Rassismus: Debatte über umstrittene Denkmäler erreicht Schweiz


Globale Antirassismus-Proteste nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd in den USA haben die Debatte über umstrittene Denkmäler in den Vereinigten Staaten und Europa neu entfacht. In der Schweiz geraten Verbindungen zum Sklavenhandel, Statuen und erneut ein Berggipfel in den Fokus.

Floyd starb am 25. Mai in Minneapolis, USA, nachdem sich ein weisser Polizeibeamter rund neun Minuten lang auf den Hals des am Boden Liegenden gekniet hatte.

Sein Tod hat eine Welle des Protests ausgelöst, in deren Sog viele Länder beginnen, sich verstärkt mit ihrer kolonialen Vergangenheit und mit Rassismus auseinandersetzen.

In den USA, Grossbritannien und Belgien wurden umstrittene Statuen von Demonstranten niedergerissen oder von lokalen Behörden entfernt. 

Neuenburger Mäzen und Wohltäter

In der Schweiz haben über 2000 Menschen eine Online-Petition unterzeichnet, in der die Entfernung der Bronzestatue von David de Pury aus dem Zentrum von Neuenburg in der Nordwestschweiz gefordert wird.

Der 1786 verstorbene, wohlhabende Unternehmer und Wohltäter habe sein Vermögen durch Investitionen und den Handel mit Edelhölzern und Diamanten in Brasilien gemacht, also mit der Ausbeutung afrikanischer Sklaven, begründen die Urheber der Organisation "Collectif pour la memoire" (Kollektiv des Erinnerns) die Lancierung ihrer Petition am 8. Juni.

De Pury, der in Neuenburg geboren und in Lissabon, Portugal, gestorben war, ist in der Schweizer Uhrenstadt bis heute eine bekannte Grösse. Er spendete nach heutiger Währung 600 Millionen Franken für wohltätige Zwecke, aber vor allem finanzierte er die Errichtung des Rathauses, eines Krankenhauses und einer Schule.

Ein öffentlicher Platz in der Stadt trägt bis heute seinen Namen. Dort steht auch die Statue, die an den Wohltäter erinnert.

Erziehung und Bildung statt Revision

Die Aktivisten und die Unterzeichnenden fordern eine kritische Neubeurteilung dieser Vergangenheit. Deshalb sollen die Stadtbehörden die Statue von De Pury durch eine Gedenktafel ersetzen, die an die Opfer des Rassismus gemahnt.

Das Ziel der Petition sei erzieherisch, so die Autoren, es gehe ihnen nicht darum, die Geschichte neu zu schreiben. "Wir wollen, dass dieser Aspekt der Neuenburger Geschichte in der Schule gelehrt wird", sagte Mattia Ida am Westschweizer Fernsehen RTS.

Es handelt sich um ein komplexes Thema, sagte Mohamed Mahmoud Mohamedou, Professor am Genfer Graduate Institute für internationale Studien.

"Geschichte zu sterilisieren ist nie eine gute Idee", sagte er im selben TV-Beitrag. "Es muss eine öffentliche Debatte stattfinden. Ich sehe, dass der Bürgermeister von London gerade eine Kommission eingesetzt hat, die alle Statuen der Stadt überprüfen soll – das ist die Art von demokratischem Engagement, die wir brauchen", so der Forscher.

Erste Frau, erste Dunkelhäutige im Parlament

Es ist nicht das erste Mal, dass Neuenburg im Fokus der Diskussionen um rassistische Vergangenheit und Denkmäler steht. Im Jahr 2018 beschloss die Stadt, die durch das Universitätsviertel verlaufende Strasse Espace Louis-Agassiz umzubenennen, um sich vom berühmten schweizerisch-amerikanischen Gletscherforscher des 19. Jahrhunderts zu distanzieren. Nebenher verbreitete er Rassentheorien.

Seither trägt die Strasse den Namen Espace Tilo Frey, benannt nach der aus Kamerun stammenden Schweizer Politikerin. Die dunkelhäutige Frey war 1969 die erste Frau im Neuenburger Kantonsparlament. 1971 wurde sie als eine der ersten Frauen überhaupt in den Nationalrat gewählt, die grosse Kammer des Schweizer Parlaments.

Gletscherforschung und Rassentheorie

Jetzt ist Agassiz erneut Thema in Schweizer Medien. In einem Brief an die lokalen Behörden fordern Aktivisten erneut die Umbenennung des Agassizhorns, einem knapp 4000 Meter hohen Gipfel in den Berner Alpen.

In den kommenden Tagen soll auch im Schweizer Parlament in Bern eine Motion eingereicht werden. In der Vergangenheit hatten Politiker und Städte die Umbenennung des Berges abgelehnt.

Keine Kolonialmacht

Die Schweizer Regierung hat sich immer auf den Standpunkt gestellt, dass die Schweiz als Nationalstaat nie in die Sklaverei verstrickt und auch nie eine Kolonialmacht war.

In den letzten zwei Jahrzehnten aber haben sich eine Reihe von Schweizer Historikerinnen und Forschern genau mit dieser Frage beschäftigt. Sie kamen zum Schluss, dass sehr wohl Schweizer Handelsunternehmen, Banken, Stadtstaaten, Familien- und Söldnerunternehmen, Soldaten und Privatpersonen vom Sklavenhandel profitierten.

Schweizer Verbindungen zum Sklavenhandel, von denen einige aus der Zeit vor der Gründung des Schweizer Bundesstaats 1848 stammen, sind auf den Webseiten louverture.ch und cooperaxion.ch dokumentiert.

Alfred Escher im Visier

Inmitten der weltweiten Antirassismus-Bewegung richten Öffentlichkeit und Medien ihre Aufmerksamkeit nun auch auf andere Schweizer Köpfe. "Gehört die Alfred-Escher-Statue ins Museum?", fragte die Nachrichtenplattform Watson am 11. Juni. Alfred Escher war ein bekannter Schweizer Industrieller, Politiker und Eisenbahnmagnat.

Er gründete die Schweizerische Kreditanstalt (SKA), die heutige Credit Suisse, und war auch Vizepräsident der heutigen Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH Zürich. Seine Familie besass zwischen 1815 und 1845 in Kuba eine Kaffeeplantage, die Sklaven beschäftigte, wie Historiker Michael Zeuske herausfand.

"Wir sollten vielleicht darüber nachdenken, ob die Alfred-Escher-Statue in einem Museum nicht besser aufgehoben wäre", sagte der Schweizer Historiker Hans Fässler, der schon vor zwölf Jahren in Neuenburg gegen die Statue de Purys demonstriert hatte.

Es sei eine Abwägung zwischen seinem immensen Einfluss auf die moderne Schweiz und dem Blut der Sklaven. "Zumindest bräuchte es eine zusätzliche Plakette, die auf die Schattenseiten seiner Erfolge aufmerksam machen würde", zitiert Watson den Historiker.

Im Dezember 2019 gründete Fässler, unterstützt von Dutzenden von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, ein Komitee, das sich für die Wiedergutmachung der Sklaverei im Schweizer Kontext ausspricht.

Die Organisation bringt auch Reparationen ins Spiel, welche Profiteure vom transatlantischen Sklavenhandel den Nachkommen der Opfer entrichten müssten.

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