arbeitsplätze für schlecht ausgebildete Personen zur Verfügung stellen. Das wurde mit Erfolg bei Lehrstellen angewendet. Warum sollte es nicht auch mit wenig qualifiziertem Personal funktionieren?

swissinfo.ch: Was beunruhigt Sie am meisten an den aktuellen Entwicklungen?

C.K.: Der weit verbreitete Abbau des Sozialstaates. Nicht die Höhe der Bezüge werden gekürzt, aber die Leistungen. Dadurch entsteht neue Armut, mehr Leute müssen von der Sozialhilfe leben. Das ist ein Teufelskreis, aus dem immer neue Armut entsteht.

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