«Fussball ist der Motor für mein künstlerisches Leben»
Der Italo-Schweizer Massimo Furlan, Schauspieler, Regisseur und Choreograph spektakulärer Inszenierungen, spricht mit swissinfo über seine Fussball-Leidenschaft. Jetzt bereitet er sich auf einen Auftakt-"Match" zur Euro 08 in Wien vor.
Obschon der 42-jährige Massimo Furlan in Lausanne aufgewachsen ist, hat ihn seine italienische Herkunft immer wieder eingeholt. Die Bindung zum Land seiner Eltern ist stark und leidenschaftlich. Sie ist Inspiration für seine intimen oder aussergewöhnlichen Inszenierungen, sei es nun auf einer Theaterbühne oder im Fussballstadion
Ja, das Fussballstadion ist der Ort, wo sich die Traumwelt eines Achtjährigen verwirklicht. Als Knirps hörte er am Radio jeweils gespannt den Übertragungen der italienischen Meisterschaft zu. Mit einem Ball aus Schaumstoff mimte er die Schilderungen der Kommentatoren.
Massimos Spielfeld war damals sein Zimmer. «Ich schoss fantastische Tore», erzählte er, «mit Flügelläufen über die linke oder rechte Seite.» Richtigen Fussball hat er nie gespielt. Trotzdem gehören heute seine Flügelläufe auf der Bühne zur Sonderklasse und werden in mehreren europäischen Städten bejubelt.
Es begann in Lausanne
Das Abenteuer begann in Lausanne 2002. Massimo, der unkonventionelle Schauspieler und Regisseur, spielte «Furlan/Nummer 23». Er allein verkörperte Italien und dessen fussballerischen Ruhm.
Im Lausanner Stadion La Pontaise, wo die Aufführung stattfand, konnte das perplexe Publikum ihm zuschauen, wie er in einer Solonummer die zwei Finalisten – Deutschland-Italien – an der Weltmeisterschaft 1982 imitierte.
Furlan war am Ziel seiner Kinderträume. Als Kommentator fungierte Jean-Jacques Tillmann, der bekannteste Sportjournalist der Romandie. Furlan hatte ihn angefragt, für dieses Projekt seine eigene Rolle zu übernehmen. Die Aufführung wurde in verschiedenen Stadien in Italien gespielt.
Blenden wir zurück auf das Schlüsselerlebnis im Leben eines Künstlers.
swissinfo: Warum wählten Sie die Nummer 23?
Massimo Furlan: Weil es sie nicht gibt. Man weiss ja, dass in einem Spiel total 22 Spieler auf dem Feld sind. Ich bin also in diesem Stück der Überzählige, der auf Grund seiner Exzentrik sich alle Spinnereien erlauben kann.
Viele Rollen, die ich im Theater gespielt habe, waren mit meiner Biographie verknüpft. Auch in diesem Stück konnte ich meine Fantasien aus der Kindheit verwirklichen. Der Fussball war für mich der Motor für das künstlerische Leben. Alle Jungs träumen vom runden Ball. Ich habe nie in einer Klubmannschaft gespielt, doch dank dieser Aufführung konnte ich mich als Helden neu erfinden.
swissinfo: Schauspieler streben meistens danach, die grossen Theaterfiguren zu spielen : Hamlet, Lear, den Cid. Sie aber träumen von den Grössen des Fussballs. Das ist eher ungewöhnlich!
M.F.: Wissen Sie, alle grossen Schauspieler, die jene aussergewöhnlichen Charaktere spielen, träumen im Innersten davon, ein Rockstar zu sein. Ich habe immer davon geträumt, Torjäger oder Mittelstürmer zu sein. Auf meine Weise war ich es nun.
swissinfo: In der Inszenierung «Numéro 10», aufgeführt 2006 im Parc des Princes in Paris, spielten Sie Michel Platini. Was bedeutet er Ihnen?
M.F.: Er ist der Künstler par excellence. Auch hier ist die Nummer nicht zufällig. In einer Mannschaft ist die Nummer 10 der Spielgestalter, ein Choreograph, der die Fäden in der Hand hält und dem Spiel seinen Stempel aufdrückt. In dieser Hinsicht war Platini für mich eine heroische und mythische Figur, mit der ich mich sehr gerne identifiziere, umso mehr als er wie ich italienische Wurzeln hat.
Ich habe das Stück wie eine Choreographie konzipiert, mit Platinis Antritten und Sturmläufen, seinen Stürzen und seiner Gestik beim Reklamieren. Und auch ein tragisches Ende durfte nicht fehlen: Patrick Battiston, der bei einem Zusammenprall mit dem Torhüter ein paar Zähne verliert und bewusstlos liegen bleibt. Ein grosses Stück!
swissinfo: Viele Künstler, Schriftsteller oder Intellektuelle mögen den Fussball nicht, das weiss man. Was sagen Sie jenen, die diesen Sport gerne als «Albtraum der Globalisierung» betrachten?
M.F.: Ich sage Ihnen, dass sie nicht Business mit Traum verwechseln sollten. Der Fussball ist eine Geldmaschine, klar, und in dieser Hinsicht nervt mich dieser Sport. Doch für kein Geld der Welt, wenn wir schon davon sprechen, würde ich auf das Glück verzichten, das ich empfinde, wenn Italien bei einer grossen internationalen Begegnung ein Tor schiesst.
swissinfo: Und wie ist es mit der Schweizer Nationalmannschaft, jubeln Sie nicht auch, wenn sie ein Tor schiesst?
M.F.: Doch natürlich, sie ist mir sehr sympathisch, doch es sind die italienischen Spieler, die weiterhin meine Fantasie anregen.
swissinfo: Wenn Sie einen Schweizer Fussballer spielen würden, auf welchen würde Ihre Wahl fallen?
M.F.: Eric Burgener, berühmter Torwart aus den 1980er-Jahren. Das war die Zeit, als die Schweiz alle wichtigen Matches verlor. Doch Burgener hatte eine expressive, theatralische Seite: Er kassierte Tor um Tor, verlor aber nie seine Haltung. Er war ein netter Riese mit entwaffnendem Charisma. Ich würde gerne sein Trikot überziehen.
Man müsste in die 1950er-Jahre zurückgehen, um das Heldentum in unserer Nationalmannschaft zu finden. Doch in diesen Jahren kenne ich mich nicht gut aus.
swissinfo: Es ist also kein Schweizer «Match» in Sicht. Am 16. Mai werden Sie jedoch als Auftakt zur Euro 08 in Wien auftreten. Können Sie uns dazu etwas sagen?
M.F.: Ja, ich spiele zu Ehren von Österreich einen «Match» mit dem Titel «Das Wunder von Cordobà». 1978 eliminierte Österreich zum einzigen Mal in seiner Fussballgeschichte Deutschland – David gegen Goliath. Es war an der Weltmeisterschaft in Argentinien, ein Gruppenspiel. Ich spiele Krankl, den damaligen Mittelstürmer mit der Nummer 9. Heute ist er längst zu einer Legende geworden.
Interview swissinfo, Ghania Adamo
(Übertragung aus dem Französischen: Christine Fuhrer)
Schauspieler, Bühnenausstatter, Regisseur und Plastiker, geboren 1965 in Lausanne als Kind italienischer Eltern.
Er studiert an der Ecole des Beaux-Arts in Lausanne, beginnt dann einen Zyklus von Arbeiten zum Thema Erinnerung und Vergessen.
Seit 1987 stellt er seine Plastiken regelmässig aus, in der Schweiz und in Europa.
Parallel dazu arbeitet er als Bühnenausstatter bei verschiedenen Tanz- und Theaterensembles.
Im Jahr gründet er «Numero 23 Prod», schreibt seine eigenen Stücke, die alle mit seiner Biographie zusammenhängen.
So entstanden «International Airport», die Trilogie «Love story», «Palo Alto», «Les filles et les garçons».
Seine Serie «Matchs», die er in der Schweiz, in Frankreich, in Italien, in Polen (und bald schon in Österreich) aufführt, beschert ihm einen Riesenerfolg bei Publikum und Kritik.
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