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Erfolgsstory einer Schweizer Keramikerin in Ägypten

Die 11-jährige Schülerin Manar gibt einer anderen Schülerin einen Töpferkurs.

Die 11-jährige Schülerin Manar gibt einer anderen Schülerin einen Töpferkurs.

Der in Genf diplomierten Schweizer Keramikerin Evelyne Porret ist es gelungen, ein ägyptisches Bauerndorf in eine Hochburg der Töpferei zu verwandeln. Ein Rückblick auf ein wirtschaftliches Wunder.

Ihr Vater, ein anerkannter und respektierter Mann, ist protestantischer Pfarrer in der ägyptischen Hauptstadt Kairo, ihre Mutter ist Hausfrau. 1960, mit 20 Jahren, beschloss Evelyne Porret, ihren Eltern ins Land der Orangenbäume zu folgen.

Sie tat dies nicht nur, weil sie bei ihren Eltern sein wollte, sondern auch, um sich und ihr Leben zu verändern. Die junge Frau lernt die ägyptische Sprache und arbeitet mit zahlreichen Künstlern des Landes auf dem Gebiet der Töpferei zusammen.

1989 verlässt Evelyne Kairo und lässt sich an einem ruhigeren Ort nieder. "Ich ging in die Region Fayum, weil es dort so schön ist", erklärt sie.

Töpferkurse für die kleinen Nachbarn

In Tunes, ein kleines Dorf zweieinhalb Fahrstunden von Kairo entfernt, dreht sich das Leben um die Kinder. Nach der Schule helfen zahlreiche Kinder ihren Eltern auf dem Feld. Madinat-al-Fayum ist eine Oase, die von ihren Feigen-, Trauben- und Olivenkulturen lebt.

Die ehemalige Schülerin von Philippe Lambercy an der Kunstgewerbeschule Genf – einer der Pioniere der Keramikforschung in der Schweiz – verspürt Lust, ihre neuen kleinen Nachbarn die Töpferei entdecken zu lassen. Aber die Eltern sehen diese Initiative nicht gern. Sie glauben, dass ihre Kinder die Feldarbeit vernachlässigen würden.

Die Schweizer Pfarrerstochter schlägt vor, jene Eltern zu entlöhnen, die ihre Kinder arbeiten lassen – mit Ton… Die Erfahrung ist erfolgreich. Fünfjährige, zehnjährige Kinder, Mädchen, Jungen, aber auch Erwachsene entdecken die Freude, Erde zu kneten. Für sie ist das ein Spiel. Sie formen Fische, Esel, Palmen.

Das Atelier als Schule

Die Touristen, die den berühmten Qarun-See in Fayoum besuchen, lernen auch diese improvisierte Schule kennen. Die Arbeiten der zukünftigen Töpferinnen und Töpfer bestechen. Die naive Kunst der Schule in Fayum ist geboren.

Evelyne Porret bringt frischen Wind in diese arme Region Ägyptens. Die Werke verkaufen sich wie Brötchen; die Kinder erhalten für jedes Stück 10% des Verkaufspreises. Der Rest wird zur Selbstfinanzierung der geplanten Vollzeitschule verwendet. Evelyne sucht mittels Inseraten schweizerische und französische Töpferinnen und Töpfer. Ziel: Verstärkung zur Fortsetzung des Abenteuers.

Die eigentümliche Kunst von Fayum

Die 32-jährige Französin Marina hatte genug vom Schalen produzieren in Lyon. Wie schon viele andere vor ihr folgt sie dem Aufruf von Evelyne Porret. "Die Leute hier führen ein einfaches Leben. Ihr Geist ist nicht verschmutzt. Sie ernähren ihre Kreativität mit dem, was sie umgibt", erzählt die junge Frau.

"Wir lehren Sie die Technik, und sie lassen ihrer Kreativität freien Lauf. Sie lassen sich von den Dingen um sich herum anregen. Daran erkennt man so eindeutig die Kunst von Fayum."

Mittlerweile sind die Kinder von Tunes grösser geworden. Einige von ihnen haben die Arbeiten auf dem Feld aufgegeben, um im Dorf einen eigenen Laden zu eröffnen. Sie haben selber Kinder gehabt und diese zu "Avelyne", wie sie mit diesem so untypischen ägyptischen Akzent sagen, geschickt.

Andere haben anderswo ihre eigene Schule eröffnet, zum Beispiel in Luxor. Im Dorf spriessen die Boutiquen. Am Wochenende ist das Dorf für die Einwohner von Kairo zu einem eigentlichen Sonntagsausflug geworden, von dem sie oft mit Taschen voller Teller, Schalen und Tassen zurückkehren.

Nach Ansicht eines Projektleitungs-Experten hat diese einfache Initiative mit dazu beigetragen, die Wirtschaft der Region zu diversifizieren. In Ägypten hätten zahlreiche Projekte mit kostspieliger Finanzierung nie das Licht der Welt erblickt, sagt Christian Ferraris. "Das quasi instinktive Vorhaben dieser Frau hat eine Aktivität ins Leben gerufen, die in dieser Region nicht existierte."

Ausstellungen im Ausland

Die heute 73-jährige Evelyne Porret ist Gastgeberin in ihrem Haus neben der Schule, mit direkter Aussicht auf den See. "Viele Töpferinnen und Töpfer kennen mich nicht einmal mehr. Meine Schüler haben die Nachfolge angetreten", sagt sie. Die kleine Manar sitzt neben ihrer Ausbildnerin. Das 11-jährige Mädchen erzählt von den Kursen, die sie selber für Ausländer organisiert.

Manar spricht über ihre Reisen in die Schweiz und nach Frankreich, wo sie "ihre Arbeit zeigt". Man habe in der Galerie Marianne Brand in Carouge bei Genf und auch in Paris ausgestellt, sagt sie stolz.

"Das öffnet den Horizont meiner Schülerinnen und Schüler: im Ausland Leute kennen lernen", kommentiert Evelyne Porret. "Viele Leute hier können weder lesen noch schreiben."

Die Schweizerin ist vor allem stolz darauf, den kleinen Mädchen eine gewisse Autonomie übermittelt zu haben. "Sie können einen Töpferofen herstellen, sie haben einen Beruf erlernt, sie sind von niemandem abhängig."

Die Revolution – eine schwierige Umstellung

Vor einigen Jahren lernte Evelyne bei einem ihrer Besuche in Genf den Innenarchitekten und Tapisserie-Spezialisten Michel Pastore kennen. Sie heirateten, und der diplomierte Kunstgewerbler aus Vevey liess sich bei seiner Frau in Tunes nieder.

Seit der ägyptischen Revolution Anfang 2011 leidet das Land an Isolation. Es ist schwieriger geworden, die Töpfereiwerke zu verkaufen. "Die Migros hat mir zu Beginn des Aufbaus der Schule sehr geholfen. Aber jetzt habe ich weniger Unterstützung. In diesem komplizierten Moment, den die ägyptische Wirtschaft erlebt, würden finanzielle Vermittler der Schule gut tun", betont Evelyne Porret. "Aber wir arbeiten weiter."

Ihre wichtigste Motivation? Die Kinder. "Sie sind immer glücklich, wenn man sich für ihre Arbeiten interessiert."

Ausstellung in Winterthur

Die Arbeiten der Schülerinnnen und Schüler von Evelyne Porret sind derzeit im Gewerbemuseum Winterthur zu sehen. Dies im Rahmen der Ausstellung "1001 – Tausend und eine Schale".

 

Hundert namhafte Keramikerinnen und Keramiker aus fünf Kontinenten wurden eingeladen, je eine Serie von zehn Keramikschalen zu entwerfen.

Die Ausstellung ist eine Hommage an die Kulhar, die bescheidene indische Teeschale aus Ton, die in ihrer universellen Eigenart selbst in Indien allmählich von anonymen Plastik- und Papierbechern verdrängt wird. Entstanden ist dabei gleichzeitig eine Ausstellung, die einen globalen Überblick zum Reichtum und der Lebendigkeit des zeitgenössischen Keramikschaffens zu vermitteln vermag.

Nach Stationen in Indien, China, Korea, Frankreich und der Romandie gelangte die Schau nun ins Forum im Gewerbemuseum Winterthur, wo die Ausstellung mit einer Sonderpräsentation ergänzt wird: 17 weitere, international renommierte Keramiker präsentieren Serien von je 10 Schalen in Lüsterkeramik, welche eigens für die Ausstellung in Winterthur gestaltet wurden. Damit werden zusätzlich Grundlagen einer alten und faszinierenden Technik veranschaulicht.

Die Ausstellung "1001 – Tausend und eine Schale" dauert bis 6. Mai 2012.

Infobox Ende


(Übertragung aus dem Französischen: Jean-Michel Berthoud), swissinfo.ch


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